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30.12.2012·14:30·Junioren-Bundesliga

Rainer Zietsch: "Letztendlich entscheidet der Kopf"

Zietsch: "Junge Spieler haben heute ein viel schwierigeres Umfeld"  © fcn.de
Zietsch: "Junge Spieler haben heute ein viel schwierigeres Umfeld"

Der ehemalige Profi und Diplom-Betriebswirt Rainer Zietsch ist seit 2006 Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim 1. FC Nürnberg. Zu Beginn der Winterpause sieht der 48-jährige sich mit der konträren Situation konfrontiert, dass die B-Junioren die Tabelle der Bundesliga Süd/Südwest ungeschlagen anführen, während die A-Junioren ihrerseits ohne Sieg am Tabellenende stehen. Darüber und über die Nachwuchsarbeit im Besonderen sprach Rainer Zietsch mit Helge Günther im Interview für DFB.de.

DFB.de: Hallo Herr Zietsch, was ist los mit den A-Junioren des 1. FC Nürnberg? Sind zu jung und zu unerfahren für die Altersklasse U19?

Rainer Zietsch: Richtig ist, dass wir 16 jüngere und nur acht ältere A-Jugendjahrgänge in unserem Kader haben. Die jüngeren Spieler haben sich in der U19 unerwarteter Weise schwerer getan als ihre Vorgänger, obwohl sie als letztjährige B-Juniorenmeister ihrer Bundesliga-Gruppe erfolgreicher waren. Von den älteren Spieler sind einige mit Verletzungen ausgefallen, was in der Gesamtkonstellation dann zu der prekären Situation mit dem letzten Tabellenplatz geführt hat.

DFB.de: Und das mit nur drei Punkten auf dem Konto ziemlich abgeschlagen. Also Abstieg in die Bayernliga?

Zietsch: So weit sind wir noch lange nicht! Auch wenn es auf den ersten Blick, zugegebener Maßen, nicht wirklich gut aussieht. Der Mannschaft fehlt einfach der erste Sieg als Befreiungsschlag. Mit dieser Initialzündung werden wir dann den Klassenerhalt schaffen, davon bin ich absolut überzeugt. Wir werden in der Winterpause auch noch den einen oder anderen neuen Spieler dazu nehmen. Yannick Nonnweiler vom VfB Stuttgart steht dabei als Zugang schon fest. Er soll als Stürmer dazu beitragen, unsere Torflaute zu beheben.

DFB.de: Könnten Sie Nationalspieler wie Itter oder Stark im Falle des Abstiegs halten?

Nürnberger U-Nationalspieler: Verteidiger Pascal Itter  © Bongarts/GettyImages
Nürnberger U-Nationalspieler: Verteidiger Pascal Itter

Zietsch: Falls der "worst case" tatsächlich eintreten sollte, haben wir auch ein paar Argumente für uns . Pascal Itter hat einen wasserdichten Vertrag, der von Niklas Stark läuft zwar aus, aber er weiß, wie alle anderen auch, dass es inzwischen wenig bessere Einstiegschancen auf dem Weg zum Profi gibt, als beim 1. FC Nürnberg. Beide fahren auch mit den Profis zum Wintertrainingslager nach Spanien. Gleichzeitig treten zum 1.1. 2013 auch neue DFL-Bestimmungen in Kraft, die alle 36 Profiklubs der Bundesliga und 2. Bundesliga unterzeichnet haben, wonach sowohl die Transferentschädigungen im Juniorenbereich als auch die Vertragsstrafen bei Verstößen klar festgelegt worden sind.

DFB.de: Die infrastrukturellen Voraussetzungen beim Club für förderungswürdige Talente sind beeindruckend. Wie ist das Ganze in Teilbereiche aufgegliedert?

Zietsch: Im "Haus der Athleten" St. Paul sind die Internatsspieler aus den Jahrgängen U15 bis U17 untergebracht und in unserem neuen Funktionsgebäude, der "Club-Akademie" die U18- und U19-Spieler. Insgesamt besuchen gut 50 unserer Juniorenspieler die Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg-Langwasser als eine der Eliteschulen des Sports in Bayern. Wir sind sehr dankbar und glücklich, dass diese Möglichkeit besteht und die Zusammenarbeit mit dem "Haus der Athleten" und der Bertolt-Brecht-Schulte bestens funktioniert.

DFB.de: Offensichtlich läuft es im Auswahlbereich auch sportlich prima. Immerhin sind Junioren-Nationalspieler des 1. FC Nürnberg in allen Auswahlmannschaften des DFB von der U15 bis zur U21 vertreten.

Zietsch:In diesem Bereich ist sogar noch einmal eine Steigerung zu verzeichnen. Und wir freuen uns sehr für die Jungs, wenn sie in den Nationalmannschaften internationale Erfahrung sammeln dürfen. Auf der anderen Seite sagen wir ihnen aber auch ganz klar, dass die Karriere in erster Linie im Verein gemacht wird.

DFB.de: Die Wenigsten wissen, dass Sie 1982 mit Berti Vogts als DFB-Trainer in Städten an der italienischen Adriaküste Vize-Europameister wurden bei der ersten U16-EM, dem Vorläufer der jetzigen U17-Europameisterschaft. Roberto Mancini, der jetzige Trainer von Manchester City, war damals der große Star der Italiener, die das Turnier gewannen. Erinnern Sie sich noch daran?

Zietsch: An Mancini nicht. Er fehlte im Endspiel gegen uns, das wir 0:1 verloren, weil er zur gleichen Zeit als 16-Jähriger mit Modena einen Abstiegskampf in der Serie B bestreiten musste. Aber mit unserem Torhüter Andi Nagel, der damals den Vorzug vor Olli Reck erhielt, habe ich noch öfter zu tun, weil er jetzt für die Deutsche Fußball-Liga arbeitet. Ansonsten war damals alles viel schlichter, der personelle Aufwand nicht so groß. Es gab keinen großartigen Betreuer-Stab und kein Funktionsteam, sondern lediglich einen Co-Trainer und einen Physiotherapeuten. Götz Eilers, der damalige Delegationschef und DFB-Justiziar hat zum Beispiel für Berti Vogts das zweite Halbfinalspiel beobachtet.

DFB.de: Haben es die Jugendfußballer heute besser?

Zietsch: Wenn ich über verschiedene Zeiten spreche, sage ich nie es war besser oder schlechter. Es ist einfach anders. Vor allem wenn Jahrzehnte dazwischen liegen. Auf alle Fälle haben die Jungs heute ein viel schwierigeres Umfeld, mit dem sie erst einmal klarkommen müssen. Eltern, Verwandte, Freunde, Berater alle wollen Einfluss nehmen, üben Druck aus oder sagen, Du bist schon der Größte. Darf einer mal bei den Profis mittrainieren, nimmt die Schar der Freunde und Schmeichler noch mal zu: Da wird dann über Facebook gepostet und auch getwittert, obwohl eigentlich noch gar nichts Großartiges erreicht worden ist.

DFB.de: Werner Kern, der langjährige Jugendleiter des FC Bayern, hat einmal gesagt, einen Berater zu haben, ist für junge Fußballer eine Image-Sache. Ist das so?

Zietsch: Da ist was dran, an dieser Aussage. Ein 17-Jähriger braucht nicht zwingend einen Berater. Es kann allerdings den speziellen Fall geben, dass sich die Elternteile nicht einig sind und jedes von beiden versucht den Jungen auf ihre Seite zu zerren. Dort kann ein seriöser Berater vielleicht hilfreich sein. Es gibt inzwischen leider viele Jugendliche, bei denen die Familien nicht mehr intakt sind, wo nur mehr ein Erziehungsberechtigter da ist, die Eltern getrennt leben. Die Vermittlung von Werten bleibt dann oft dem Verein, dem Trainer, der Schule, dem Lehrer überlassen. Das ist heutzutage ein großes Problem.

DFB.de: Nicht selten wechseln Talente von einem Nachwuchsleistungszentrum zum anderen. Macht das wirklich Sinn?

Zietsch: Nur wenn ein Spieler mit seinem Trainer ganz und gar nicht zurechtkommt, oder umgekehrt. Ansonsten schenken sich die Nachwuchsleistungszentren nicht viel, die meisten arbeiten auf einem Top-Niveau. Wenn aber ein Spieler bei Abschluss seines ersten Vertrages wegen ein paar 1000 Euro mehr wechselt, dann ist er schlecht beraten. Als junger Profi muss ich erst einmal schauen, dass ich Spielpraxis bekomme. Der zweite Vertrag muss sitzen und sollte gut dotiert sein. Ob’s einer schafft, das entscheidet letztendlich der Kopf, die Mentalität, der Charakter.

DFB.de: Wie ist es beim 1. FC Nürnberg um die Verbindung zwischen Nachwuchs- und Profibereich bestellt?

Zietsch: Aktuell ist sie absolut perfekt! Aus meiner Sicht haben wir geradezu paradiesische Zustände. Der bisherige Cheftrainer Dieter Hecking schaute sich, wann immer er konnte, Spiele der U23, der U19 und auch der U17 an. Einmal pro Woche gibt es ein Treffen mit den verantwortlichen Trainern und den Scouts, auch Manager Martin Bader ist bestens informiert und immer am Ball. Nachwuchsarbeit wird beim 1. FC Nürnberg nicht nur propagiert, sondern voll inhaltlich mit Leben erfüllt. Ich hoffe natürlich, dass das so bestehen bleibt.

[hg]

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