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20.05.2013·12:30·Nationalmannschaft ·DFB.DE GESPRÄCH DER WOCHE

Beckenbauer und Matthäus: "Attraktivität der MLS nimmt zu"

WM 1990: Beckenbauer (l.) und Matthäus  © imago
WM 1990: Beckenbauer (l.) und Matthäus

Die USA-Reise der deutschen Nationalmannschaft und vor allem das Länderspiel gegen das Team des Gastgebers am 2. Juni in Washington – Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus werden dieses Gastspiel mit besonderem Interesse verfolgen. 1977 wechselte der "Kaiser" für insgesamt fast fünf Jahre zu Cosmos New York. 23 Jahre später schloss sich Matthäus im Jahr 2000 für eine Saison den New York/New Jersey MetroStars an.

Im Exklusiv-Interview auf DFB.de mit Redakteur Wolfgang Tobien berichten die beiden DFB-Ehrenspielführer von ihren Erfahrungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und beschreiben die Entwicklung des US-Fußballs. Und sie nehmen eine Standortbestimmung des Soccer made in USA vor dem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen das US-Nationalteam von Jürgen Klinsmann vor.

DFB.de: Die deutschen Fans blicken am 2. Juni nach Washington zum Länderspiel gegen die USA. Bei Ihnen, Lothar Matthäus und Franz Beckenbauer, werden dabei sicherlich Erinnerungen wach an Ihre Zeit im US-Fußball. Was ist davon als nachhaltigste Erfahrung geblieben?

Lothar Matthäus: Der Rückblick auf eine unglaublich schöne Zeit in New York, auf ein Leben voll mit neuen tollen Erfahrungen. Auf eine Zeit, die leider zu kurz war.

Franz Beckenbauer: Für mich steht über allem die bis heute unverrückbare Erkenntnis, dass mein Wechsel nach New York die beste Entscheidung meines Lebens gewesen ist.

DFB.de: Wobei Ihr Transfer vom FC Bayern zu Cosmos New York 1977 reichlich Furore verursacht hat und sogar mit Spott und Häme begleitet war. Klingen Ihnen die damaligen Aufgeregtheiten noch heute in den Ohren?

Franz Beckenbauer: Die hatten damals schon sehr schnell in mir einer ganz anderen Wahrnehmung Platz gemacht.

DFB.de: Nämlich?

Beckenbauer: Dass ich genau den richtigen Schritt gemacht habe. Die fünf Jahre da drüben, erst vier Spielzeiten und dann noch mal fast ein Jahr – es war eine traumhafte Zeit, die mich tief geprägt hat. Wahrscheinlich wäre ich heute ein Amerikaner, wenn Günter Netzer mich damals nicht zusammen mit Branco Zebec zum HSV geholt hätte. Damals habe ich bei Cosmos viele echte Freundschaften geschlossen, die bis heute gehalten haben, mit Pele, Carlos Alberto, Giorgio Chinaglia und anderen.

DFB.de: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reaktion, Herr Matthäus, als Sie als damals 16 Jahre alter Jugendspieler beim 1. FC Herzogenaurach hörten, dass Deutschlands Fußball-Idol in die USA "auswandern" würde?

Lothar Matthäus: So genau weiß ich das nicht mehr. Ich kann mich nur erinnern, dass ich sauer und traurig war, den Franz nicht mehr in unserer Nationalmannschaft zu sehen. Ähnlich war es ja bei Uli Stielike, der 1977 aus dem Nationalteam ausgegliedert wurde, weil er ebenfalls das "Verbrechen" begangen hatte. Ins Ausland, zu Real Madrid, zu gehen. Das waren schon merkwürdige Zeiten damals.

DFB.de: Stimmt es, Franz, dass Sie sich nach 19 Jahren beim FC Bayern und all den riesigen Erfolgen mit dem Verein an der Ablösesumme für die Münchner beteiligen mussten?

Beckenbauer: In diesem Fall hat der damalige Bayern-Präsident Neudecker keine gute Rolle gespielt. Er hat für mich als fast 32-Jährigen eine Million Mark als Ablösesumme verlangt. Die Amerikaner hatten keine Ahnung, was eine Ablösesumme ist, haben die Summe aber akzeptiert. Dann aber kam er mit einer Erhöhung auf 1,4 Millionen um die Ecke, was die Cosmos-Leute als unmögliches Geschäftsgebaren empfanden und fürchteten, dass er beim nächsten Gespräch 1,8 Millionen verlangt. Da habe ich zu den Amerikanern gesagt, passt auf, ich zahle die 400.000 Mark aus meiner eigenen Tasche.

DFB.de: Worin bestand überhaupt die sportliche Herausforderung, dass Sie damals unbedingt zu Cosmos und in die in Deutschland viel geschmähte nordamerikanische "Operettenliga" wechseln wollten?

Beckenbauer: In dieser angeblichen "Operettenliga" haben die damals besten Fußballer der Welt gespielt. Gerade auch bei Cosmos hatten wir mit Pele, Chinaglia, Carlos Alberto, Johan Neeskens und anderen ein Superteam, mit dem wir ja dann auch dreimal Meister wurden. Das war allein schon ein großer Anreiz. Hinzu kam die eigentliche Herausforderung, die hieß New York.

DFB.de: Eine für Sie damals unbekannte Welt?

Beckenbauer: Genau. Ich konnte mich ja zunächst nicht entscheiden. Da haben sie mich an Ostern 1977 eingeladen. Ich sollte mich mal umschauen und feststellen, dass Cosmos kein Bauern-Klub sei, sondern zu Warner Communications gehört, dem größten Entertainment-Unternehmen der Welt. Dabei haben sie den größten "Fehler" gemacht, dass sie mich in einen Hubschrauber gesetzt und durch Manhattan geflogen haben. Nicht außen herum, wie es heute nur noch erlaubt ist, sondern mitten hindurch. Da war ich so beeindruckt, dass ich Präsident Clive Toye, der neben mir saß, noch im Hubschrauber spontan zugesagt habe: Alles klar, ich komme.

DFB.de: New York – das war einst auch Ihnen, Lothar, nicht an der Herzogenauracher Wiege gesungen worden. Was war für Sie der entscheidende Grund zum Wechsel von Bayern München nach Amerika?

Matthäus: Nach zwei Jahrzehnten Profifußball in Deutschland und Italien hatte ich den Rhythmus satt, jeden Tag das Gleiche zu sehen, immer wieder die gleichen Abläufe. Ich war immer hoch motiviert, in der Bundesliga Fußball zu spielen, gerade beim FC Bayern. Doch irgendwo in mir war das Gefühl, dass es noch mal etwas anderes geben müsste in meinem Leben, etwas Neues in Verbindung mit Fußball.

DFB.de: Wie waren denn Ihre ersten Eindrücke vom US-Ligafußball 1977 und dann 23 Jahre später im Jahr 2000?

Beckenbauer: Der war damals natürlich noch in den Anfängen. Wir haben teilweise auf Baseball-Feldern mit den entsprechenden Linien gespielt und auf Kunstrasen. Das war für alle Europäer bei uns völlig ungewohnt. Wir waren die Pioniere für den Soccer.

Matthäus: Die Arbeit auf dem Platz beim Training und Spiel hatte ich mir, ehrlich gesagt, einfacher vorgestellt. Ich stellte sehr schnell fest, dass die MLS sich auf einem Niveau befand, auf dem man jeden Tag hart trainieren musste, wo man um jeden Ball kämpfen musste. Das Fußballerische stand zwar etwas im Hintergrund, doch im Nachhinein muss ich sagen, dass ich während der Woche nie so intensiv und so viel trainiert habe wie damals in Amerika.

DFB.de: Mit Ihnen, Franz, sollten zahlreiche weitere Welt-Stars wie Pele, Johan Cruyff, Neeskens, Deyna, Gerd Müller, George Best, Eusebio, Carlos Alberto, Giorgio Chinaglia oder Hugo Sanchez den US-Fußball Ende der 70er-Jahre anschieben und nach vorne bringen. Wie empfanden Sie ihre damalige Rolle als Entwicklungshelfer?

Beckenbauer: Wir haben uns alle schnell an die neuen Verhältnisse gewöhnt. Und ich war keiner, der dort seine Vertragszeit abgesessen hat. Ich hatte ein eigenes Soccer-Camp für Jugendliche, habe an zahllosen Charity-Veranstaltungen teilgenommen. Wir wussten, dass wir da waren, um dem US-Fußball zu helfen. Das haben wir auch getan und den Soccer einem breiten Publikum bekannt sowie die Sportart für Kinder sehr populär und beliebt gemacht.

DFB.de: 1993 wurde mit der Major League Soccer (MLS) als Grundvoraussetzung für die Ausrichtung der WM 1994 eine neue Profiliga gegründet. Wie attraktiv und solide war diese Spielklasse, Lothar, als sie 2000 zu den MetroStars kamen?

Matthäus: Sie war hervorragend organisiert. Stadien, Reisen, Gehälter – alles war perfekt und machte einen sehr professionellen Eindruck. Die Zuschauerzahlen waren zwar nicht so hoch wie in Deutschland, aber auch nicht so schlecht; wie es in Deutschland oft geschrieben wurde. Ich war sehr positiv überrascht.

DFB.de: Wie beurteilen Sie die heutige Situation des US-Fußballs?

Matthäus: Sie machen weiterhin große Fortschritte und arbeiten intensiv an der Infrastruktur. Ausländische Stars wie Beckham, Thierry Henry, Rafael Marquez spielten oder spielen als Gesichter der MLS immer noch eine Hauptrolle. Die Attraktivität und die Qualität des Spiels nehmen immer mehr zu. Und wenn man zum Beispiel die Ranglisten der besten Spieler und Torschützen einer Saison betrachtet, stehen immer häufiger einheimische Spieler auf den Spitzenplätzen. Davon und natürlich von den guten US-Spielern im Ausland profitiert auch das Nationalteam.

Beckenbauer: Ich finde die Entwicklung großartig. Das zeigt sich doch allein schon in der Tatsache, dass die Nationalmannschaft seit 1990 bei allen WM-Endrunden vertreten ist. Wenn ich lese, dass 2012 immerhin knapp 19.000 Zuschauer im Schnitt, bei den Play Offs sogar mehr als 23.000 zur MLS kamen, dann stehen diese Zahlen für eine solide Basis der Liga, die auf einem guten und gesunden Weg ist. Und ich persönlich freue mich, dass New York mit Red Bull wieder ein Profiteam hat und auch Cosmos in der MLS wiederbelebt werden soll.

DFB.de: Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen den beachtlichen Auftritten des US-Nationalteams und der eher bescheidenen internationalen Wahrnehmung der MLS?

Beckenbauer: Das liegt auch daran, dass viele gute amerikanische Spieler im Ausland spielen, was natürlich ein Handicap ist für die MLS. Andererseits profitiert von den Auslandserfahrungen seiner Spieler das Nationalteam. Dessen Niveau und Renommee ist enorm gestiegen.

Matthäus: Weshalb das US-Nationalteam seit mehr als 20 Jahren nicht zufällig Stammgast bei den WM-Endrunden ist. Bei diesen großen Turnieren werden die USA zwar wohl auch in nächster Zeit nicht zu den ganz großen Favoriten gehören. Doch sie waren und werden immer für eine positive Überraschung gut sein und dem einen oder anderen der Topfavoriten ein Bein stellen können.

DFB.de: In Washington kommt es jetzt zum Wiedersehen mit Jürgen Klinsmann...

Beckenbauer: ...für den ich die Rolle als Nationaltrainer der USA absolut perfekt finde. Er liebt Amerika. Er lebt in Amerika, ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Er denkt und fühlt wie ein Amerikaner. Besser können die Voraussetzungen also nicht sein für ihn und den US-Verband, um dem dortigen Nationalteam und dem Soccer insgesamt ein gutes Stück europäischer Fußballphilosophie zu vermitteln. Das ist doch eine tolle Verbindung.

DFB.de: Welche positiven Aspekte haben Sie dem Soccer made in USA während Ihrer Zeit in New York abgewonnen?

Beckenbauer: Das Giants-Stadion mit seinem Superservice in allen Bereichen war damals das Modernste, was es gab. Mit Logen und Zufahrten direkt ins Stadion, mit den Grillparties auf den Parkplätzen vor dem Stadion. Fußball war und ist ein absolutes Familien-Event. Dazu der hohe Service für die Medien. Dass die Journalisten zehn Minuten nach Spielschluss schon in die Kabine kamen, wo man halbnackt mit einem Handtuch um die Hüften Interviews gab, daran musste man sich erst mal gewöhnen.

Matthäus: Wenn die Amerikaner im Sport etwas machen, dann machen sie es 100-prozentig. Ich habe damals zum Beispiel gelernt, mit Statistiken umzugehen. Darauf legen die Amerikaner mehr Wert als alle anderen auf der Welt. Inzwischen wurde ja bei uns in Sachen Ballkontakte, Assists, zurücklegte Kilometer, Scorer-Punkte und so weiter sehr viel aus den USA übernommen.

DFB.de: Franz, Sie haben damals das volle Programm, das New York mit Superstars aus Kunst, Sport, Kultur, Politik und Show zu bieten hatte, während Ihrer fast fünf Jahre live miterlebt. Was waren im Rückblick die eindrucksvollsten Begegnungen?

Beckenbauer: In meinem Hotelapartment am Central Park habe ich mal sechs Monate Tür an Tür mit Rudolf Nurejew, dem damals weltbesten Balletttänzer gelebt. Diese Nachbarschaft vor allem, aber auch die zahlreichen persönlichen Begegnungen mit Opernstars wie Placido Domingo, Luciano Pavarotti, dem Dirigenten Karl Böhm, Liza Minelli, das war schon sehr eindrucksvoll.

DFB.de: Wie haben Sie, Lothar, vor 13 Jahren Glanz und Glamour der Megametropole New York erlebt?

Matthäus: Allein schon wegen der hohen sportlichen Belastung war das Dolce Vita für mich in New York nicht so, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Für die Superstars bei Cosmos um Pele und Franz gab es eine viel höhere Aufmerksamkeit, auch weil der Soccer etwas ganz Neues war. Natürlich hat man sich mal mit Henry Kissinger oder Donald Trump und den einen oder anderen Showstar unterhalten. Doch ich habe mich nicht mit solchen Leuten auf dieser Ebene regelmäßig getroffen.

DFB.de: Franz, Sie mussten 1977 auf die Fortsetzung Ihrer großen Karriere als Nationalspieler verzichten. War New York dieses Opfer wert?

Beckenbauer: Auf jeden Fall. Ich bin in eine andere Welt gekommen. Der Münchner aus Giesing, der glaubte, schon relativ welterfahren zu sein, hat dort erst die richtige Welt kennen gelernt. New York, diese faszinierende Metropole, hat mir mit ihrem „way of life“ eine neue Einstellung zum Leben und neue Horizonte eröffnet. Ich bin dort ein anderer Mensch geworden.

DFB.de: Das Fazit Ihres New-York-Gastspiels, Franz, lautet also: Nicht nur mit Geld wird man reicher?

Beckenbauer: Monetärer Reichtum ist zwar recht angenehm. Doch der allein macht dich nicht glücklich. Seit New York kann ich sagen, ich bin in der Welt, in der Fußballwelt zu Hause. Das hat sich gerade auch bei unserer Welcome-Tour vor der WM 2006 gezeigt und bestätigt.

DFB.de: Welches Resümee ziehen Sie aus Ihrer Zeit am Hudson River, Lothar?

Matthäus: "Ich wäre gerne noch eine weitere Saison geblieben"  © imago
Matthäus: "Ich wäre gerne noch eine weitere Saison geblieben"

Matthäus: Es war eine tolle Zeit. Unter dem Strich auch sportlich, weil wir mit den MetroStars in der Liga und im Pokal jeweils das Halbfinale erreicht haben. Kein anderes New Yorker Team hat seit der Wiedergründung der Liga 1993 bis heute eine solche Platzierung geschafft. Wer ein knappes Jahr in New York lebt, der nimmt ganz automatisch unvergessliche Eindrücke mit. Ich wäre gerne noch eine weitere Saison geblieben.

DFB.de: Warum hat es nicht geklappt?

Matthäus: Aus wirtschaftlichen Gründen hat der Verband damals die Handbremse angezogen. Zu jener Zeit gab es noch nicht die 2006 eingeführte so genannte Designated Player Rule, die es seitdem jedem Klub beziehungsweise jeder Franchise ermöglicht, zwei oder drei Spieler über das von der MLS vorgeschriebene Gehaltsbudget hinaus selbst zu finanzieren. Die Ersten, die davon profitierten, waren 2007 Los Angeles Galaxy und David Beckham.

[wt]

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