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28.06.2014·10:00·FIFA WM

Höwedes: Mit Selbstvertrauen auf ungewohnter Position

Als Außenverteidiger läuft man mehr: Benedekt Höwedes  © Bongarts/GettyImages
Als Außenverteidiger läuft man mehr: Benedekt Höwedes

Plötzlich Linksverteidiger. Benedikt Höwedes hat durch eine Änderung seiner Job-Beschreibung den Sprung in die Startformation des DFB-Teams geschafft. Als linker Verteidiger hat der 26-Jährige bei der WM in Brasilien bisher keine Minute verpasst. Vor dem Achtelfinale am Montag spricht der gelernte Innenverteidiger im Interview mit DFB.de-Redakteur Steffen Lüdeke über seine neue Rolle, seine Verletzungen, die schwierigen Phasen der Reha und das Spiel gegen Algerien.

DFB.de: Herr Höwedes, kennen Sie Ihre Laufleistung aus dem Spiel gegen die USA?

Benedikt Höwedes: Nein, kein Ahnung.

DFB.de: 10,8 Kilometer.

Höwedes: Das ist ja nix.

DFB.de: Nichts?

Höwedes: Nicht als Außenverteidiger.

DFB.de: Womit wir beim Thema wären. Sie sind gelernter Innenverteidiger, bei der WM spielen Sie als linker Verteidiger. Gehört zu den Umstellungen vor allem, dass Sie nun mehr laufen müssen?

Höwedes: Wenn ich mir den Wert ansehe, dann eher nicht (lacht). Es ist ein anderes Laufen. Als Außenverteidiger muss man hoch und runter marschieren, läuft längere Strecken am Stück. Als Innenverteidiger läuft man häufig zehn Meter vor, dann zehn Meter zurück. Deswegen läuft man als Außenverteidiger im Normalfall schon den einen oder anderen Kilometer mehr. Deswegen wundert mich die Zahl. Wahrscheinlich relativiert sich das durch die extremen Bedingungen, die in Brasilien herrschen.

DFB.de: In der Wärme läuft man weniger?

Höwedes: Ja. Außerdem ist es ja so, dass wir bei der Nationalmannschaft als Außenverteidiger zwar in das Offensivspiel eingebunden, im Grundsatz aber defensiv orientiert sind. Unser Fokus liegt darauf, dass wir gut verteidigen.

DFB.de: Die Position des Linksverteidigers ist für Sie ungewohnt, ganz neu ist sie nicht. Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie auf Schalke des Öfteren Lewan Kobiaschwili und Christian Pander auf dieser Position vertreten. Profitieren Sie jetzt noch von diesen Erfahrungen?

Höwedes: Gar nicht, nein. Mirko Slomka hatte mich damals aus der Not geboren auf diese Position gestellt. Ich habe sogar als linker Verteidiger mein Profidebüt gegeben – und dann gleich in der Champions League. Aber die Spiele, die ich damals gemacht habe, kann man nicht mit heute vergleichen. Ich habe mich in den ersten Partien komplett auf das Nötigste beschränkt, war super nervös und im Grunde nur darauf aus, keine Fehler zu machen. Heute trete ich mit ganz anderen Anspruch und ganz anderem Selbstvertrauen auf den Platz. Auch auf ungewohnter Position.

DFB.de: In der Nationalmannschaft haben Sie bereits vor der WM in Brasilien als linker Verteidiger agiert, im Jahr 2013 in den Länderspielen gegen Frankreich und Österreich. Was haben Sie damals gesagt, als Ihnen der Bundestrainer das Ansinnen vorgetragen hat, Sie nicht als Innenverteidiger aufzustellen?

Höwedes: Ich habe gesagt: 'Okay, mach ich. Ich hänge mich rein und versuche, ein gutes Spiel zu machen.' Und warum auch nicht? Es ist doch klar, dass alle Spieler auf allen Positionen, auf denen sie aufgestellt werden, versuchen, das Beste aus sich herauszuholen und der Mannschaft so gut wie möglich zu helfen. Ich habe das schon mehrfach betont: Ich bin mir bewusst darüber, dass ich mit meinem linken Fuß nicht eine Traumflanke nach der anderen schlagen werde. Aber ich habe viele Qualitäten, die mir für diese Position helfen. Ich bin läuferisch stark, mein Verhalten im Defensivzweikampf ist gut, ich bin taktisch gut ausgebildet. Ich kann meinen Mitspielern helfen. Ich kann ein guter Linksverteidiger sein und das habe ich in diesem Turnier auch schon gezeigt.

DFB.de: Wie sehr hilft Ihnen, dass Sie mit 26 Jahre auf dem Platz schon einiges erlebt haben?

Höwedes: Mich macht die Erfahrung ruhig, weil ich meine Qualitäten kenne. Mit den Jahren weiß man besser, seinen Körper und seine Leistung einzuschätzen. Das hilft, im Spiel auch in kitzligen Situationen nicht nervös zu werden.

DFB.de: Wie viel Gefallen haben Sie an der neuen Position gefunden? Ist diese für Sie auch über die WM hinaus eine Option? Vielleicht auch für den Verein?

Höwedes: Wenn ich wieder auf Schalke bin, werde ich ganz klar wieder als Innenverteidiger spielen. Daran gibt es keinen Zweifel. (lacht)

DFB.de: Dann muss sich Sead Kolasinac keine Sorgen machen?

Höwedes: Überhaupt nicht. Außerdem macht er seine Sache wirklich gut bei uns. Wir sind sehr zufrieden mit ihm. Bei uns auf Schalke habe ich den Innenverteidiger-Posten für mich gefunden, das ist meine Position. Und daran wird sich auch nichts ändern.

DFB.de: Sie haben ein Seuchenjahr hinter sich, Sie hatten mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Kürzlich haben Sie recht drastisch formuliert, dass Sie in der Reha der Gedanke an die WM am Leben gehalten hat.

Höwedes: Ich bin in dieser Zeit jeden Tag mit dem Gedanken eingeschlafen, dass ich es nach Brasilien schaffe. Und wenn ich aufgewacht bin, war dieser Gedanke sofort präsent. Mich hat dieser Gedanke immer motiviert. Wobei ich nicht von einem Seuchejahr reden würde. Vor der Winterpause war ich topfit, gut in Form und hatte keine Verletzungen. Aber in der Rückrunde habe ich mich von einer Verletzung in die nächste geschleppt. Das war sehr schade, zumal ich auch in der Zeit viel dafür investiert habe, fit zu werden und fit zu bleiben. Es ist unglücklich und bitter, dass mir diese Verletzungen passiert sind. Aber ich habe immer an mich und an meinen Körper geglaubt.

DFB.de: Dann war die Hoffnung stets groß, dass Sie es tatsächlich nach Brasilien schaffen?

Höwedes: Ich muss mich natürlich auch beim Bundestrainer bedanken. Er hat auf mich gewartet, er hat mir vertraut, obwohl ich erst am 34. Spieltag auf den Platz zurück gekehrt bin. Jetzt versuche ich, dieses Vertrauen mit Leistungen zurück zu zahlen.

DFB.de: Wenn Sie Ihre Erwartungen an die WM mit der Realität vergleichen - wie fällt dieser Vergleich aus?

Höwedes: Alle meine Hoffnungen wurden erfüllt. Ich habe bei allen drei Vorrundenspielen über 90 Minuten gespielt, wir haben die Gruppe gewonnen und uns für das Achtelfinale qualifiziert. Mich freut sehr, dass ich dazu meinen Beitrag leisten konnte. Es hätte nicht besser laufen können.

DFB.de: Für Fußballer ist Brasilien das Sehnsuchtsland. Wie speziell ist es, in diesem Land eine WM zu erleben?

Höwedes: Es ist definitiv speziell. Wir sind hier im Campo Bahia zwar aus gutem Grund etwas abseits der großen Städte. Den ganz großen Rummel wie etwa in Rio bekommen wir nicht mit. Aber die Einblicke, die wir haben, genügen, um zu sehen, wie groß die Liebe der Brasilianer zum Fußball ist. Die phantastische Stimmung auf dem Weg zu den Spielen ist für mich jedes Mal aufs Neue begeisternd. Die Menschenmengen, die am Straßenrand stehen und den Spielern unabhängig von ihrer Nationalität zujubeln – das ist schon etwas Besonderes. Was auch auffällt, ist, wie präsent der Fußball hier ist. Überall sieht man kleine Bolzplätze, überall wird gespielt, egal wie die Verhältnisse sind. Als wir durch den Regen in Recife gefahren sind, war das einfach der Wahnsinn. Die Plätze standen komplett unter Wasser, eigentlich war es völlig unmöglich, Fußball zu spielen. Trotzdem standen die Jungs barfuss im Wasser und haben gekickt. Das zeigt mir, wie sehr der Fußball in Brasilien gelebt und geliebt wird. Deswegen: Ja, ganz klar, es ist einfach etwas Großartiges, in diesem Land eine WM zu spielen.

DFB.de: Die Vorrunde ist vorüber, es gab einige Überraschungen. Viele große Fußballnationen wie Spanien, England und Italien sind nicht mehr dabei. Wie sehr wundert Sie dies?

Höwedes: Über die klimatischen Bedingungen in Brasilien ist viel gesagt worden. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Einfluss auf das Abschneiden der Teams aus Europa haben. Es trifft ja eine Aussage, dass in der Historie der Weltmeisterschaften noch nie eine Mannschaft aus Europa den Titel bei einer WM in Südamerika gewonnen hat. Ich glaube aber nicht, dass dies unmöglich ist. Wir versuchen, dies zu ändern…

DFB.de: Fünf von sechs südamerikanischen Mannschaften haben das Achtelfinale erreicht. Erklärt sich das nur aus dem Heimvorteil?

Höwedes: Jedenfalls auch. Ich glaube, dass die Teams aus Europa im Grunde noch immer ein wenig mehr Qualität haben. Aber die Südamerikaner heben das mit ihrer Mentalität auf. Indem sie sich voll reinhängen, in dem sie um jeden Millimeter kämpfen und mit extrem viel Herz spielen. Und ja, es ist für sie sicher kein Nachteil, dass sie die Bedingungen hier besser kennen. Unsere Aufgabe ist es, genauso viel Einsatz und genauso viel Herz zu zeigen. Dann hoffe ich, dass sich unsere Qualität am Ende durchsetzt.

Viel Einsatz und viel Herz: Bastian Schweinsteiger und Benedikt Höwedes  © Bongarts/GettyImages
Viel Einsatz und viel Herz: Bastian Schweinsteiger und Benedikt Höwedes

DFB.de: Am Montag geht es im Achtelfinale gegen Algerien. Hand aufs Herz, wie viele Spieler der Algerier sind Ihnen geläufig?

Höwedes: Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich weit davon entfernt bin, alle Spieler genau zu kennen. Aber sie sind nicht umsonst in einer starken Gruppe Zweiter geworden. Sie haben ihre Qualitäten. Unsere Scouting-Abteilung um Urs Siegenthaler wird uns bis Montag gut vorbereiten und uns über die Stärken und Schwächen der Algerier aufklären.

DFB.de: Wie anstrengend ist diese Vorbereitung für den Kopf? Bei Algerien mehr als bei Gegnern, die Sie besser kennen? Müssen Sie jetzt mehr Informationen verarbeiten?

Höwedes: Zu viele Informationen sind nicht gut. Wir müssen nicht jeden einzelnen Spieler auswendig kennen, wir müssen uns nur über die Art und Weise im Klaren sein, mit der der Gegner auftritt. Wir müssen wissen, wie ihre Angriffschemen funktionieren und wie sie defensiv agieren. Das ist für uns wichtig. Welche Namen auf dem Papier stehen, ist im Grunde zweitrangig.

DFB.de: Glauben Sie, dass die "Schande von Gijon" in den Köpfen der Algerier noch eine Rolle spielt?

Höwedes: Weiß ich nicht, eher nicht. Ich glaube, dass sie unabhängig von der Vergangenheit heiß darauf sind, gegen die Deutschen anzutreten. Sie werden ihre Rolle als Außenseiter gerne annehmen und versuchen, eine weitere Überraschung zu schaffen. Von den aktuellen Spielern war 1982 niemand dabei, es ist also niemand persönlich betroffen. Irgendwelche Rache-Gedanken trägt bestimmt niemand in sich.

DFB.de: Deutschland hat in der Historie beide Spiele gegen Algerien verloren. Ist dies vor dem Spiel für Sie relevant?

Höwedes: Nicht wirklich. Da gilt im Grunde dasselbe. Niemand von uns war bei einem der beiden Spiele dabei. Außerdem können wir die Vergangenheit nicht ändern. Wir können nur die Zukunft gestalten. Und wir werden alles dafür tun, dass in Zukunft der erste Sieg gegen Algerien in der Statistik stehen wird.

[sl]

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