News-Meldung
Seiteninhalt drucken
Schiedsrichter mit Pfiff: Stark klasse beim "Clasico"
Sie gehören zum Spiel wie der Ball ins Tor. 80.000 Schiedsrichter sorgen auf Deutschlands Fußballplätzen für Recht und Ordnung. DFB.de-Redakteur Steffen Lüdeke stellt immer donnerstags Referees mit ungewöhnlichen Geschichten vor. Engagiert und unparteiisch - Schiedsrichter mit Pfiff!
Im Spielertunnel ist die Anspannung spürbar. Und sichtbar. Bei allen Beteiligten. Gleich geht es raus, bald schaut die ganze Welt zu. Die Spieler sind nervös, die Schiedsrichter nicht minder. Ein Ball, 22 Akteure, die Konstellation an sich ist nicht ungewohnt.
Aber auch für Wolfgang Stark und seine insgesamt fünf deutschen Schiedsrichter-Kollegen ist dieses Spiel ein besonderes. Trotz allem. Stark hat drei Spiele bei der WM in Südafrika gepfiffen, insgesamt kann er auf 41 Einsätze in der Champions League und 241 Auftritte in der Bundesliga zurückblicken. Deutschlands Schiedsrichter des Jahres ist also ein erfahrener Mann.
Übersprungshandlungen vor dem Anpfiff
Dennoch, der Klassiker im Halbfinale der Königsklasse, Alltag sieht auch für Stark anders aus. Ein, zwei Mal fasst sich der 41-Jährige mit der rechten Hand an die Nase, kratzt sich mehrfach am Kopf. Übersprungshandlungen, die Sekunden vergehen, dann endlich geht es raus ins gleißende Licht: Angeführt von Stark betreten Real Madrid und der FC Barcelona um 20.41 Uhr das Spielfeld im Estadio Santiago Bernabeu.
Die Hymne der Champions League erklingt, mit sicherem Schritt schreitet Stark zum Mittelpunkt, geleitet wird er von seinen Assistenten Jan-Hendrik Salver und Mike Pickel. Schnell ein kurzer Blick zu Mesut Özil, die Deutschen beim "Clasico" unterhalten sich, nonverbal: Viel Glück, alles Gute. Bald kann es losgehen, alles ist bereit für das Spiel der Spiele. Die Routine der Seitenwahl wird gestört durch eine lästige Fliege, kein großes Problem, Stark weist sie von sich, wie später wieder und wieder aufgeregte Spieler.
Als Stark pünktlich um 20.45 Uhr in seine Pfeife bläst, ist die Partie eröffnet. Vor Stark und seinen Kollegen liegen gut 110 Minuten mit vielen Emotionen und wenig Fußball, hinter ihm liegen, ja - was eigentlich? Wie sehen die Sekunden, Minuten, Stunden und Tage im Leben eines Schiedsrichters vor dem Schritt ins Rampenlicht aus? Welchen Ritualen geht er nach, wie absolviert er die letzte Vorbereitung, wo bespricht er sich mit seinen Assistenten?
Schalke gegen Manchester zur Einstimmung
Die Arbeitsreise beginnt für Stark und das sechsköpfige Schiedsrichterteam bereits am Dienstag. Von einem „liaison officer“ des spanischen Verbandes werden die Schiedsrichter am Flughafen Madrid-Barajas in Empfang genommen, um 17 Uhr steht der erste Besuch des Stadions auf dem Programm. Danach werden die Schiedsrichter zum Hotel „Santo Mauro“ gefahren, am Abend schaut man sich in einem Restaurant in der Innenstadt gemeinsam das Spiel zwischen Schalke 04 und Manchester United an.
Der Spieltag selber beginnt für das Gros der Schiedsrichter aus Deutschland früh. Thorsten Kinhöfer und drei der anderen gehen vor der Frühstück noch eine Stunde laufen, Wolfgang Stark bleibt ein wenig länger liegen, am Spieltag selber schont der Hauptschiedsrichter für gewöhnlich seine Kondition.
Schon vor der ersten Abfahrt zum Stadion treffen sich die Unparteiischen zu einem Meeting, um 10.30 Uhr folgt im Stadion die Sicherheitsbesprechung mit UEFA, Feuerwehr, Polizei, den Sicherheitsdiensten und den Medien. 45 Minuten dauert das Gespräch, danach geht es zurück ins Hotel und jetzt: endlich Freizeit. Eine Stunde Sightseeing, ein Espresso in vertrauter Runde, später Pasta in einem Restaurant, die Minuten verrinnen, die Stunden vergehen.
Letztes Einschwören mit Kollegen in Kabine
Um 18.45 Uhr geht’s los zum Spielort, Ankunft im Bernabeu um 19 Uhr. Noch ist das Stadion menschenleer, noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm. 40 Minuten vor Anpfiff betreten Wolfgang Stark und seine beiden Assistenten das Spielfeld, 20 Minuten Warmmachen, Laufen, Dehnen, Einstimmen.
In der Schiedsrichter-Kabine folgt 15 Minuten vor dem ersten Pfiff das letzte Einschwören, das Team stimmt sich final ab und spricht sich Mut zu. Gemeinsam schaffen wir das, gemeinsam werden wir das Spiel souverän über die Bühne bringen. Dann öffnet Wolfgang Stark die Kabinentür und tritt hinaus in den Spielertunnel.
Losung: "Alles richtig gesehen"
Nun also hat der sichtbare Teil seiner Arbeit begonnen, vor den Augen der ganzen Welt geht der Sparkassenangestellte seinem Zweitjob nach. Um 20.45 Uhr bläst er in die Pfeife, Vorhang auf, Bühne frei, los geht’s. Nach 41 Sekunden muss Stark die Partie zum ersten Mal unterbrechen, Barcas Pedro Rodríguez foult Álvaro Arbeloa, Freistoß Real. Alles richtig gesehen - die Losung für den Abend.
Wenn Stark pfeift, sind seine Entscheidungen richtig, auch wenn er nicht pfeift, irrt er nie. Dennoch - mit jeder Minute wird das Spiel ruppiger, mit jeder Minute wird offensichtlicher, wie sehr die Nerven der Spieler beider Mannschaften blank liegen. Nur einer behält die Ruhe: Wolfgang Stark. Nach vier Minuten fordert Carles Puyol nach einem Handspiel der Gelbe Karte, mit wenigen bestimmten Worten weist Stark den Barca-Kapitän zurecht und daraufhin, das nur einer die Entscheidungen trifft: der Schiedsrichter.
Nach 47 Minuten beendet Stark den ersten Durchgang, als Fazit bleibt: keine Tore, keine Fehlentscheidung. Alles gut soweit, doch dann: Barcas Ersatztorhüter José Pinto ohrfeigt auf dem Weg in die Kabine Alvaro Arbeloa, in der Folge Rudelbildung, Handgreiflichkeiten, Ordner und Polizisten müssen eingreifen. Stark bespricht sich kurz mit Thorsten Kinhöfer, dem Vierten Offiziellen, gemeinsam wird das einzig richtige Urteil gefällt: Rot für Pinto.
Durchpusten zur Halbzeit in der Kabine
In der Schiedsrichter-Kabine ist es in der Halbzeit ruhig. Es gibt dort keinen Fernseher, die Schiedsrichter können ihre Entscheidungen nicht noch einmal überprüfen. So verlassen sie sich auf ihr Urteilsvermögen: Wir werden schon alles richtig gesehen haben.
Kurzes Durchpusten, weiter im Text. Leider wie zuvor. Nach dem Wechsel der Seiten sollen sich die Gemüter nicht wieder beruhigen. Reals Trainer Jose Mourinho nimmt Özil aus dem Spiel, mit dem Deutschen geht die letzte Bastion Fußball. Die besten Fußballer der Welt vergehen sich an ihm, 22 Spieler, die jede Aktion überhöhen, die Meckern, Schauspielern und den Fußball, das schöne Spiel, mit Füßen treten.
Der 23. Akteur verteidigt den Fußball, in all der Aufgeregtheit bleibt Wolfgang Stark unaufgeregt. An ihm liegt es nicht, dass die Partie ständig unterbrochen werden muss. Er bleibt seiner Linie treu, pfeift nicht kleinlich und nicht zu großzügig.
Alternativlos: Rot für Pepe
Als Pepe nach einer Stunde mit gestrecktem Bein in Dani Alves hineinrauscht, zögert Stark keine Sekunde: Rote Karte, Platzverweis. Eine unzweifelhaft richtige Entscheidung, die Jose Morinho verzweifeln lässt. Reals Trainer echauffiert sich, reiht hämische Gesten und abfällige Blicke aneinander und wird schließlich auf die Tribüne verbannt.
Mit Fußball hat der Klassiker in dieser Phase nicht viel zu tun, über die gesamte Spielzeit eigentlich nicht. Mit nur einer Ausnahme: Lionel Messi. Er ist der einzige, der mit Stark mithalten kann, hätte nicht der Argentinier dem 1:0 mit einem Solo über das halbe Feld das 2:0 folgen lassen – Wolfgang Stark wäre wohl von der UEFA als bester Akteur ausgezeichnet worden.
21-mal hat er an diesem Abend auf Foul gegen Real Madrid entschieden, 25-mal gegen Barcelona, 46 Pfiffe, 46-mal richtig. Um 22.29 Uhr pfeift Stark ein letztes Mal, der Klassiker ist vorüber. Einige Spieler wissen um die Leistung des Unparteiischen, kommen auf ihn zu, geben ihm die Hand, gut gemacht, Respekt, Danke.
Kompliment vom UEFA-Beobachter, Lob von Kollegen
Drei Minuten später erreichen die Schiedsrichter aus Deutschland ihre Kabine. Dort gibt es von UEFA-Schiedsrichter-Beobachter Jaap Uilenberg das erste Feedback: Kompliment, alles richtig gesehen. Nach und nach trudeln Glückwunsch-SMS und E-Mails der Schiedsrichter-Kollegen aus Deutschland ein. DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel meldet sich, überbringt telefonisch seine Glückwünsche.
Und langsam fällt die Anspannung ab. Doch der Arbeitstag ist für die deutschen Schiedsrichter noch nicht zu Ende. Es folgt die Videoanalyse, die Suche nach Kleinigkeiten: Wo war die Körpersprache nicht bestimmt genug, wo ein Pfiff zu viel, wo einer zu wenig? Erst danach ist der offizielle Teil abgeschlossen.
Weit nach Mitternacht ist es, als Wolfgang Stark und seine Kollegen wieder das Hotel erreichen. Schlafen geht jetzt noch niemand, das Adrenalin besiegt die Müdigkeit. So trifft man sich im Hotel zu einem letzten Snack, plaudert ein wenig und stößt mit einem Bier auf die gute Leistung an. Ein klasse "Clasico", zumindest aus unparteiischer Sicht.


