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28.12.2011·08:10·Frauen-Nationalmannschaft

Kim Kulig: Sehnsucht nach Normalität

Arbeitet hart, um schnell wieder fit zu werden: Kim Kulig vom FFC Frankfurt  © Bongarts/GettyImages
Arbeitet hart, um schnell wieder fit zu werden: Kim Kulig vom FFC Frankfurt

Für Kim Kulig war es ein zweifacher Schock: Im Juli schied sie mit der Frauen-Nationalmannschaft nach der Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Japan aus dem Turnier. Schon nach drei Minuten hatte sie nicht weiterspielen können. Diagnose: Kreuzband- und Innenmeniskusriss. Anfang August wurde die 21-Jährige operiert, bei einem weiteren Eingriff wurde knapp drei Monate später der Meniskus geglättet. Nach schweren Monaten blickt die Mittelfeldspielerin des 1. FFC Frankfurt optimistisch auf das neue Jahr. DFB-Redakteurin Annette Seitz über einen langen Weg zum Comeback.

Da gibt es diesen Zettel. DIN-A4-Format. Deutlich sichtbar über dem Spiegel in ihrem Zimmer hat ihn Kim Kulig aufgehängt. Mehrmals täglich fällt ihr Blick darauf. So soll es sein, so ist es gedacht. „14.3.“ steht darauf – nicht viel, doch mit so viel Bedeutung für Kim Kulig. „Das“, sagt die 27-malige Nationalspielerin, „ist mein Ziel. Bis zu diesem Tag will ich wieder vollkommen fit sein.“

Doppelter Schock bei der WM

Dieser 14. März 2012 ist nicht irgendein Datum. Es ist der Tag, an dem der 1. FFC Frankfurt sein Hinspiel im Viertelfinale der Champions-League der Frauen beim LdB FC Malmö bestreitet. Jener 1. FFC Frankfurt, zu dem Kim Kulig im Sommer vom Hamburger SV wechselte, für den sie allerdings noch kein Spiel absolvieren konnte. Weil nach dem Aus der deutschen Frauen-Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale gegen Japan am 9. Juli nicht nur das deutsche Sommermärchen jäh endete, sondern auch Kim Kulig ihren ganz persönlichen Albtraum erlebte.

Drei Minuten waren gespielt, als die 21-Jährige nach einem Kopfball und leichter Rotation des Oberkörpers unglücklich wieder auf dem Boden landete – und sich das rechte Knie verdrehte. Kreuzbandriss, Riss des Innenmeniskus und mindestens sechs Monate Pause. Wenn es gut läuft.

"Es war eine schwere Zeit"

Es läuft nicht gut. Zunächst zumindest. Am 3. August wird Kim Kulig in Augsburg operiert. Wie durch einen Schleier erlebt sie die Wochen danach. Der Schmerz des WM-Ausscheidens wiegt zunächst schwerer als das Hadern über die schwere Verletzung. Langsam, ganz langsam wird ihr die Tragweite des Ganzen bewusst. „Am Anfang habe ich mich oft gefragt: Warum und weshalb? Ich habe lange dafür gebraucht, diese Verletzung zu akzeptieren. Es war eine schwere Zeit. Mal ging es besser, mal schlechter“, erinnert sie sich.

Sie beginnt an ihrem Comeback zu arbeiten. Zunächst wie mechanisch, dann immer intensiver, bewusster. Tagtäglich sind harte Einheiten angesagt. Doch eben nicht auf dem Platz, sondern in der Reha in Neu-Isenburg nahe Frankfurt. Von Montag bis Samstag schwitzt Kim Kulig dort sechs bis acht Stunden: Physiotherapeutische Behandlung, um die Beweglichkeit des Gelenks wiederherzustellen, Elektro-Therapie, Lymphdrainage, Muskelaufbau an Geräten, Stabilitätsübungen, Rad fahren. Ein individuell ausgearbeitetes Trainingsprogramm soll sie schnell wieder auf die Beine bringen – im wortwörtlichen Sinne.

Sehnsucht nach dem Ball

Sie macht Fortschritte. Die Streckung des Beins, die Beugung des Gelenks, die Beweglichkeit insgesamt verbessern sich. Doch nie geht es ihr schnell genug, nur schwer ist es für die Technikerin mit der großen Präsenz im Mittelfeld zu ertragen, dass der Umgang mit dem Ball – der Kontakt mit ihrem geliebten Spielgerät – für sie verboten ist. Vorerst zumindest noch.

Die Sehnsucht nach Normalität, die für Kim Kulig eben immer auch etwas mit dem Ball zu tun hat, nimmt teilweise ungewöhnliche Formen an. Als der 1. FFC Frankfurt sein Auswärtsspiel in der ersten Runde der Champions League Ende September gegen den norwegischen Meister Stabaek Football bestreitet, verfolgt sie die Begegnung vor dem Fernseher. In kompletter Montur ihres Vereins – Trikot, Stutzen, Fußballschuhe und Ball am Fuß. Rein passiv, versteht sich. „Ich hatte einfach Bock, wieder einmal Fußballschuhe anzuziehen“, erklärt sie. „Mir fehlt das einfach alles so sehr.“

Kontakt zur Mannschaft nicht abreißen lassen

Sie versucht, den Kontakt zu ihrer Mannschaft nicht abbrechen zu lassen. Geht zum Training des 1. FFC Frankfurt, schaut zu, ist bei den Spielen dabei. Auch auswärts. „Das ist wichtig, damit ich an der Mannschaft dranbleibe.“ Wichtig ist ihr auch die Verbindung zu ihren Kolleginnen aus der Frauen-Nationalmannschaft. So oft es geht, ist sie bei Länderspielen dabei, besucht ihr Team schon am Vorabend im Mannschaftshotel. „Ich habe einen sehr guten Kontakt zur Bundestrainerin“, sagt Kim Kulig. „Es gab immer gute Gespräche mit Silvia Neid. Sie gibt mir das Gefühl, noch Teil der Mannschaft zu sein.“

Das Hallo ist stets groß, wenn Kulig bei der DFB-Auswahl zu Besuch ist, die Freude riesig, dass die Mittelfeldspielerin sich blicken lässt, obwohl sie gerade nicht dabei sein kann. „Wenn ich bei der Mannschaft bin, habe ich immer noch das Gefühl, gebraucht zu werden“, erzählt sie. „Das ist zwar ein komisches Gefühl, dabei zu sein, obwohl ich verletzt bin und die anderen spielen, aber für mich ein wichtiges Signal, dass ich nicht abgeschrieben bin.“ Die Stunden mit ihrer Mannschaft genießt sie. Doch gab es, neben vielen Lichtblicken, auch den ein oder anderen Tiefpunkt in den vergangenen Monaten. „Mental und körperlich“, gibt sie zu.

Erneuter Eingriff im November

Nach Monaten der Fortschritte kam plötzlich der Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Die Reha-Maßnahmen gerieten ins Stocken, ein erneuter Eingriff wurde notwendig. Ein Rückschlag. „Ich dachte jedenfalls, dass es einer ist“, erinnert sich Kulig. Mitte November wurde ihr Meniskus geglättet, doch der befürchtete Schritt zurück war einer nach vorne. „Ich hatte totale Angst vor dem erneuten Eingriff, dachte, jetzt geht alles wieder von vorne los“, berichtet sie. „Doch danach hatte ich von Anfang an eine bessere Beweglichkeit im Gelenk. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich noch schneller fit werde.“

Geduld zählt nicht zu ihren stärksten Eigenschaften, doch sie hat nach den Geschehnissen am 9. Juli im Wolfsburger WM-Stadion lernen müssen, nicht alles auf einmal und sofort zu wollen. Reifer ist Kim Kulig während dieser Zeit geworden, sie hat begriffen, dass auch kleine Schritte langfristig zum Erfolg führen. „Natürlich geht mir das immer noch viel zu langsam – so wie am Anfang“, erzählt die Europameisterin von 2009, die mittlerweile ein Sportmanagement-Fernstudium begonnen hat. „Aber ich weiß jetzt, dass ich mir kleine Ziele stecken muss. Am Anfang habe ich gedacht: Wann kann ich wieder spielen? Jetzt denke ich: Ich freue mich darauf, erstmal wieder joggen zu können. Denn wenn ich joggen kann, dann ist der Ball auch nicht mehr weit.“

Joggen als Nahziel

Kulig über die letzten Monate: "Es war eine schwere Zeit"  © Witters
Kulig über die letzten Monate: "Es war eine schwere Zeit"

Das mit dem Joggen wird noch bis Anfang nächsten Jahres dauern. Danach sollen leichte Übungen mit dem Ball dazukommen. „Das Ziel, wieder spielen zu können, kommt immer näher“, sagt sie. Mit Bedacht hat sie erst den 14. März als Datum ihrer Rückkehr anvisiert, wohlwissend, dass sie ihr Comeback bei einem normalen Verlauf früher feiern könnte. „Ich will nicht enttäuscht werden, deshalb setze ich mir lieber ein realistisches Datum als Ziel. Alles, was früher kommt, nehme ich gerne mit.“

Deshalb fällt auch der Weihnachts-Urlaub kürzer aus als gewohnt. Heiligabend und die Weihnachtstage wird sie bei der Familie in Herrenberg im Landkreis Böblingen verbringen, dann aber schon bald wieder in ihre Wahlheimat nach Frankfurt aufbrechen. Schon am 31. Dezember steht für sie dann der nächste Termin an. Nicht die Vorbereitungen auf eine Silvesterparty, sondern Reha steht auf dem Plan. Schuften fürs Comeback. „Ich muss fit werden“, sagt Kim Kulig. Ihre Stimme klingt fest und voller Zuversicht. „Und ich werde es auch.“

[as]

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