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Frank Mill: Der Wühler aus der Weberstraße
Es ist nicht einfach, sich mit Frank Mill auf einen Termin zu verständigen. Ständig ist er auf Achse, pendelt zwischen seinem Wohnort Münster, seinem Heimatort Essen und über 60 Fußballschulen, die er betreibt und betreut, hin und her. Oft steht er noch selbst auf dem Platz und leitet das Training. Vom Ball kann er auch mit mittlerweile 53 nicht lassen. Der freie Journalist Oliver Müller hat sich mit ihm unterhalten.
"Worüber wollen wir denn reden?", fragt er schließlich, und als er erfährt, dass das DFB-Pokalfinale und ein Rückblick auf seinen eigenen Pokalsieg Anlass für das Gespräch sein sollen, nimmt seine Bereitschaft, sich etwas Zeit zu nehmen, deutlich zu. "Ja, 1989, das war etwas ganz Besonderes", sagt er und beginnt dann ganz von alleine die Geschichte zu erzählen, die noch heute bei jedem Fan von Borussia Dortmund, der sich an den 24. Juni 1989 erinnern kann, eine Gänsehaut hervorruft.
"Was damals abgelaufen ist, war unfassbar", sagt Mill, für den der Triumph im Endspiel über Werder Bremen der einzige nationale Titel in einer langen und überaus erfolgreichen Stürmerkarriere war. Es war ein Triumph, der besondere Gefühle auslöste, weil er so unerwartet war. "Wir waren krasser Außenseiter und hatten vor der Partie zudem noch große Probleme", erinnert sich Mill. Am Vortag des Spiels, als der BVB in einer Jugendherberge am Wannsee Quartier bezogen hatte, herrschte sogar Krisenstimmung, "Nobert Dickel hatte Knieprobleme, und Horst Köppel, unser Trainer, wollte ihn deshalb nicht spielen lassen". Und Mill versuchte, gemeinsam mit Kapitän Michael Zorc noch spät abends den Coach zu überreden, den kongenialen Sturmpartner von Mill dennoch aufzubieten.
"Wir haben an diesem Tag alles getroffen"
Ohne die Überredungskünste des Duos wäre die Geschichte sicher anders verlaufen. Und es wäre kaum zu diesem heute noch legendären 4:1-Sieg gekommen. "Das Spiel stand lange auf der Kippe", sagt Mill, der selbst das 2:1 erzielen konnte: "Wir gerieten durch einen Treffer von Karlheinz Riedle in Rückstand. Dann traf Michael Lusch aus spitzem Winkel für uns. Doch Werder blieb überlegen. Vor meinem Kopfball zum 2:1 gab es noch eine Riesenchance für die Bremer. Aber wir haben an diesem Tag einfach alles getroffen." Allen voran Dickel, der zwei Treffer erzielte und so zum "Helden von Berlin" wurde.
Für beide Tore leistete Mill die Vorarbeit. Es war die Vorarbeit zu einer der emotionalsten Feiern in der Vereinsgeschichte. "Es waren mehr als 40.000 BVB-Fans in Berlin, der ganze Kurfürstendamm war schwarz-gelb", erinnert sich Mill an die anschließende Fahrt in die Innenstadt, wo hastig ein Bankett organisiert wurde. Weil der Erfolg so unerwartet kam, musste improvisiert werden. "Das Hotel, in dem wir gefeiert haben, platzte aus allen Nähten. Selbst für einige Spieler gab es keine Sitzplätze mehr." So blieben einige einfach an der Bar stehen und feierten dort den Triumph.
"Der Rückflug am Tag danach war dann eine Tortur", sagt Mill. Es gab Turbulenzen, und weil viele Spieler die ganze Nacht gefeiert hatten, kam es zu einigen Magenproblemen. Doch der Empfang in Dortmund entschädigte für vieles. Bereits am Flughafen in Wickede warteten tausende Anhänger, die Zufahrtsstraßen waren hoffnungslos verstopft. "Wir sind dann anschließend alle auf die Ladefläche eines LKW geklettert und in die Innenstadt gefahren. Ich habe keine Ahnung mehr, wie lange es gedauert hat, bis wir am Rathaus angekommen sind, wo ein Empfang geplant war. Aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit", sagt Mill.
"Rocky und Zocky" - das Sturmduo Dickel und Mill
Damals sollen mehr als 300.000 Menschen in Dortmund auf den Beinen gewesen sein, um den Pokalsieger zu feiern. 1989 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte des Traditions vereins. Es war der Grundstock für die Erfolge in den 90er-Jahren, als zweimal die Deutsche Meisterschaft und 1997 sogar die Champions League gewonnen werden konnte. "Durch die Qualifikation für den Europapokal wurden dem Verein neue Einnahmequellen erschlossen, es konnten neue Spieler verpflichtet werden", erinnert sich Mill, der selbst drei Jahre zuvor von Borussia Mönchengladbach nach Dortmund gewechselt war. Der BVB hatte damals am Abgrund gestanden und erst in der Relegation gegen Fortuna Köln den Klassenverbleib sichern können.
"Außer mir waren 1986 noch weitere sieben neue Spieler gekommen, man spürte regelrecht einen Ruck, der durch die Mannschaft ging", sagt der 17-malige Nationalspieler. In den darauffolgenden Jahren kamen Spieler wie Andreas Möller und Michael Rummenigge. Besonders erfolgreich entwickelte sich das neue Sturmduo, "Nobby Dickel und ich haben wahrscheinlich deshalb so gut zusammengepasst, weil wir so verschieden waren". Auf der einen Seite der groß gewachsene, etwas schlaksige Dickel, auf der anderen Seite der dribbelstarke Wühler Mill. Es gab auch gravierende Unterschiede im Charakter der beiden Vollblutstürmer, die vom Boulevard damals "Rocky und Zocky" genannt wurden – "Rocky" war der kopfballstarke Dickel, "Zocky" der abgezockte Mill.
"Der Lange war ein netter Kerl, jemand, den die Fans geliebt haben", erinnert sich Mill. „"Ich dagegen konnte auf dem Platz auch mal ein Miststück sein." "Franky" Mill, dessen Markenzeichen die herunterhängenden Stutzen waren, war ein Schlitzohr, das auch wusste, wie sich ein Elfmeter herausholen lässt. "Der Mill ist mit allen Abwassern gewaschen", hatte es Dickel damals in einem Fernsehinterview recht blumig umschrieben.
123 Tore in 387 Bundesligaspielen
Die Raffinesse, die Mill stets auszeichnete, hat er sich auf der Straße angeeignet. Die Spielweise, mit der er seine Gegenspieler in 387 Bundesligaspielen, in denen er 123 Treffer erzielte, oft zur Verzweiflung brachte, hat er schon früh kultiviert: damals, Anfang der 60er-Jahre, in der Weberstraße in der Essener Innenstadt. "Wir haben nach der Schule immer auf der Straße gespielt. Kleine Kellerfenster waren unsere Tore", erinnert er sich. Sein Weg war schon früh vorgezeichnet.
Der Fußball bestimmt auch heute noch sein Leben. Wenn er mit den Kindern auf dem Platz steht, taucht er wieder ein in die schönsten Zeiten seines Lebens. Den Schülern will er Spaß am Fußball vermitteln und ihnen Tricks und Kniffe beibringen. Sie dürfen ihn Löcher in den Bauch fragen. Nur ein Thema ist tabu. "Ihr werdet mich nicht fragen, warum ich den Ball damals gegen den Pfosten geschossen habe", pflegt Frank Mill den Kindern gleich zu Beginn des Lehrgangs zu sagen. So will er vermeiden, dass die größte "Peinlichkeit" seiner Karriere noch einmal zur Sprache kommt.
Als er nämlich am 9. August 1986 im Münchner Olympiastadion das Kunststück fertiggebracht hatte, den Ball aus wenigen Metern eben nicht ins leere Bayern-Tor, sondern an den Pfosten zu schießen. Diese Szene wird ihn wohl sein Leben lang verfolgen. Der vielleicht legendärste Fehlschuss der Bundesligageschichte – ausgerechnet in seinem ersten Spiel für den BVB – ist dank "YouTube" auch Fußball-Fans, die damals noch gar nicht geboren waren, sehr präsent. Mill selbst nimmt es mittlerweile mit Humor: "Das Ding hat mir auch sehr viel zusätzliche Popularität und Sympathien eingebracht."
Mill zollt Verantwortlichen in Dortmund seinen Respekt
Besonders auch von Anhängern von Bayern München. Einem Verein, für den Mill zwar nie gespielt, aber trotzdem immer große Hochachtung gehabt hat. Er war sogar kurzzeitig Mitglied bei den Münchnern. Nach einem Spiel mit der Oldie-Nationalmannschaft in den 90er-Jahren in München hatte er sich werben lassen. Beim Pokalfinale 2012 wird der Weltmeister von 1990 und Olympia-Dritte von 1988 trotzdem dem BVB die Daumen drücken. "Was in Dortmund in den vergangenen Jahren geleistet worden ist, ist bemerkenswert", zollt er seinen Nachfolgern in Schwarz und Gelb ein großes Kompliment.
Alle im Verein, von den Spielern über Trainer Jürgen Klopp bis zu den Funktionären "haben einen richtig guten Job" gemacht. Es bereite große Freude, die aktuelle Dortmunder Mannschaft spielen zu sehen. Und dass es nun im Endspiel wieder gegen die Bayern geht, sorge für einen ganz speziellen Reiz. "Schließlich haben auch die Bayern eine richtig starke Saison gespielt", sagt Mill. Sie hätten in der Bundesliga lediglich das Problem gehabt, dass die Dortmunder noch einen Tick entschlossener waren. Auf langer Strecke so, wie der BVB in diesem einen großen Spiel am 24. Juni 1989. Entschlossen, mutig. Und erfolgreich.



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