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01.06.2012·17:30·Nationalmannschaft ·DFB.DE SPEZIAL

Geschichte der EURO: Rehhagel führt Griechen auf den Fußball-Olymp

Aus in der Vorrunde: Rudi Völler (r.) trat im Anschluss zurück  © Bongarts/GettyImages
Aus in der Vorrunde: Rudi Völler (r.) trat im Anschluss zurück

Zum 14. Mal findet in diesem Sommer die Europameisterschaft statt, erstmals in Polen und der Ukraine. Für DFB.de blickt der Autor und Historiker Udo Muras in einer Serie jeden Freitag bis zur EURO 2012 auf die bisherigen Turniere zurück. Heute: Portugal 2004 – als Otto Rehhagel Griechenland auf den Fußball-Olymp führte.

Der Ausrichter der EM 2004 wurde auf deutschem Boden gekürt. In Aachen, wo schon deutsche Kaiser gekrönt wurden, fiel am 19. Oktober 1999 die Entscheidung. Überraschend triumphierte Portugal deutlich vor Spanien und der alten Doppel-Monarchie Österreich/Ungarn, die sich nach Vorbild von Niederlande und Belgien um eine gemeinsame Ausrichtung beworben hatte. Portugals schlichtes Motto, "We love football", eroberte die Herzen der Delegierten, die es sich einfacher hätten machen können. Denn während in Spanien die Stadien bereits fertig waren, mussten sie in Portugal teilweise erst gebaut werden.

Präzise gesagt entstanden sechs von zehn EM-Arenen erst nach der Endrunden-Vergabe an Portugal. Aber sie sollten trotz explodierender Baukosten fertig werden und der EM 2004 ihr unverwechselbares Bild geben. Nie zuvor hat man wohl ein bedeutendes internationales Fußballspiel gesehen, das vor Felswänden stattfand. Für dieses Novum sorgte der Architekt des Estádio Municipal in Braga, wo hinter dem einen Tor eine natürliche Feldwand aufragte, auf die die Anzeigetafel montiert wurde. Die gegenüberliegende Seite bewies Mut zur Lücke und legte den Blick auf die Landschaft offen.

Andere Länder, andere Stadien

50 Verbände bewarben sich darum, in ihnen spielen zu dürfen. In zehn Fünfer-Gruppen wurden die 15 Teilnehmer ermittelt. Für die zehn Gruppensieger und fünf Zweite, die sich in den Play-off-Spielen heraus kristallisieren mussten, wurde der Portugal-Traum wahr. Die Großen, die bei der merkwürdigen WM 2002 in Asien bis auf Deutschland (Finalist) kläglich scheiterten, kamen allesamt durch.

Frankreich, das seinen WM-Titel schon nach der Vorrunde hatte abgeben müssen, schickte sich nun an wenigstens seinen Status als Europameister zu verteidigen. Ohne Verlustpunkt marschierten "Les Bleus" durch Gruppe 1, der neue Trainer Jacques Santini schien die Zauberformel gefunden zu haben, wie er die vermeintlich satten Stars wieder zum Laufen bringen mochte. Mit zehn Punkten Rückstand rettete sich Slowenien, 2000 Endrundenteilnehmer, in die Play-offs. Nichts mit der Entscheidung hatte Israel zu tun, das wegen der politisch instabilen Lage seine Heimspiele in der Türkei oder Italien austrug. Das "Heimspiel" gegen Malta (2:2) besuchten in Antalya nur 300 Menschen und markiert den Tiefpunkt der EM-Historie.

In Gruppe 2 kämpften vier Teams bis zuletzt um die Endrundenplätze, der Fünfte im Bunde, Luxemburg, verlor alle Spiele (0:21 Tore). Letztlich triumphierte Ex-Europameister Dänemark mit einem Punkt vor Norwegen, das gegen die punktgleichen Rumänen im direkten Vergleich besser abschnitt. Hätte jedoch Bosnien-Herzegowina sein letztes Spiel gegen die Dänen gewonnen, wäre es statt Vierter Erster geworden. So eng ging es in keiner anderen Gruppe zu und mit 15 Punkten wäre man auch nirgendwo sonst Erster geworden. In Gruppe 3 gewann Tschechien sieben von acht Spielen und damit die EM-Fahrkarte, die Niederlande musste wegen der 1:3-Niederlage in Prag nachsitzen. Österreich, mit zwei Siegen gestartet, wurde Dritter und verpasste wie bis dato immer die EM. In Gruppe 4 triumphierte Schweden vor den Letten, die überraschend Polen und Ungarn hinter sich ließen.

In Gruppe 5 traf die deutsche Mannschaft auf Schottland mit Trainer Berti Vogts sowie vermeintlichem Kanonenfutter namens Island, Litauen und den Färöer. Das Team von Rudi Völler überstand die acht Spiele zwar ungeschlagen, aber nicht unbeschadet. Der Vize-Weltmeister konnte seinen Erfolg von Yokohama nicht bestätigen und durchwanderte auf dem Weg zur EM 2004 die nächste Talsohle. Gleich im ersten Heimspiel gegen die Färöer (2:1) blamierte er sich im Oktober 2002 in Hannover bis auf die Knochen. Zwar glückte Michael Ballack schon in der zweiten Minute per Elfmeter das ersehnte frühe Tor, doch davon ließ sich die Nummer 119 der Weltrangliste nicht beeindrucken. Sicher war auch Pech dabei aus deutscher Sicht, dass es mit einem 1:1 in die Kabinen ging, denn Arne Friedrich war ein Kopfball-Eigentor unterlaufen. Miroslav Klose sorgte nach einer Stunde für die erneute Führung, nicht aber für Sicherheit. Noch in der 88. Minute trafen die Männer von den Schafs-Inseln, auf denen es nur 6000 Fußballer gab, den Pfosten. "Einfach grausam! Es gibt viel zu tun, Rudi!", titelte der Kicker, dessen Chefredakteur Rainer Holzschuh eine "Horrorvorstellung" sah. Und nicht nur er.

Leider blieb es kein einmaliger Ausrutscher. Litauen erbeutete in Nürnberg sogar einen Punkt (1:1) und im Rückspiel auf den Färöern hielten die Gastgeber bis zur 89. Minute ein 0:0, ehe erneut Retter Klose und in der Nachspielzeit Fredi Bobic noch trafen. In Island (0:0) traf niemand außer Teamchef Rudi Völler, der aber nur mit Worten. Im ARD-Studio in Reykjavik setzte er zu einer legendären Wutrede gegen die Kritiker, vornehmlich Gerhard Delling und Legende Günter Netzer ("Ich kann den Scheißdreck nicht mehr hören") an und teilte auch gegen Moderator Waldemar Hartmann aus ("Du sitzt hier schön locker und hast schon drei Weißbier intus…Wechsel den Beruf, ist besser"). Völler genoss aufgrund des zweiten Platzes in Asien und seiner Vita als Spieler viel Kredit und erntete für seinen Vulkanausbruch im Land der Geysire mehr Lob als Tadel. "Weltklasse" fand etwa Bayern-Manager Uli Hoeneß diesen Schlagzeilen machenden Rundumschlag.

Völler musste eben mit dem auskommen, was ihm die Bundesliga lieferte – und das war herzlich wenig anno 2002 und 2003. Aufgrund der stetig wachsenden Ausländerzahl konnte er nur noch unter rund 150 Deutschen wählen, während seine Vorgänger vor dem Bosman-Urteil theoretisch das Doppelte bis Dreifache zur Verfügung hatten. Aber das Schlimmste konnte Völlers Team abwenden. Die wichtigen Spiele gegen die Schotten (1:1 in Glasgow, 2:1 in Dortmund) wurden bewältigt und nach dem 3:0 im letzten Match gegen Island war die EM-Fahrkarte gelöst. "Mit Glanz und Gloria zur EM", titelte die Welt am Sonntag überschwänglich nach dem Pflichtsieg von Hamburg. Die Ansprüche waren spürbar gesunken.

Auch in Gruppe 6 triumphierte ein Deutscher – inmitten seiner neuen Freunde. Otto Rehhagel hatte im Herbst 2001 Griechenlands Auswahl übernommen, sich mit einer 1:5-Heimpleite gegen Finnland eingeführt und auch die ersten beiden EM-Quali-Spiele jeweils 0:2 verloren. Aber dann setzte sich der Sachverstand des Altmeisters, damals war er bereits 63, durch. Rehhagel ließ extrem defensiv spielen und war der vermutlich letzte Nationaltrainer, der noch dem Libero die Treue hielt. Die Folge: Die Griechen gewannen alle sechs folgenden Spiele zu Null und fuhren mit einem Torverhältnis von 8:4 zur EM, bei der sie noch für mehr Furore sorgen sollten. Die großen Spanier, vom 0:1 zuhause in Saragossa erschüttert, wurden Zweiter.

Nach Plan lief es in Gruppe 7, wo England ungeschlagen blieb. Dennoch musste es im letzten Spiel bei Verfolger Türkei noch um den Gruppensieg zittern, erst recht als David Beckham eine alte Tradition fortsetzte und in Istanbul einen Elfmeter verschoss. Es rächte sich nicht, das 0:0 reichte den erstmals von einem Ausländer, dem Schweden Sven-Göran Eriksson, trainierten Briten. In Gruppe 8 lachte am Ende Bulgarien, das sich im letzten Spiel eine 0:1-Niederlage in Kroatien leisten konnte, welche den Gastgebern zum zweiten Platz verhalf. Zum Leidwesen der punktgleichen Belgier.

Gruppe 9 sah in Italien den erwarteten Sieger, auch wenn nach der Vorrunde Außenseiter Wales mit drei Punkten vorne lag. Dann ging den Walisern die Puste aus, aber es reichte noch für Platz zwei. Und für den absoluten Zuschauerrekord dieser EM-Qualifikation: Das Millenium-Stadion in Cardiff war immer voll, 71.878 Zuschauer sahen im Schnitt die Spiele der Briten. In Gruppe 10 wiederholte die Schweiz den Erfolg von 1996. Der spätere Dortmunder Alexander Frei schoss gegen Irland den Weg nach Portugal frei, die Russen mussten sich mit Platz zwei begnügen.

In den Play-offs am 15. und 19. November 2003 gab es eine große Überraschung. Lettland warf die Türkei raus (1:0 und 2:2), die Welt musste sich an Namen wie Verpakovskis, der zwei der drei Tore erzielte, gewöhnen. Damit schaffte es erstmals eine Republik der zerfallenen Sowjetunion zur EM, ein Land mit 2,2 Millionen Einwohnern. Die Schotten schnupperten immerhin an einer Sensation, schlugen die Niederlande in Glasgow 1:0. Doch im Rückspiel ging das Team von "Berti McVogts", wie er genannt werden wollte, 0:6 unter. Kroatiens Routine gab gegen Slowenien den Ausschlag (1:1, 1:0). Nahezu identisch verlief das Duell zwischen Walisern und Russen. Auch hier gewann die Gastmannschaft nach einem 1:1 im Hinspiel auswärts 1:0, 73.000 Zuschauer machten in Cardiff lange Gesichter, während die Russen ihre lange EM-Tradition (achte Teilnahme) fortsetzten.

Auch Spanien hatte bei der EM seinen Namen schon manche Ehre gemacht (Sieger 1964, Finalist 1984) und stand gegen Norwegen in der Pflicht. Nach dem 2:1 von Valencia reiste die "Seleccion" mit weichen Knien nach Oslo, wo sich aber Cleverness und Erfahrung durchsetzte. Raul eröffnete den Torreigen beim 3:0-Sieg.

Als im Dezember in Lissabon die Lose fielen, sprach in Deutschland niemand vom sonst sprichwörtlichen deutschen Losglück. "Wir haben zweifelsfrei eine der schwersten Gruppen erwischt", sagte Völler mit Blick auf die Niederlande und Tschechien, weniger auf Lettland. Auch die UEFA stellte das Los vor Probleme. Das Eröffnungsspiel der Gruppe D zwischen Deutschland und der Niederlande war zu bedeutend für das Stadion in Aveiro (31.498 Plätze) und wurde flugs nach Porto (50.498) verlegt. Die Rechnung ging auf: Genug Fans beider Mannschaften reisten im Juni nach Portugal.

Die Erwartungen im Lande des Vize-Weltmeisters waren gedämpft. Nach der glanzlosen Qualifikation sammelten die Stützen im Team weitere Frusterlebnisse. Bayern München stellte das Gros des Kaders, verzeichnete aber ein Jahr ohne Titel, da Werder Bremen das Double schaffte. Auch die Leverkusener gingen leer aus, im Europapokal kam kein Bundesligist über das Achtelfinale hinaus. Selbst die jungen Hoffnungsträger Lukas Podolski (18, Abstieg mit Köln) und Bastian Schweinsteiger (19, Olympia-Aus in der Woche vor EM-Start) schoben Frust. Völler versuchte im Trainingslager im Schwarzwald zu beschwichtigen: "Jetzt ist einzig und allein Nationalmannschaft angesagt. Alles andere wird über Bord geworfen." Der Kicker schrieb dennoch von der "Psycho-EURO". In einer Umfrage unter den Bundesligaspielern 2003/2004 prophezeiten 32,8 Prozent das Vorrunden-Aus, 6,4 Prozent jedoch den Titel.

Völler plagten Personalprobleme. Vor allem fehlten Linksfüßer und Stürmer. Auf der linken Außenbahn plante er mit HSV-Reservist Christian Rahn, als der im letzten Moment ausfiel, nominierte er Christian Ziege, der bei Tottenham nur auf zehn Einsätze gekommen war. Völler erhoffte sich vom Europameister von 1996 mehr Einsatz neben als auf dem Feld: "Er soll die jüngeren Spieler mitziehen. Er gibt allen das Gefühl, dass er helfen will."

Hilfe brauchte auch der Shooting-Star der WM 2002, Miroslav Klose, der mit fünf Toren in Asien zweitbester Schütze des Turniers geworden war. In den folgenden zwei Jahren schoss er in 19 Länderspielen nur drei Tore. Eine Woche vor der EM sagte er: "Ich trete seit einiger Zeit auf der Stelle. Ich bin selbst mein größter Kritiker und weiß, dass es so nicht weitergehen kann."

Völler setzte längst auf den Mittelstürmer der jungen Wilden des VfB Stuttgart, die unter Felix Magath in der Champions League für Furore gesorgt hatten: Kevin Kuranyi. Beim 2:0 in Basel im vorletzten Test erzielte er beide Tore, im letzten Test gegen die von Lothar Matthäus trainierten Ungarn traf im Fritz-Walter-Stadion nur der Gast (0:2). Nach der ernüchternden Vorstellung, die in Teilen an das 1:5 in Rumänien im April erinnerte, titelte der Kicker: "Jetzt hilft nur noch ein Wunder."

Bei führenden Wettanbietern rangierte Deutschland auf dem achten Platz, EM-Top-Favorit war Titelverteidiger Frankreich, gefolgt von Italien, Niederlande und Portugal. Die Griechen lagen auf dem 11. Platz, wer auf sie setzte, konnte bei betandwin auf das 40-fache seines Einsatzes hoffen. Dabei waren sie doch seit 15 Spielen ungeschlagen.

Als das Eröffnungsspiel beendet war, waren sie es immer noch. Die EM hatte schon nach 90 Minuten ihre erste Sensation: Portugal gegen Griechenland: 1:2 hieß es am 12. Juni in Porto. Ein gewisser Georgios Karagounis erzielte das erste EM-Tor (6. Minute) und nach dem Elfmetertreffer von Angelos Basinas (51.) beschlich 52.000 Zuschauer im Estadio do Dragao das dumpfe Gefühl, ihre Mannschaft könne schon in der Vorrunde scheitern. Das konnte auch der 19 Jahre alte Wunderknabe Cristiano Ronaldo von Manchester United mit seinem Anschlusstor (90.) nicht vertreiben.

Portugal vergoss schon bei der Eröffnung erste Tränen, Trainer Felipe Scolari sagte: "Ich kann mich bei unseren Fans für diese Leistung nur entschuldigen." Die Griechen, erst zum zweiten Mal bei einer EM und nun erstmals dort siegreich, drehten fast durch in ihrer Begeisterung. Eine Zeitung schrieb: "Sie sind Götter." Ein TV-Reporter diente Rehhagel die Ehrenbürgerschaft an, denn "während des gesamten Spiels war er griechischer als die Griechen selbst". Rehhagel, mehrfacher Meister-Trainer und Europacupsieger, sagte stolz: "Dies ist einer meine größten Erfolge." Alle Beobachter waren sicher, eine Sensation gesehen zu haben, doch niemand ahnte, dass sie wegweisenden Charakter für diese EM haben würde.

Im zweiten Spiel der Gruppe A rettete Spanien die Ehre der Iberer und schlug Russland 1:0. Trainer Inaki Saez wechselte in der 60. Minute den Sieg ein, denn Joker Juan Carlos Valeron schoss bereits 20 Sekunden später das einzige Tor. Der Russe Scharonow sah die erste Gelb-Rote Karte des Turniers und fehlte im nächsten Spiel. Für Kollege Alexander Mostowoj war es schon beendet. Für seine offenen Worte ("Wir sind erschöpft von den Trainingsmethoden") wurde er von Coach Georgi Jartsew heimgeschickt. Am zweiten Spieltag verteidigte Griechenland seine Tabellenführung durch ein 1:1 gegen Spanien, das nicht minder überraschend wie der Auftakt war – nur weniger unterhaltsam. Auf der Tribüne in Porto schlief sogar der spanische König Juan Carlos ein. Vielleicht wähnte Majestät die "Seleccion" ja nach der Pausenführung von Morientes schon in Sicherheit, die Griechen blieben bis zum Halbzeitpfiff ohne Torchance. Quasi aus dem Nichts fiel nach 66 Minuten der Ausgleich durch Bremens Meisterstürmer Angelos Charisteas, der frohlockte: "Wir haben zwei tolle Spiele gemacht. Jetzt ist alles möglich." Die griechische Zeitung Sporttime jubelte: "Ottos Piraten machen die Welt verrückt."

Portugal, das erste Opfer dieser "Piraten", hatte sich rechtzeitig wieder erholt und schlug die Russen in Lissabon 2:0. Damit wahrten sie ihre Chancen aufs Viertelfinale und raubten den Russen die ihrigen. Die jüngste Mannschaft des Turniers (25,2 Jahre im Schnitt) zahlte Lehrgeld. Pech kam hinzu, als Torwart Owschinnikow in der 45. Minute zu Unrecht vom Feld gestellt wurde. Portugals Trainer Scolari war dennoch unzufrieden: "Wir haben unsere Überzahl nicht richtig ausgenutzt." Woran er auch Superstar Luis Figo Schuld gab. Dessen Auswechslung wurde zum Politikum, aber danach fiel das entscheidende Tor von Joker Rui Costa. Russen-Trainer Jartsew versprach den Portugiesen und der Welt, sein Team würde gegen Griechenland dennoch kämpfen, denn "das Spiel ist für die ganze Gruppe wichtig".

Und er hielt Wort. Am 20. Juni erlitt der kommende Europameister in Faro seine erste und einzige Niederlage ausgerechnet gegen eine ausgeschiedene Mannschaft (1:2). Dimitri Kirischenko schockte die Griechen mit dem schnellsten EM-Treffer aller Zeiten – nach 67 Sekunden. Und nach Bulykins 2:0 (17.) schien das Abenteuer der Griechen tragisch zu enden. Dann glückte Zisis Vryzas der Anschlusstreffer (43.), der von elementarer Bedeutung sein sollte. Denn Portugal schlug erstmals nach 23 Jahren Nachbar Spanien (1:0), Nuno Gomes wurde dank seines Tores zu einer Art Nationalheiligen. Als nun nach 90 Minuten Bilanz gezogen wurde, war Portugal doch noch Erster geworden. Weil so viele Menschen ihrer Freude darüber auch telefonisch Ausdruck geben wollten, brach in Lissabon das Handynetz zusammen. Wer kam noch weiter? Eine Frage für Regelexperten. Griechenland und Spanien waren punktgleich, der direkte Vergleich (1:1) half auch nicht weiter. Nach Toren waren nun ausgerechnet die so defensiv spielenden Griechen (4:4) gegenüber Spanien (2:2) im Vorteil, weil die Anzahl der erzielten Tore bei gleicher Differenz den Ausschlag gab. Kein Ruhmesblatt, so weiter zu kommen und weit und breit kein Trost, so ausgeschieden zu sein. Den Griechen war es egal, in Athen stiegen Leuchtkugeln in den Himmel. Ein Land feierte eine Niederlage, die ihr größter Sieg war – im Fußball wohlgemerkt.

Rehhagel frohlockte: "Wir haben viele Menschen glücklich gemacht. Das ist doch herrlich, nicht wahr?" Spanien aber fuhr mit all seinen Superstars nach Hause und zwar, wie Trainer Saez sagte, "weil es uns zu sehr anstrengt hat, Tore zu schießen". "Man hat das Gefühl, mit Spanien ist es immer dasselbe", sagte der frustrierte Verteidiger Juanito.

Die Zeitung El Mundo widersprach ihm: "Das war schlechter als je zuvor." Da ahnte noch keiner, dass hier bereits das Gerüst der heute wohl besten Mannschaft der Welt schon erstellt war (Casillas, Puyol, Torres, Xabi Alonso).

In Gruppe B setzten sich immerhin die Favoriten durch: Frankreich und England. Sie waren gleich im ersten Spiel aufeinander getroffen und schrieben eine seltsame Geschichte. Noch immer amüsierte man sich in England in jenen Jahren über das Unglück der Münchner Bayern, die im Champions-League-Finale 1999 in der Nachspielzeit zwei Tore gegen Manchester United kassiert hatten. Am 13. Juni erlebten die Engländer in Lissabon dann selbst einmal, wie das ist, wenn sich das Glück binnen Sekunden in Pech verwandelt. Noch in der 91. Minute führten die Briten dank eines Lampard-Treffers, der verschossene Beckham-Elfmeter schien nicht weiter ins Gewicht zu fallen. Dann gab der deutsche Schiedsrichter Markus Merk einen Freistoß für Frankreich, den Weltstar Zinedine Zidane aus 25 Metern einschoss. England war paralysiert und Steven Gerrard spielte einen fatal getimten Rückpass auf Keeper David James. Thierry Henry war schneller, James legte ihn – Elfmeter. Zidane traf erneut, 2:1 und Abpfiff. Zwischen 1:0 und 1:2 lagen 132 Sekunden und die Herren Beckham und Gerry Neville, mit ManUnited noch strahlende Sieger, lernten nun auch die Kehrseite der Medaille kennen. Beckham sagte angesichts seines Elfmeter-Patzers: "Ich bin schuld."

Kaum eine Zeile wert war die andere Begegnung der Gruppe B, die Schweiz und Kroatien quälten 25.000 Zuschauer in Leiria beim trostlosen 0:0. Die UEFA verhängte gegen die Kroaten 6600 Euro Strafe, weil sie fünf Verwarnungen einsammelten. Der einzige Platzverweis ging jedoch an den Schweizer Johann Vogel. Das Spiel war auch kein Ruhmesblatt für die Bundesliga, die immerhin durch acht Spieler vertreten war. Für die Schweiz, deren Trainer Köbi Kuhn mit dem Punkt noch zufrieden war, wurde es dann schlimmer. Gegen England kamen die Helvetier in Coimbra 0:3 unter die Räder. Alles sprach vom 18 Jahre alten Kraftprotz aus Everton, Wayne Rooney, der an diesem Tag zweimal traf und zum jüngsten EM-Torschützen avancierte.

Die Schweizer gingen erneut in Unterzahl vom Feld, nun erwischte es Bernt Haas. Kroatien und Frankreich trennten sich 2:2, der EM-Held von 2000, David Trezeguet, rettete mit seinem Tor einen Punkt für den zu diesem Zeitpunkt seit 16 Monaten unbesiegten Titelverteidiger. Zidane rätselte: "Ich weiß nicht, was mit uns los ist." Kroatiens Trainer Otto Baric, einst beim VfB Stuttgart, sagte stolz: "Unser Punktgewinn ist hochverdient."

Doch schon vier Tage später schlug er andere Töne an. Nach dem 2:4 gegen die Engländer verkündete er seinen Rücktritt: "Das war heute mein letztes Spiel, es ist vorbei." England hatte den Schockstart ins Turnier ebenso weggesteckt wie den Fehlstart ins letzte Vorrundenspiel, in dem Nico Kovac die Kroaten nach fünf Minuten in Führung gebracht hatte. Wunderknabe Wayne Rooney war erneut nicht zu bremsen, wieder schoss er zwei Tore. Trainer Eriksson sagte: "Ich kenne seit Pelé keinen jungen Spieler, der ein solches Turnier gespielt hat." Und es war noch lange nicht zu Ende – nur für 44 englische Hooligans, die zur Abreise gezwungen wurden. Und für die Schweizer. Sie mussten gegen Frankreich auf Stürmerstar Alexander Frei verzichten. Die UEFA hatte ihn zwar wegen einer Spuckattacke gegen Englands Steven Gerrard zunächst freigesprochen, doch ausgerechnet nachgereichte Bilder des Schweizer Fernsehens belasteten Frei, der daraufhin bis zum Turnierende gesperrt wurde. Das stellte sich schon am 21. Juni in Coimbra ein, als Frankreich trotz erneut wenig überzeugender Leistung 3:1 gewann. Ein Doppelschlag von Thierry Henry sorgte erst in der letzten Viertelstunde für Klarheit. Trostpflaster für die Schweiz: Johann Vonlanthen jagte Rooney den Rekord wieder ab. Nach seinem Treffer zum 1:1 avancierte er zum jüngsten EM-Torschützen – mit vier Tagen weniger Lebenserfahrung (18 Jahre, 141 Tage). Den Rekord hält Vonlanthen immer noch.

In Gruppe C spielte sich der spannendste Kampf ab, in der Leichtatlethik würde man von einem Zielfoto-Einlauf sprechen. In Italien sprachen sie von Betrug und einem Skandal. Der Reihe nach: Außer Bulgarien, das zum Auftakt Schweden 0:5 und danach Dänemark 0:2 unterlag, konnten alle Teams vor dem letzten Spiel weiterkommen. Italien hatte nach zwei Unentschieden (0:0 gegen die Dänen, 1:1 gegen die Schweden) die wenigsten Punkte, aber mit Bulgarien den vermeintlich leichtesten Gegner. Für den sollte es auch ohne Francesco Totti reichen, den die UEFA nach einer vom Referee übersehenen Spuck-Attacke gegen Christian Poulsen für drei Spiele sperrte. Totti jammerte: "Das bin nicht ich. Ich erkenne mich selbst nicht wieder auf den Bildern."

Doch was, wenn sich Schweden und Dänen, die Nachbarländer, zu einem skandinavischen Bund entschlössen? Ein Remis würde beiden reichen, denn dann hätten alle fünf Punkte. Der direkte Vergleich müsste dann entscheiden und bei lauter Unentschieden untereinander zählten die mehr erzielten Tore. Italien war da mit 1:1 Toren in einer verteufelten Lage, bei jedem Remis ab 2:2 war es ausgeschieden – egal wie hoch es Bulgarien bezwänge. Nicht ganz ohne Grund forderte Verteidiger Gennaro Cattuso "50 UEFA-Kameras bei diesem Spiel". Schwedens alternder Stürmer-Star Henrik Larsson, von 110.000 Unterschriften seiner Landsleute zum Comeback überredet, entgegnete: "Es ist unmöglich, so ein Ergebnis zu arrangieren. Das könnte nicht einmal Steven Spielberg." Der Fußball-Gott aber konnte es. Während Italien erst in der Nachspielzeit durch Cassanos Tor zum 2:1 über Bulgarien kam, stand es in Porto 2:1 für die Dänen. Dann kam, was kommen musste: Mattias Jonson, ein Schwede in dänischen Diensten (Bröndby) schoss das 2:2. Es folgte nur noch der Schlusspfiff. Prompt wurde Dänen-Trainer Morten Olsen auf der Pressekonferenz gefragt, ob das Resultat arrangiert gewesen sei. "Das ist doch lächerlich", zürnte der frühere Kölner. Kollege Lars Lagerbäck beteuerte: "Es war ein grundanständiges Spiel, das beide Mannschaften gewinnen wollten."

Aber es gab naturgemäß andere Meinungen. "Ich kann nicht glauben, dass sich Dänemark und Schweden so etwas vor den Augen der Welt erlauben dürfen. Andere müssen sich schämen, nicht wir. Das ist eine Schande", sagte "Gigi" Buffon. Ungeschlagen, aber schwer getroffen, fuhr Italien nach Hause. Immerhin "erhobenen Hauptes", wie Trainer Giovanni Trapattoni betonte, ehe er zurücktrat. Die Zeitung La Stampa stellte fest: "Die Wahrheit des Ausscheidens von Italien ist: In dieser Mannschaft steht kein einziger Champion." Zwei Jahre später wurden die meisten Versager von Guimares Weltmeister.

Derartige Wellenbäder waren die deutschen Fans in jenen Tagen auch gewöhnt. Nach der EM-Katastrophe 2000 war man Vize-Weltmeister geworden. Nach Portugal reiste die DFB-Elf zumindest in den Augen der Konkurrenz deshalb als Mit-Favorit, der Mythos der Turniermannschaft umgab sie auf Schritt und Tritt. Die Heimat war wie geschildert weniger optimistisch. Zumal im ersten Spiel die hoch gelobten Niederländer warteten. "Da geht es ja fast schon um alles", sagte Co-Trainer Michael Skibbe, der dem Kicker verriet: "Wir wollen die Holländer taktisch überraschen."

Nun, am Abend des 15. Juni überraschten die Deutschen die ganze Fachwelt. In einem ungeheuer engagierten Fight trotzten sie dem Nachbarn ein 1:1 ab, das im Grunde noch zu wenig war für diese Leistung. Doch nach der Führung durch einen Freistoß von Torsten Frings, der als Flanke getarnt war und unbehelligt von van der Sar an den Innenpfosten tropfte (31.), versäumte die Völler-Elf ein zweites Tor zu erzielen. Chance waren da, insbesondere für den 19 Jahre alten Joker Bastian Schweinsteiger. Schon in der Pause hatte Skibbe im ZDF gesagt: "Ja, wir spielen klasse und werden die Holländer schlagen."

Kommentator Johannes B. Kerner meldete erfreut in die Heimat: "Hallo Deutschland, merkt ihr was? Die Aufstellung stimmt und die Einstellung auch." Nur die Einwechslung, die Völler nach 78 Minuten tätigte, missglückte. Fabian Ernst von Meister Werder Bremen verlor an der Eckfahne seinen ersten Zweikampf und ließ eine Flanke zu, die niemals hätte geschlagen werden dürfen. Ernst sagte später dazu: "Ich kann mich nur entschuldigen, das geht auf meine Kappe." Vorne lauerte Manchester-Torjäger Ruud van Nistelrooy, der sich von Christian Wörns nicht abhalten ließ und den Ball volley ins deutsche Tor drehte.

Und doch überwog die Freude im deutschen Lager nach diesem Auftakt im vermeintlich schwersten Spiel. "Das war die beste deutsche Mannschaftsleistung seit dem WM-Finale 2002", behauptete Kerner. Die Bild-Zeitung titelte: "Europa, da sind wir wieder!" Gegen Völlers Riegel mit zwei Sechsern – Dietmar Hamann und Frank Baumann – vor der Viererkette und drei Offensiven – Bernd Schneider, Michael Ballack und Torsten Frings – vor der einzigen Spitze Kevin Kuranyi – würden sich noch manche die Zähne ausbeißen. Hofften alle.

Nur, dass der nächste Gegner Lettland nicht zur Unterschätzung neigen würde, wie es die Niederländer taten. "Lahm? Nie gehört!", sagte etwa Außenstürmer van der Weyde vor der Partie. Der Stuttgarter Linksverteidiger war der große Gewinner der Partie, nach deren Beendigung das ganze Stadion klatschte. Gegen die Letten, die Tschechien lange Widerstand leisteten und knapp 1:2 unterlagen, aber würde ein Punkt nicht reichen.

Völler wusste das und schickte mit Fredi Bobic einen zweiten Stürmer ins Rennen. Doch als am 19. Juni im Estadio de Bessa, Heimstätte von Boavisto Porto, Bilanz gezogen wurde, war alles nur noch halb so schön. Das 0:0, diese "traurige Nullnummer" (Welt am Sonntag), dämpfte die EM-Euphorie im Land und die Zuversicht im deutschen Quartier in Almacil an der Algarve-Küste. Über das Remis durfte sich die Elf trotz 66 Prozent Ballbesitz nicht beklagen, denn den Letten wurden zwei klare Elfmeter verweigert. Rudi Völler klagte: "Wer keine Tore schießt, kann nicht gewinnen. Aber noch ist nichts verloren."

In der Tat schienen die Umstände unerwartet günstig. Die Tschechen hatten sich nach einem verrückten Spiel (3:2 nach 0:2) gegen die Niederländer bereits qualifiziert und kündigten an, die Reservisten einzusetzen. "Tschechen schenken uns den Sieg!", frohlockte die Bild-Zeitung. Dann wäre der alte Rivale Holland ausgeschieden. Damit rechneten einige Fans von "Oranje" offenkundig auch. Sie sammelten auf einem Camping-Platz 163,14 Euro, kauften dafür im Internet ein Flugticket nach Amsterdam und überreichten es Bondscoach Dick Advocaat per Zimmerservice im Team-Hotel.

Deutschland hatte einen anderen Schuldigen, an Ikone Völler traute sich niemand heran und so ernannte Bild Michael Skibbe zu seinem "Fehler-Flüsterer". Das Boulevard-Blatt verstand nicht, warum statt Fan-Liebling Lukas Podolski ein Fredi Bobic zum Einsatz kam und hielt Skibbe auch den Wechselfehler mit Ernst vor.

Enttäuschung hat viele Gesichter

Auch Völler war enttäuscht und verkürzte die Ausgangszeit von 23 auf 20 Uhr. Alle Konzentration galt den Tschechen, die man am Tag vor dem Spiel beim Golfen sah. Trügerische Sicherheit.

ARD-Reporter Reinhold Beckmann sagte beim Anblick der Aufstellung: "Ich sag Ihnen lieber, wer nicht spielt." Ohne Cech, Baros, Poborsky, Koller, Rosicky und Nedved liefen die Tschechen in Lissabon ein. Dennoch hatten die Deutschen Angst vor ihnen. "Die Angst spielt mit, das ist ganz deutlich", rief Beckmann nach 16 Minuten in sein Mikrofon. Dann durfte er ein Tor bejubeln: Michael Ballack schloss eine Kombination über Lahm und Schweinsteiger mit einem satten Linksschuss in den Winkel ab (21.). Eine Führung gegen eine B-Elf – das müsste doch reichen. Es reichte nicht. Marek Heinz, der sein Geld beim HSV verdiente, zirkelte nach 30 Minuten einen Freistoß unhaltbar in den Winkel und mit 1:1 ging es auch in die Kabinen. Hatte Völler die falsche Taktik gewählt? Nur eine Spitze in einem Spiel, das gewonnen werden musste? "Der Kuranyi tut mir leid da vorne, da läuft sich einer kaputt als Solo-Spitze gegen drei Abwehrspieler. Kevin allein im Strafraum", fabulierte Cineast Beckmann.

Es musste besser werden und es wurde auch besser. Podolski kam zur Pause für Frings und mit ihm mehr Druck. Ballack traf den Pfosten, sein Spezi Bernd Schneider den Abpraller nicht voll (66.) – wieder kein Tor. Schneider köpfte freistehend drüber (70.), Podolski schoss nach einer Ecke Torwart Blazek an. Ein Tor lag in der Luft und musste auch her, da die Niederlande schon 2:0 gegen die Letten führten. Es fiel nach 77 Minuten – auf der anderen Seite. Joker Milan Baros düpierte Nowotny und Wörns, schoss Kahn an und den Abpraller ins leere Tor. Dabei blieb es. Niemand interessierte, dass es ein schmeichelhafter Sieg der Tschechen war.

Deutschland war wieder in der Vorrunde einer EM ausgeschieden und wieder trat der Trainer ab. Rudi Völler applaudierte zunächst noch den Fans und erzählte im ARD-Studio, er gehe davon aus, seinen Vertrag bis 2006 zu erfüllen. Aber über Nacht kamen ihm andere Gedanken. "Ich hätte gern weitergemacht. Aber Egoismus wäre ein falscher Freund. Mein Nachfolger soll unbefleckt an die Aufgabe herangehen." Es sollte sein Sturmpartner von Rom werden – Weltmeister Jürgen Klinsmann.

Das Wutgeheul war nicht ganz so laut wie anno 2000, als ebenfalls eine B-Elf den deutschen Lauf beendete. Beckmann sagte: "Das ist nicht der Tiefpunkt wie von vier Jahren." Man zog sich hoch daran, dass in Schweinsteiger, Lahm und Podolski Spieler mit Perspektive zum Einsatz kamen. Aber man akzeptierte auch die bittere Wahrheit aus dem Munde Günter Netzers: "Unser Fußball war nicht gut genug, dass es für die letzten Acht, Vier oder gar Zwei gereiht hätte." Immerhin gut genug, um sich um die Trikots der Spieler zu reißen, die Zeugwart Thomas Mai unter die Fans warf. Es war eine andere Enttäuschung als 2000, vielleicht auch weil es andere Ansprüche waren.

Jubel bei den Griechen: Als Außenseiter zum Titel  © Bongarts/GettyImages
Jubel bei den Griechen: Als Außenseiter zum Titel

In der Vorrunde waren pro Spiel 2,66 Tore gefallen (Turnier gesamt: 2,48), nur 2000 war der Schnitt noch besser gewesen. Anlass sich ab dem Viertelfinale auf Fußball-Spektakel zu freuen, zumal wie 2000 die offensivfreudigen Teams noch im Rennen waren – und Griechenland. Schon das erste Viertelfinale am 24. Juni, dem Tag nach dem deutschen EM-Aus, begeisterte. Es war eines der besten EM-Spiele aller Zeiten. England und Gastgeber Portugal lieferten sich in Lissabon einen Titanenkampf, der nach zwei Stunden (2:2 n.V., 1:1, 0:1) ins Elfmeterschießen ging. England hatte schon zuvor einen Schock zu verdauen, EM-Star Wayne Rooney brach sich den Mittelfuß und schied nach 27 Minuten aus. Dennoch währte die Führung durch Michael Owen (3.) bis zur 81. Minute, ehe Helder Postiga den von fast 65.000 bejubelten Ausgleich köpfte. Der große Luis Figo saß da schon in der Kabine vor dem Bildschirm. Beleidigt wie stets nach Auswechslungen durch Scolari, angeblich mit einem Bildnis der Mutter Gottes in der Hand.

Rui Costa stellte die Weichen auf Sieg (110.), doch Frank Lampard glich aus (115.). England fühlte sich um den Sieg betrogen, weil ein Treffer von Sol Campbell in der 90. Minute keine Anerkennung fand. Nicht jeder sah ein Foulspiel an Torwart Ricardo, Urs Meier schon. Noch aber hatten sie die Chance, im Elfmeterschießen weiter zu kommen. Doch hier setzte sich das englische Penalty-Trauma fort. David Beckham verschoss gleich den ersten Ball und schon den zweiten Elfmeter bei dieser EM. Der Pop-Star des Fußballs rutschte beim Anlaufen aus und wurde Opfer des demolierten Untergrunds. Vor dem Elfmeterpunkt kann von Rasen keine Rede mehr sein, umso mehr von Sand. Beckham: "Wir hatten uns schon zuvor über den Rasen beschwert Total weich und sandig, aber die UEFA tat nichts." Und so versandeten Englands Titel-Hoffnungen einmal mehr auf einem schier unzumutbaren Elfmeterpunkt. Denn auch Darius Vassell verschoss. Ricardo hielt den Ball ohne Handschuhe, die er weggeworfen hatte, "um etwas Verrücktes zu machen. Ich hatte ja noch keinen Elfmeter gehalten." Nun wurde es noch verrückter: der Torwart schnappte sich den Ball, den Kollege Nuno Valente schießen sollte, und schoss den nächsten Elfmeter rein. 6:5, die Entscheidung. Die EM konnte weitergehen, der Gastgeber war noch im Spiel.

Titelverteidiger Frankreich scheidet aus

Der Titelverteidiger konnte da nicht Schritt halten. Am nächsten Tag verlor Frankreich in Lissabon gegen – Griechenland. Es war nicht zu glauben. Wie so oft in der Qualifikation reichte dem Team von Otto "Rehakles" (Bild-Zeitung) ein Tor. Der Bremer Charisteas köpfte es und Frankreich quittierte nach 21 Spielen wieder eine Niederlage – verbunden mit dem Rückflug nach Paris. 70 Prozent der Griechen verfolgten das Spiel am Bildschirm, auch ein Rekord. Und die Träume wurden immer verwegener. Was kann ein Team noch erwarten, das den Titelverteidiger schlägt? Volksheld Charisteas sagte: "Im Fußball ist alles möglich. Vielleicht ist jetzt sogar der Titel drin." Günter Netzer staunte im ARD-Studio: "Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die Franzosen so schlecht spielen können. Rehhagel hingegen hat aus dem Nichts etwas Großes aufgebaut." Kein Wunder, dass er mit jedem Erfolg begehrter wurde. In Deutschland trommelte die Boulevard-Presse für seinen Wechsel zum DFB, er solle die Völler-Nachfolge antreten. Frankreich indes schlich gesenkten Hauptes von der EM hinweg, Zidane bemängelte: "Wir haben hier als Mannschaft nicht an einem Strang gezogen."

Am folgenden Tag ging eine unheimliche Serie zu Ende. Nicht nur die Engländer, auch die Holländer hatten ihr Elfmetertrauma. Viermal waren sie seit 1992 auf diese Weise ausgeschieden, doch am 26. Juni in Faro hatten sie endlich die besseren Nerven und Schützen. Schweden aber weinte. Nach einem Spiel, das vorwiegend Taktikfreunde begeisterte, wurde es erst in der Verlängerung aufregender. Henrik Larsson traf die Latte (112.), Fredrik Ljungberg den Pfosten (116.), was zuvor auch einem gewissen Arjen Robben auf der Gegenseite passiert war (93.). Das Elfmeterschießen folgt dem Gesetz, dass die Großen hier meist patzen. Nach je zwei Treffern schoss Zlatan Ibrahimovic den dritten schwedischen Elfmeter hoch über das Tor. Da Philipp Cocu nur den Pfosten traf, musste auch das Elfmeterschießen in die Verlängerung. Olof Mellberg, Schwedens Kapitän, scheiterte an van der Sar und traf Arjen Robben, der in jungen Jahren also auch einmal ein Elfmeter-Held war. Stolz sagte der Mann von PSV Eindhoven: "Es ist fantastisch, unglaublich. Wir können tatsächlich Elfmeter schießen. Ich habe gesagt, ich mache das und einfach meinen Verstand auf Null gestellt." Zum fünften Mal erreichten die Niederländer somit das Halbfinale einer EM.

Tschechien steht als zweiter Halbfinalist fest

Fehlte noch ein Halbfinalist. Das letzte Viertelfinale in Porto wurde die klarste Angelegenheit: Tschechien schlug die enttäuschten Dänen mit gnadenloser Effizienz 3:0. "Die hatten vier Chancen und machten drei Tore", klagte Dänen-Trainer Morten Olsen. Jan Koller (49.) und Milan Baros (63., 65.), einer der großen Stars dieser EM, sorgten mit ihren Toren für Freudenfeste in Prag. Trainer Karel Brückner dachte an den nächsten Schritt: "Jetzt bereiten wir uns auf die Griechen vor. Vorher wollte ich das nicht tun, denn ich wollte die Fußballgötter nicht erzürnen." Die hatten ohnehin ihre ganz eigenen Ideen was aus dieser EM werden sollte. Ein Halbfinale ohne Frankreich und Italien, den Finalisten von 2000, ohne Rekord-Europameister Deutschland, ohne das Mutterland England, ohne die Ex-Champions Spanien, Dänemark und Russland – wer das gewettet hätte, hätte wohl nie mehr arbeiten müssen.

Die Halbfinales lebten also von dem Reiz des Ungewöhnlichen. Portugal und Niederlande trafen in Lissabon, im kleineren Estadio José Alvalade, im vorweg genommenen Finale aufeinander. Somit war klar, dass ein Außenseiter –Tschechien oder Griechenland – ins Endspiel kommen würde. Und nach dem ersten Halbfinale war ganz Portugal sicher, endlich Europameister zu werden. Denn gegen die Niederländer spielten sie überzeugender, als es das knappe 2:1 aussagt. Luis Figo hatte endlich einen Schokoladen-Tag erwischt und war überall auf dem Platz zu finden. Diesmal musste ihn Scolari nicht auswechseln. Nach einer Ecke seines Konkurrenten um die Herrschaft im Mittelfeld, Deco, köpfte Cristiano Ronaldo das 1:0 (26.). Die Niederländer erhielten die Quittung für ihr verhaltenes Spiel und hätten nach 58 Minuten quasi schon einpacken können – Maniche erhöhte auf 2:0. Der Schuss an den Innenpfosten galt vielen als schönstes Tor der EM 2004. Auch das dritte Tor schossen die Portugiesen, bejubelt aber haben es die Niederländer. Andrade fabrizierte ein Eigentor (63.). Anders wären sie auch kaum zu einem Tor gekommen. Als es vorbei war, gab es keine zwei Meinungen. Roy Makaay gab zu: "Es gibt keine Entschuldigung, die waren einfach besser." Das Blatt Diaria de Noticias schrieb: "Portugal hat jetzt das Recht zu träumen. Leiden können, siegen können – das ist das Leitmotiv, das dem größten Erfolg des portugiesischen Fußballs zu Grunde liegt." Dass sie vor allem noch einmal würden leiden müssen, lag an ihrem Finalgegner. Der wurde am 1. Juli in Porto ermittelt und hieß – Griechenland.

Rehhagel und Co. stellen alles auf den kopf

Immer noch kaum zu glauben. Das Resultat war bekannt, die Erfolgs-Methode auch. Nach einem Eckball köpfte 1,97-Meter-Hüne Traianos Dellas von AS Rom das Siegtor. Für Tschechen-Trainer Karel Brückner war es das erste Gegentor nach einer Ecke "in drei Jahren und über 30 Spielen". Die Griechen stellten eben alles auf den Kopf in diesem Sommer 2004. Diesmal mussten die Rehhagel-Schützlinge in die Verlängerung gehen, man schrieb die 105. Minute, als das erste "Silver Goal" der EM fiel.

Es war eine mildere Variante des definitiven Golden Goals, das 1996 Oliver Bierhoff berühmt gemacht und quasi eingeführt hatte. Das wollte die UEFA nicht mehr. Nun galt: die Verlängerung kann 2x15 Minuten dauern wie zuvor, wird aber schon nach 15 beendet, wenn bis dahin eine Mannschaft führt. Da Dellas in der 105. Minute traf, war es quasi trotzdem ein Golden Goal, denn danach war die erste Verlängerungshälfte rum – und eine zweite gab es nicht mehr. Die Griechen waren in dieser Partie ausnahmsweise die glücklichere Elf, die Tschechen nutzen ihr Chancenplus nicht. Tomas Ujfalusi vom HSV sagte: "Es gewinnt eben nicht immer die bessere Mannschaft." Aber doch meist die, die keine Tore zulässt – was den Griechen schon seit fast fünf Stunden gelungen war. 9400 angereiste Fans auf den Rängen feierten ihre griechischen Götter in kurzen Hosen.

Nun schaute die Fachwelt nach Lissabon, wo Portugal und Griechenland zu Ende bringen wollten, was sie angefangen hatten. Das Eröffnungsspiel wurde im Finale neu aufgelegt, ähnlich wie 1996 (Deutschland-Tschechien). Das 1:2 steckte den Portugiesen noch in den Kleidern, sie hatten wahrlich keinen Grund den über sich hinaus wachsenden Fußballzwerg zu unterschätzen. Immerhin sprach das Stadion für Portugal: im Lissabonner Estadio Da Luz hatte es seit 28 Spielen keine Niederlage mehr gegeben. Ein ganzes Land fieberte auf den Titel hin, so leicht würde es doch nie wieder werden. Aber zur Freude der 15.000 Griechen-Fans fand die Scolari-Elf wieder kein Rezept, die Griechen zu knacken. Noch immer spielten sie antiquiert mit Libero und Charisteas gab die einzige Spitze. Das 4-2-3-1-System ließen viele spielen, die griechische Variante aber suchte ihresgleichen. "Rehhagel gewann mit einem griechischen Nationalteam die Europameisterschaft, das mit Libero und Manndeckern ausdrücklich keinen modernen Fußball spielte.", schrieb die Süddeutsche Zeitung. Rehhagel konterte Kritiker: "Modern ist, wenn man gewinnt."

Und so kamen sie an diesem 4. Juli 2004 ganz groß in Mode, diese Griechen. Sie ließen wenig zu, hatten in Nikopolidis einen früh ergrauten und doch springlebendigen Torhüter, sie deckten diszipliniert, jeder rannte für den anderen, was in Teams ohne Superstars vorkommen soll – und sie machten wieder ihr Kopfball-Tor nach einer Ecke. Als Basinas sie in der 57. Minute hereinzirkelte und Charisteas per Kopf traf, war klar: das ist das Tor zur Europameisterschaft. Und zur größten Sensation in der Geschichte bedeutender internationaler Turniere. Mit Mitteln, die wie geschildert, nicht jedem Betrachter gefielen. Es ging eben um keinen Schönheitspreis, Portugal "gewann" nach Torschüssen 22:5, aber den Pokal stemmte Otto Rehhagel in die Höhe. Fünf Griechen schafften es ins All-Star-Team, so schlecht kann der Fußball der Hellenen nicht gewesen sein. Und Otto Rehhagel hatte den damals in Mode kommenden Konzepttrainern, die mehr Mentoren statt Lehrern zu sein schienen, den Wert der Alten Schule demonstriert. "Die Griechen haben die Demokratie erfunden. Ich habe dann die demokratische Diktatur eingeführt." Nun, einen beliebteren Diktator hat die Welt wohl nie gesehen. In Athen empfingen eine halbe Millionen Griechen ihre Helden, alle Europameister wurden zu Ehrenbürgern Athens ernannt. Auch Rehhagel, den sie in Sprechchören verehrten: "Er ist verrückt, der Deutsche." Er war der erste ausländische Trainer eines Europameisters – Otto macht es möglich.

Die UEFA freute sich über ein nahezu perfektes Turnier und den zweithöchsten Zuschauerzuspruch (1.15 Millionen). Österreich und die Schweiz, Gastgeber 2008, hatten ein leuchtendes Vorbild bekommen.

[um]

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