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28.12.2012·12:15·Bundesliga ·DFB.DE SPEZIAL

50 Jahre, 50 Gesichter: Abgang eines Weltmeisters

Schluss nach 14 Jahren Köln: Wolfgang Overath  © imago
Schluss nach 14 Jahren Köln: Wolfgang Overath

50 Jahre, 50 Gesichter: Für DFB.de erzählt der Autor und Historiker Udo Muras die Geschichte der Bundesliga an Persönlichkeiten nach, die die deutsche Eliteliga prägten. Jahr für Jahr. Heute: Wolfgang Overath, der 1976/1977 seine große Karriere gerade noch rechtzeitig beendete.

Im Sommer 1976 grassiert in Köln eine fiebrige Erwartung wie selten vor einer Saison. Der erste Bundesliga-Meister schickt sich nach 13 Jahren an, wieder die Schale zu holen. Auch die Kölner wollen nun in das Machtvakuum stoßen, das Mitte der Siebziger entstanden ist. Bayern Münchens Hegemonie ist vorbei, Kölns in wirtschaftlicher und struktureller Hinsicht kleiner Nachbar Borussia Mönchengladbach hat seitdem zwei Meistertitel geholt. Nun blasen sie auch in der Domstadt zum Großangriff. Mit Hennes Weisweiler kommt ein leibhaftiger Meistertrainer an den Rhein zurück, mit dem Belgier Roger van Gool der erste Millionen-Transfer (1,1 Millionen DM an FC Brügge) der Bundesliga.

Und die, die schon da sind, tragen selbst große Namen. Heinz Flohe und Dieter Müller glänzten bei der EM in Jugoslawien, Toni Schumacher steht am Anfang einer großen Karriere, ein Bernd Cullmann darf sich Weltmeister nennen. Nicht als Einziger: Einer schwebt über allen im Klub mit dem Geißbock im Wappen, nun schon im 14. Jahr trägt Wolfgang Overath das FC-Trikot.

Letzter Spieler aus der Premieren-Saison

Mit Start der Saison 1976/1977 ist der 33-Jährige der einzige Bundesliga-Spieler, der aus der Premieren-Saison übrig geblieben ist – und vor allem nie gefehlt hat. Sein Ehrgeiz hat den genialen Regisseur unermüdlich angetrieben, längst darf er sich Bundesliga-Rekordspieler nennen. Der Zähler steht bei 385 Einsätzen, als die Saison beginnt. Dass es seine letzte sein wird, weiß da noch niemand. Mancher freilich sieht es kommen mit der Verpflichtung von Weisweiler. Zwei Alphatiere stoßen aufeinander; der eine stur, der andere sensibel, leicht beleidigt und privilegiert. Besser sie vertragen sich. Die Unken aber rufen: Weisweiler war schon nicht mit Günter Netzer und Johan Cruyff klar gekommen, Super-Stars haben es nie leicht mit ihm. Wird Overath sein nächstes Opfer?

Anfangs ist alles super. Köln gewinnt die ersten fünf Spiele, Overath schwärmt vom "besten Trainer, den wir je hatten. Mit ihm kann der 1. FC Köln endlich wieder mal Meister werden, denn er versteht es wie kein Zweiter, die Spieler zu begeistern." Doch im Herbst geht es bergab, mit dem Wetter werden auch die Kölner schlechter. Vier Auswärtsspiele in Folge werden verloren und im November wird Overath erstmals ausgewechselt. Er ist angeschlagen, aber nicht nur am Knie, wie schon bald publik wird. In Duisburg sitzt er auf der Tribüne, was Berichte zu bestätigen scheint, es habe gekracht zwischen Trainer und Kapitän.

Acht Wochen auf der Tribüne

Overath wimmelt Reporter ab: "Kein Zitat von mir darüber, es ist besser so." Dafür gerät ein Weisweiler-Zitat in der englischen Presse in Umlauf: "Selbst wenn Overath gesund wäre, würde ich ihn nicht spielen lassen." Der Trainer dementiert, doch zu gerne möchte man es glauben. Die FC-Fans glauben es und rufen im November: "Wo bleibt denn der Overath?".

Der sitzt acht Wochen auf der Tribüne. Dankbare Bilder für die Fotografen. Wird Kölns Denkmal etwa gestürzt? Overath rappelt sich in der Rückrunde noch mal auf, aber zusammenraufen können sich die Kontrahenten nicht mehr. Selbst nach zwei Overath-Toren im Pokal gegen Homburg tadelt ihn Weisweiler, der öffentlich sein Deckungsverhalten beklagt. Der Star entgegnet: "Der Trainer hat mich doch von jeder speziellen Deckungsarbeit befreit. Ich weiß nicht, was ich eigentlich noch machen soll."

Rauschendes Fest zum Abschied

Abschied gegen die Weltmeister-Elf von 1974: Overath  © imago
Abschied gegen die Weltmeister-Elf von 1974: Overath

Präsident Peter Weiand: "Es ist wirklich bedauerlich, dass sich zwei so hervorragende Fußballer wie Weisweiler und Overath nicht verstehen." Overath beklagt, der Trainer kritisiere ihn nur "hinter meinem Rücken" und kündigt an, am Saisonende aufzuhören. "Ich möchte selbst entscheiden, wann ich aufhöre. Ich werde mich weder vom Publikum vom Platz pfeifen lassen, noch wird man mich auf der Reservebank sehen."

Am 17. Mai steht er auf dem Platz und noch mal im Mittelpunkt. Noch während der Saison feiert er ein rauschendes Abschiedsfest im Müngersdorfer Stadion. 60.000 Zuschauer kommen, auch um die erstmals seit dem Finale von München noch einmal aufgelaufene Weltmeister-Elf von 1974 zu sehen. Sie bezwingt den 1. FC Köln mit 4:1, aber das ist nebensächlich. Sieben ehemalige Trainer erscheinen zu Overaths Abschiedsspiel, auch der DFB-Vorstand ist vollzählig vertreten. "Kein deutscher Fußball-Star ist jemals so glanzvoll verabschiedet worden wie der 81-malige Nationalspieler", schreibt die Bild-Zeitung. Was sich auch in der Kasse bemerkbar macht, die Brutto-Einnahmen sollen sich auf 700.000 D-Mark belaufen haben.

Die Saison endet dann doch mit einem Missklang. Weisweiler hat keinen Sinn für Sentimentalitäten, er will den Erfolg. Und so lässt er Overath zwei Wochen später im Wiederholungsspiel des Pokal-Finales gegen Hertha BSC zum Entsetzen der Mitspieler auf der Bank. Ganz so wie er es 1973 schon mit Netzer getan hatte. "Der Wolfgang ist nicht spritzig genug, um uns morgen schon wieder nach vorne zu treiben." Der Erfolg gibt Weisweiler recht, Köln holt den Pokal – ohne seinen Kapitän, der sich nicht mal aufs Sieger-Foto stellt. Heute sagt Overath über seine letzte Saison: "Im Nachhinein muss ich Weisweiler dankbar sein, denn so bin ich auf dem Höhepunkt zurückgetreten."

Wolfgang Overaths Bundesligabilanz: 409 Spiele und 83 Tore - 1 Deutsche Meisterschaft (1964).

[um]

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