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14.10.2013·10:15·Nationalmannschaft ·DFB.DE EXKLUSIV

Beckenbauer: "Lahm wird Matthäus überholen"

"Eines der wichtigsten Spiele meiner Laufbahn": Franz Beckenbauer  © Bongarts/GettyImages
"Eines der wichtigsten Spiele meiner Laufbahn": Franz Beckenbauer

In Stockholm bestreitet die deutsche Nationalmannschaft am morgigen Dienstag gegen Schweden (ab 20.45 Uhr, live im ZDF) ihr letztes Qualifikationsspiel für die WM-Endrunde in Brasilien. An gleicher Stelle feierte Franz Beckenbauer 1965 gegen den gleichen Gegner ebenfalls in der WM-Qualifikation seine Premiere als Nationalspieler. Und: Dort absolviert Philipp Lahm morgen sein 103. Länderspiel. Er wird damit im "Club der Hunderter" mit dem "Kaiser" gleichziehen, wobei die beiden gebürtigen Münchner alle ihre 103 Länderspiele in der Startformation begannen, was ansonsten nur Jürgen Kohler (105 Länderspiele) gelang.

Im DFB.de-Exklusivinterview mit Wolfgang Tobien blickt Franz Beckenbauer zurück auf sein Debüt in Stockholm, erläutert die Gründe für Philipp Lahms Dauerleistung, verweist auf dessen Chancen als möglicher Rekordnationalspieler und auf etliche Gemeinsamkeiten. Es wird aber auch der eine oder andere Unterschied zwischen dem heutigen und früheren Kapitän der deutschen Nationalmannschaft deutlich.

DFB.de: Schweden, Stockholm/Solna, Rasunda-Stadion, WM-Qualifikation – da war doch was, Herr Beckenbauer.

Franz Beckenbauer: Ganz klar, mein erstes Länderspiel 1965. Ich habe es bis heute nicht vergessen.

DFB.de: Weil man das erste Mal nie vergisst?

Beckenbauer: Vor allem, weil es ein ganz besonderes, eines der wichtigsten Spiele meiner Laufbahn war. Wir mussten unbedingt gewinnen, um uns für die WM 1966 zu qualifizieren. Gott sei Dank war Uwe Seeler erstmals wieder dabei und machte mit seinem Tor zum 2:1 alles klar. Für mich wurde damit der Weg frei auf die internationale Bühne, auf der ich im nächsten Jahr bei der WM in England erstmals auftreten konnte.

DFB.de: Und wo Ihr Stern aufging. Waren Sie überrascht, dass Helmut Schön Sie wenige Tage nach Ihrem 20. Geburtstag und mit gerade mal sechs Bundesligaspielen seit dem Aufstieg des FC Bayern im gleichen Sommer sofort für die Startelf in Stockholm nominierte?

Beckenbauer: Es war auf jeden Fall sehr mutig von ihm, mir in solch einem entscheidenden Spiel zu vertrauen. Und ich war nicht der einzige Neuling. Peter Grosser gab auch sein Debüt. Rudi Brunnenmeier machte sein zweites Länderspiel. Auch Horst Höttges und Eia Krämer hatten noch nicht viele Einsätze zu verzeichnen. Zusammen mit den erfahrenen Haudegen, angefangen bei Hans Tilkowski im Tor, hatten wir eine gute Mischung in Stockholm. Helmut Schön hat in diesem Spiel alles richtig gemacht.

DFB.de: Was ist für Sie der bleibendste Eindruck von Ihrer Länderspielpremiere in Schweden?

Beckenbauer: Dass du dich an so gestandene Spieler wie Horst Szymaniak, Uwe Seeler, Karl-Heinz Schnellinger oder Willi Schulz anlehnen konntest. Die haben dir jederzeit das Gefühl eines sicheren Rückhalts gegeben, was für einen Debütanten gerade bei einem solch entscheidenden Auswärtsspiel sehr hilfreich ist.

DFB.de: Am Dienstag bestreitet Philipp Lahm in Stockholm am Ort Ihrer Premiere und ebenfalls in der WM-Qualifikation gegen Schweden sein 103. Länderspiel und zieht dadurch mit Ihnen im "Club der Hunderter" gleich. Eine schöne Geschichte mit zwei Münchner Fußball-Idolen?

Beckenbauer: In der Tat ist das ein bisschen kurios. Ich kann Philipp grundsätzlich nur gratulieren, dass er mittlerweile 100 und mehr Länderspiele bestritten hat. Klar, heutzutage absolviert die Nationalmannschaft mehr Länderspiele als zu meiner Zeit. Doch den Aufstieg in den Kreis der Hunderter verdankt Philipp vor allem seiner besonderen Spielweise. Mit seiner Leichtfüßigkeit und seinem guten Auge, mit seinem tollen Überblick und seiner Intelligenz gerät er viel seltener in ernsthafte Verletzungsgefahr als andere.

DFB.de: 103 Länderspiele – was bringen sie darüber hinaus zum Ausdruck, wofür stehen sie?

Beckenbauer: Philipp Lahm verkörpert alles, was einen Spieler zu dieser hohen Anzahl an Länderspielen befähigt. Sie steht für Konstanz, für gute Leistungen vor allem im Klub, weil du ja nur dann in die Nationalmannschaft berufen wirst. Es ist sicherlich nicht einfach, heute in den Kreis der Nationalmannschaft zu gelangen. Weil die Auswahl an guten Spielern viel größer geworden ist und es eine unglaubliche starke Leistungsdichte gibt. Das heißt, du musst schon ein besonderer Spieler sein, um berufen zu werden.

DFB.de: Und dann?

Beckenbauer: Dann wird es einfacher. Wenn du nämlich einmal drin bist im Nationalteam und dich dort halten kannst, ist es etwas leichter, auf 100 und mehr Länderspiele zu kommen. Früher war dies kaum möglich, weil es weniger Länderspiele pro Jahr gab. In den 60er und noch in den 70er Jahren waren zehn und mehr Länderspiele die Ausnahme. Inzwischen sind 15 und mehr Begegnungen vor allem in Jahren mit großen Turnieren die Regel. Ich hatte das Glück, dass ich während meiner zwölf Jahre im Nationalteam fast alle Länderspiele mitmachen konnte. Glück heißt in diesem Fall, dass man verletzungsfrei und damit in Form bleibt.

DFB.de: Deshalb sind einige hochklassige Nationalspieler wie zum Beispiel Michael Ballack mit 98 oder früher Karl-Heinz Rummenigge mit 95 Länderspielen kurz vor dem 100. gestoppt worden.

Beckenbauer: Genau. Deswegen finde ich es bei Philipp Lahm besonders eindrucksvoll, dass er den schweren Rückschlag 2005 überwunden und seinen Stammplatz sofort wieder zurückerkämpft hat. 2004 war er gerade erst Nationalspieler geworden und konnte dann 2005 das ganze Jahr lang wegen schlimmer Verletzungen überhaupt kein Länderspiel bestreiten. Bei seinem Comeback kam ihm, wie schon gesagt, sicherlich auch seine Körperstatur zugute. Je wendiger du bist und je leichter, desto einfacher gelingt es dir, wieder Fuß zu fassen.

DFB.de: Welchen besonderen Stärken und Voraussetzungen verdankt Lahm darüber hinaus diese Dauerleistung?

Beckenbauer: Ganz sicher seiner Vielseitigkeit und Spielintelligenz. Philipp Lahm ist ein Vorbild und ein Tausendsassa. Wenn ich mir nur anschaue, wie hervorragend er derzeit beim FC Bayern im zentralen defensiven Mittelfeld spielt. Und zudem seine Konstanz. Ich kenne keinen Spieler, der seit Jahren so beständig auf hohem Niveau spielt wie er. Keinen einzigen! Natürlich gibt es auch bei ihm ab und zu mal Formschwankungen. Doch die sind ganz minimal und nur von Experten festzustellen.

DFB.de: War für Sie Philipp Lahms eindrucksvolle Karriere schon bei seinem ersten Länderspiel abzusehen?

Beckenbauer: Natürlich noch nicht. Er war ja damals, wie auch ich bei meinem Länderspieldebüt 1965, gerade erst 20 Jahre alt mit ein paar wenigen Bundesligaspielen. Es gibt nur ganz wenige Spieler, bei denen man eine solche Karriere auf Anhieb voraussagen kann. Bei Pelé oder bei Johan Cruyff war das der Fall. Der Philipp ist ja, mit ihnen verglichen, kein spektakulärer Spieler und auch kein Torjäger. Seine Stärke, seine Qualität ist seine Ausgeglichenheit in allen fußballerischen Bereichen. Man sieht bei ihm keine Schwächen. Er spielt nie schlecht. Egal, auf welche Position man ihn mit seiner Vielseitigkeit stellt. Die einzige Position, für die er nicht in Frage kommt, ist der Torhüter. Dafür wäre er zu klein (lacht).

DFB.de: Mit Lahms Dauerleistung verbindet sich die Feststellung, dass er alle seine bisherigen Länderspiele in der Startformation begonnen hat. Das haben vorher nur Jürgen Kohler und Sie selbst geschafft. Genoss und genießt er bei seinen bisherigen Teamchefs und Bundestrainern ein besonderes Vertrauen?

Beckenbauer: Klar, weil anfangs Rudi Völler, danach Jürgen Klinsmann und jetzt Jogi Löw genau wussten und wissen, was sie an ihm hatten und haben. Auf seine Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit war und ist immer Verlass. Umgekehrt spürt man bei Philipp Lahm, dass er es genießt und sich freut, im Nationalteam zu spielen. Auch, weil dort alles stimmt und Jogi Löw einen hervorragenden Job macht.

DFB.de: Das Amt des Kapitäns der Nationalmannschaft ist eine weitere Gemeinsamkeit. Wie übt er diese Rolle dort im Vergleich zu Ihnen aus?

Beckenbauer: Er ist als Spielführer ein echter Anführer, der mit Leistung vorangeht, der in kämpferischer und spielerischer Hinsicht, wie schon gesagt, ein wirkliches Vorbild ist. Vielleicht war ich als Kapitän ein bisschen lauter und unbequemer.

DFB.de: Wie würden Sie Lahms Führungsstil im Nationalteam beschreiben?

Beckenbauer: Kapitän werden und bleiben kannst du in der Nationalmannschaft nur durch Leistung. Der Philipp beeindruckt nicht mit großen Gesten und lauten Worten auf dem Spielfeld, ist aber trotzdem ein absolut durchsetzungskräftiger Kapitän. Ein kleiner Kerl, aber eine große Persönlichkeit, die durch Leistung glaubwürdig ist und damit überzeugt. Was heute, im Gegensatz zu früher mit dem damaligen Leistungsgefälle, angesichts einer durch die Bank mit hervorragenden Spielern gleichmäßig besetzten Mannschaft sicherlich nicht einfach ist.

DFB.de: An welches der bisherigen Lahm-Länderspiele erinnern Sie sich ganz besonders?

Beckenbauer: Gerade weil Philipp Lahm alle seine Länderspiele auf hohem und höchstem Niveau absolviert, gibt es kaum eine Begegnung, die ich besonders in Erinnerung habe. Unvergessen ist natürlich das Eröffnungsspiel bei der WM 2006 in München gegen Costa Rica. In unserem WM-Organisationskomitee haben wir alle auf einen guten Start unserer Mannschaft gehofft. Da war es der Philipp der mit seinem fulminanten Tor zum 1:0 den Bann brach und mithalf, dass dieses Turnier sportlich und für uns alle auch atmosphärisch so toll verlief.

DFB.de: Als vielseitige Defensivspieler stößt man bei Ihnen beiden auf etliche Gemeinsamkeiten…

Beckenbauer: Wobei ich mehr im Zentralbereich spielte und er häufiger auf den Außenpositionen agiert. Ich sehe mich vielleicht etwas anders. Obwohl, auch der Philipp ist einer der nach vorne geht, der ein Zuspieler ist, der die Offensivspieler, speziell die Stürmer in Szene setzt und in Ballbesitz bringt. Wenn ich jetzt richtig darüber nachdenke, gibt es in der Tat viele Gemeinsamkeiten in unserer grundsätzlichen Spielauffassung. Jetzt, da er bei den Bayern im defensiven Mittelfeld spielt, mehr noch als vorher.

DFB.de: Sehen Sie bei Lahm die Chance, dass er neuer Rekordnationalspieler des DFB wird?

Beckenbauer: "Philipp Lahm blickt auf eine fantastische Karriere zurück"  © Bongarts/GettyImages
Beckenbauer: "Philipp Lahm blickt auf eine fantastische Karriere zurück"

Beckenbauer: Philipp Lahm blickt auf eine fantastische Karriere beim FC Bayern und DFB zurück. Vor allem aber hat er mit seinen 29 Jahren noch etliche erfolgreiche Jahre vor sich. Ich traue ihm zu, dass er in den nächsten vier Jahren Deutschlands Rekordnationalspieler wird. Wenn es einer schafft, Lothar Matthäus mit dessen 150 Länderspielen zu überholen, dann ist es Lahm. Natürlich hat auch Klose mit seinen 130 Länderspielen eine große Chance. Doch der Miro ist schon 35, und wir wissen nicht, ob er nach der WM in Brasilien weitermacht im Nationalteam. Irgendwann wird der Philipp meiner Meinung nach so oder so Rekordnationalspieler werden. Ihm traue ich es am ehesten zu.

DFB.de: Für das Nationalteam ging es bei Ihrer Premiere 1965 in der WM-Qualifikation gegen Schweden um alles oder nichts. Für Löws Team ist dagegen am Dienstag in Stockholm der Weg schon frei zur WM-Endrunde. Geht es nur noch ums Prestige im Rasunda-Stadion?

Beckenbauer: Ich hoffe, dass unsere Mannschaft hochkonzentriert bleibt und auf Sieg spielt. Im Hinterkopf hatte ich, dass sie meinen armen Österreichern damit die Aufgabe erleichtert, sich ebenfalls für die WM zu qualifizieren. Doch dies hat sich ja am vergangenen Freitag in Schweden vier Minuten vor Schluss leider erledigt.

DFB.de: Im Gegensatz zu Ihnen vermisst man bei Philipp Lahm als Mitglied im Klub der Hunderter noch die Krönung seiner Karriere.

Beckenbauer: Mit dem FC Bayern hat er alles an Titeln erreicht. Der Nationalmannschaft aber blieb mit Philipp Lahm trotz guter Leistungen bei den vergangenen EM- und WM-Turnieren der ganz große Erfolg versagt. In Brasilien unternehmen sie gemeinsam nun einen neuen Anlauf. Ich schätze die Chancen, dass es endlich klappt, als sehr hoch ein. Wenn eine Mannschaft aus Europa bei der WM im nächsten Jahr in Südamerika Weltmeister wird, dann ist es nicht Spanien, der Titelverteidiger. Dann wird es unsere Mannschaft sein, die ich dort auf einem Höhepunkt ihrer Entwicklung erwarte. Mit einem starken Kapitän Philipp Lahm.

[wt]

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