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25.12.2012·08:20·Nationalmannschaft

Ein Jahr wie im Märchen: Der Aufstieg des Marco Reus

Reus in Bestform: 14 Spiele, fünf Tore - und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht  © Bongarts/GettyImages
Reus in Bestform: 14 Spiele, fünf Tore - und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht

Wenn man ein Jahr in einen Rahmen packen könnte, hätte 2012 bei einem jungen Fußballer namens Marco Reus einen besonders prächtigen, vermutlich noch mit Schleifchen drumherum. Fußballer des Jahres ist er geworden, und auch in der Nationalmannschaft hat er sich durchgesetzt. 14 Länderspiele, EM-Teilnahme. Eine Entwicklung, die ihm als Teenager noch kaum jemand zugetraut hat.

Später hat sich niemand beschwert, obwohl es eigentlich ein dreister Einfall war. Es hat sich aber auch niemand gewundert, wie er dieses abenteuerliche Tor hat schießen können, denn das weiß ja längst jeder: Marco Reus macht so was, weil er so was kann. Ganz einfach.

Achte Minute in der Augsburger SGL arena, der FC Augsburg trifft am 11. Spieltag der laufenden Saison auf Borussia Dortmund, es gibt Freistoß für den BVB, rechte Augsburger Abwehrseite. Marco Reus und Mario Götze stehen zur Ausführung bereit, die beiden Nationalspieler, "die beiden Lausbuben", wie der Fernsehkommentator sagt. Der Ball liegt knapp hinter der Strafraumkante, aber gerade mal zwei Meter von der Grundlinie entfernt, im spitzen Winkel zum Tor. Götze nimmt ein paar Schritte Abstand, er überlässt die Szene dem Kollegen. Dann läuft Reus an.

Was für ein Tor!

Was sollte nun geschehen? Alle Spieler im voll besetzten Strafraum, Augsburger wie Dortmunder, rechnen mit einer hohen Flanke oder einer scharfen Hereingabe. Gerade solche Bälle, die auf kurzem Weg halbhoch durch die Menge zischen, werden ja oft unberechenbar. Für die Verteidiger besteht dann hohe Querschlägergefahr. Aber was macht Marco Reus? Er denkt an seinen Lehrmeister, den brasilianischen Freistoßspezialisten Juninho, und schießt direkt aufs Tor. Der Ball rast über Torwart Simon Jentzsch hinweg gegen den hinteren Pfosten und springt von dort ins Netz. 1:0 für Dortmund. Niemand hat die Geschwindigkeit des irren Flugobjekts berechnet, aber es steht auch ohne entlastende Beweismittel fest, dass Jentzsch keine Schuld trifft.

Im Jahr 2012 ist Reus nun mal nicht zu stoppen. Der 23-Jährige hat in diesem Jahr seine Karriere in einem Tempo vorangetrieben, dass man umgehend an einen seiner vielen Spitznamen denken muss: Rakete Reus. Ob Nationalmannschaft, Champions League oder Bundesliga, kein Sprung war zu hoch für ihn.

Als Jugendspieler traute ihm kaum einer den Sprung zu

Als Marco Reus im Sommer aus Mönchengladbach in seine Heimatstadt Dortmund wechselte, war das nicht nur für den Gladbacher Trainer Lucien Favre ein Schock. Aber Reus wollte zurück nach Dortmund, wo er bereits als Kind und als Jugendlicher gespielt hatte, bis er zum LR Ahlen wechseln musste, nachdem ihm die Dortmunder Juniorentrainer wegen seiner schmächtigen Statur keine günstige Prognose für die Fußballer-Karriere gestellt hatten. In Dortmund durfte er einst an der Hand seines Idols Tomáš Rosicky als Junge mit den Profis ins Stadion einlaufen. In Dortmund leben die Eltern, seine Freunde, die Freundin, mit der er inzwischen zusammengezogen ist.

Reus ist nicht nur als Fußballer unberechenbar, er trifft auch als Mensch seine eigenen unkonventionellen Entscheidungen. Wenn sich die Dortmunder Borussia nicht gemeldet hätte, dann wäre er womöglich, allen verführerischen Anfragen zum Trotz, bei der anderen Borussia am Niederrhein geblieben. Auf den großen Karrieresprung, auf Renommee und Glamour hätte er ganz gut verzichten können. Als Fußballer fühlte er sich in Favres aufstrebender Mannschaft bestens aufgehoben, und das ist das, was für ihn das Wichtigste ist. "Die Lust, Fußball zu spielen, ist eigentlich immer da. Die endet nie", hat er erklärt, als er im August bei einer Feier der „11 Freunde“ eine weitere Auszeichnung (als Spieler der Saison) entgegennahm. Er könnte sich diese beiden Sätze auf seine Visitenkarte drucken – und am besten noch viel Platz lassen.

Zum Fußballer des Jahres gewählt

In Mönchengladbach ist Reus nach einer grandiosen Saison mit 18 Toren und elf Torvorlagen Fußballer des Jahres geworden. Den Durchbruch im Team von Bundestrainer Joachim Löw erlebte er während der Europameisterschaft, als er im Achtelfi nale gegen Griechenland zum ersten Mal von Anfang an spielte. Bis dahin hatte er auf den Einsatz gewartet, aber trotzdem immer die gute Laune behalten. Mit seinen Freunden André Schürrle und Mario Götze bildete er ein unzertrennliches Trio. "Die drei von der Tankstelle" hat Löws Assistent Hansi Flick die Clique im Danziger Teamhotel getauft.

Zum 4:2-Sieg gegen die Griechen steuerte Reus das 4:1 bei, mit einem Treffer, der, na klar, aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fiel: Einen ihm entgegenspringenden Abpraller hatte er aus 13, 14 Metern Entfernung haargenau und volley unter die Latte gejagt. Das war riskant, sah aber gut aus. Am nächsten Tag bekannte Reus etwas kleinlaut: "Man hätte das auch einfacher machen können."

Jubel mit Miroslav Klose: Marco Reus hat sich in der DFB-Auswahl etabliert  © Bongarts/GettyImages
Jubel mit Miroslav Klose: Marco Reus hat sich in der DFB-Auswahl etabliert
Nach der EM immer in der Startelf

Im Halbfinale gegen Italien kam Reus zur zweiten Halbzeit ins Team, die Niederlage konnte er zwar nicht mehr abwenden, aber aus der ersten Elf ist er jetzt kaum noch wegzudenken. In den sechs Partien seit der EM stand er jedes Mal in der Anfangsformation, ohne Ellbogen und große Sprüche hat er sich durchgesetzt, gepasst, gedribbelt, geglänzt, Tore geschossen und vorbereitet, aber wenn man den Aussagen von Augenzeugen folgt, dann war das auch kaum zu vermeiden. "Marco hat Weltklasse-Fähigkeiten", hat sein Teamkollege Götze festgestellt, und gerade Götze darf da als glaubwürdiger Juror gelten, denn er gehört selbst zu den Hochbegabten.

Sein Klubtrainer Jürgen Klopp hat neulich festgestellt: "Dieses unglaubliche Tempo, diese Abschlusssicherheit – er ist ein toller Fußballer und einer der absolut herausragenden Spieler in Deutschland. Tempo und Technik zu verbinden, das ist das Schwierigste in diesem Spiel. Ihm fällt es sehr leicht."

"Marco versteht alles"

Der Bundestrainer sieht es genauso wie sein Dortmunder Kollege: Er lobt Reus als "fußballintelligenten und flexiblen Spieler", der „immer eine Vielzahl an Lösungen parat hat“, er schätzt den "enormen Zug zum Tor" und das Tempo, mit dem er das Spiel der ganzen Mannschaft belebt. Besonders die von Löw erwähnte Spielintelligenz scheint zu den wichtigen Talenten des Marco Reus zu gehören. Man braucht nur den Schwärmereien von Lucien Favre zuzuhören: "Marco Reus hat die Durchschlagskraft, die du brauchst. Durchschlagskraft! La vitesse d’exécution! Die Schnelligkeit des Torabschlusses! Aber Reus ist ja noch viel mehr als nur Schnelligkeit. Er hat noch so viel Potenzial, das ahnt man in Deutschland noch gar nicht. Er versteht alles. Er hat in fünf Minuten unser System verstanden, und er antizipiert hervorragend. Mit dieser Spielintelligenz kannst du bei Barcelona spielen."

Favre war es auch, der Reus wiederholt mit Lionel Messi verglichen hat, dem größten Superstar unter den Superstars des FC Barcelona. Reus mag den Vergleich aber nicht so sehr. Im Moment genügt es ihm, ein Stürmer zu sein, der nicht nur viele Tore schießt. Sondern obendrein auch viele schöne Tore.

[dfb]

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