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Sepp Herberger: "Der Ball ist unser Dolmetscher..."
Heute vor 35 Jahren, am 28. April 1977, starb Sepp Herberger in seiner Heimatstadt Mannheim. Was ist geblieben, was ist sein Vermächtnis? Dr. Alexandra Hildebrandt, Beauftragte in der DFB-Kommission für Nachhaltigkeit, berichtet über das Lebenswerk des Alt-Bundestrainers und darüber, warum der "Chef" (nicht nur wegen seiner Sprüche) noch heute aktuell ist.
"Der Ball ist rund", "das nächste Spiel das schwerste" und überhaupt ist ja "nach dem Spiel vor dem Spiel". Ob nun Sepp Herbergers Fußball-Weisheiten weise oder banal sind, darf diskutiert werden, dass seine präzise formulierten Grundwahrheiten über den Fußball und das Leben die Jahrzehnte überdauern, steht dagegen fest.
Wolfgang Watzke hat anlässlich Herbergers 115. Geburtstag ein weniger bekanntes Diktum des Alt-Bundestrainers zitiert: "Der Ball ist unser Dolmetscher." Freilich, der Satz steht in einem anderen Zusammenhang und bezieht sich auf die ersten Spiele der Nationalmannschaft nach dem Krieg im Ausland – dennoch lässt er sich auch im übertragenen Sinn verwenden. Genau deshalb hat ihn Wolfgang Watzke, der die Geschäfte der Herberger-Stiftung leitet, aus der Zitatenkiste ausgegraben.
Herberger sorgte vor und dachte nach
Ein Blick auf Sepp Herbergers Leben kann einen dazu bewegen, sich intensiver mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Nachhaltigkeit, das klingt so zeitgeistig, und ist dabei doch eine fast 300 Jahre alte Denkweise – übrigens aus dem deutschen Forstwesen stammend. Zurück zu Herberger: Im Sinne der Nachhaltigkeit sorgte er nämlich vor und dachte nach. Er war, so sein Biograph Jürgen Leinemann, "listig, schlau, opportunistisch, giftig, bockbeinig. Mal brauste er auf, mal passte er sich an, und manchmal entzog er sich auch durch Schweigen. Er lächelte. Er zürnte. Er redete seine Umwelt schwindelig. Aber nie verlor er seine Ziele aus den Augen. Immer blieb er am Ball...".
Anlässlich des Ehrentages und der Gründung der Sepp-Herberger-Stiftung vor 35 Jahren wurde vor wenigen Wochen an das Fußballidol im Musensaal des Rosengartens in Mannheim erinnert. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach eröffnete so: "Das, was der DFB heute darstellt, geht ganz wesentlich auf den Erfolg bei der WM 1954 zurück. Der Anteil von Sepp Herberger daran war herausragend." Niersbach hob ebenso Herbergers Rolle bei der Gründung der Bundesliga hervor: Er habe das Projekt entscheidend vorangebracht. "Auch in Bezug auf das gesellschaftliche Engagement des DFB hat Herberger Pionierarbeit geleistet", so Niersbach.
So galt Herberger zuweilen als ein zutiefst "altmodischer" Mensch und war doch seiner Zeit weit voraus. Er konnte sogar schneller und gewitzter mit Veränderungen umgehen als etliche seiner jüngeren und zum Teil sogar besser ausgebildeten Kollegen. Zudem wusste er, wie Macht und Netzwerke funktionieren – und er war ein kluger Stratege, wenn es um den Fußball und seine Arbeit ging: "Ich habe immer dafür gesorgt, dass ich mit allen gut zurechtkam. Aber ich habe auch darauf geachtet, dass nicht jeder mit mir gut zurechtkam." Ein echter Charakter, der das Laute und Extreme stets gemieden und auch nie gebraucht hat.
In seiner Antrittsrede am 2. März 2012 in Frankfurt hatte Wolfgang Niersbach zwar nicht direkt Bezug auf den Alt-Bundestrainer genommen, aber er hatte sicher auch ihn gemeint, als er betonte, dass der DFB keine Revolution brauche, sondern eine Weiterentwicklung in allen Bereichen: eine "Evolution". Dabei war es für den neuen Präsidenten kein Widerspruch, auch Attribute wie "konservativ, kreativ und innovativ" zu verbinden.
Niersbach bekannte sich dazu, konservativ zu sein, nämlich im wahrsten Sinne des Wortes (conservare). Es geht um das Bewahren traditioneller und zeitloser Werte innerhalb des Systems Fußball: "Bei mir ist die Überschrift Evolution, Weiterentwicklung, Wachsein, Beobachten, wohin der Ball läuft. Und an den ersten Platz stelle ich die Einheit des Fußballs. Es ist die Einheit von Spitze und Breite, von Profis und Amateuren."
"Ein Fossil an Prinzipientreue und Disziplin"
Keine Frage, das hätte auch dem "Chef" gefallen. Sepp Herberger war ein solcher Mensch, und die Erinnerung an ihn zeigt, wie modern er bis heute bleibt. Sein Leben wird von verschiedenen Generationen anders gesehen und immer wieder neu interpretiert. Gerade weil Herberger nicht an Gültigkeit und Relevanz verliert, ist es mit dem Blick auf die Vergangenheit nicht getan.
Goethe gab zu bedenken, dass – wer sich nur mit der Vergangenheit beschäftigt – zuletzt in Gefahr gerät, "das Entschlafene" vertrocknet an sein Herz zu schließen. Von Sepp Herberger gehen Impulse aus, die damals wie heute von großer Tragweite und Aktualität sind. Der Journalist Jürgen Leinemann nannte ihn "ein Fossil an Prinzipientreue und Disziplin, ein Ausbund aller preußischen Tugenden". Wie nur wenige verkörperte er das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, das Unternehmer seit dem frühen Mittelalter zu nachhaltigem Handeln bewegt hat. Zum Ethos dieser Menschen gehören Tugenden wie harte Arbeit und Disziplin, Verlässlichkeit, sozial verantwortliches Handeln und Augenmaß: "Allein der Charakter des einzelnen entscheidet. Es kann einer Millionen verdienen und nicht genug damit haben. Nein, das Geld spielt eine untergeordnete Rolle, wenn einer ein wirklicher Kerl ist. Und in der National-Elf dürfen eben nur wirkliche Kerle stehen."
Was nachhaltig in kollektiver Erinnerung bleibt, ist nicht nur seine bodenständige, pragmatische und liebenswürdige Persönlichkeit, sondern auch Erkenntnisse, die sich auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben neben dem Spielfeld übertragen lassen: dass Aufsteigen leichter ist als oben bleiben, dass die Qualität der einzelnen Spieler jedem noch so ausgeklügelten System vorzuziehen ist, dass sich erst nach etwa zehn oder zwölf Spielen herausstellt, ob jemand für die Nationalmannschaft wirklich taugt oder nicht, dass ein Trainer keine Befehle erteilen sollte, sondern die Spieler von der Richtigkeit des vorgezeichneten Weges zu überzeugen hat, dass für den einen nicht passen muss, was für den anderen gut ist und schließlich: gelassen im Sieg und unberührt in der Niederlage zu bleiben.
Das "Wunder von Bern"
Es gab für ihn keine Trennung zwischen dem Spielfeld und dem Leben außerhalb des Platzes. In den 1920er Jahren war Herberger für die Vereine SV Waldhof und VfR Mannheim sowie Tennis Borussia Berlin aktiv und wurde für zahlreiche Auswahl- sowie drei Länderspiele berufen. Von 1936 bis 1964 war er als Reichs- beziehungsweise Bundestrainer verantwortlich für die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Höhepunkt seiner Karriere war der Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 1954, deren Endspiel als "Wunder von Bern" in die Fußballgeschichte einging. Am Spielfeldrand war er so konzentriert, bis er vor Erschöpfung grau wurde - auch ein Zeichen dafür, dass Verantwortung tragen für ihn bedeutete, bis an die eigene Substanz zu gehen und mit jeder Faser ganz bei der Sache zu sein.
Dem unberechenbaren Glück hat er nie getraut, denn die Welt um ihn herum geriet zu oft aus den Fugen – doch den Unwägbarkeiten des Lebens setzte er eine eigene Ordnung, Präzision und Stabilität entgegen, die auch dann hielt, wenn alles andere nicht mehr hielt. Die Mannschaft als moralische Instanz gab ihm dabei Halt. Da er innerlich gefestigt war, konnten ihn äußere Veränderungen nicht (mehr) schrecken. Vielmehr reizten sie seine "planerische Phantasie" und sein taktisches Vorgehen. Der grüne Rasen blieb seine wahre Heimat und gab ihm jene Bodennähe, die ihn niemals abheben ließ.
Die Erinnerung an ihn bleibt durch die Sepp–Herberger-Stiftung, die älteste deutsche Fußballstiftung, lebendig. Sie engagiert sich in vier Tätigkeitsbereichen (Behindertenfußball, Resozialisierung, Schulen und Vereinen sowie dem DFB-Sozialwerk) und ist davon überzeugt, dass die humane und dauerhaft wiedererkennbare "Marke" Sepp Herberger mehr ist als ein historisches Zeugnis, nämlich ein leuchtendes Signal unserer (Fußball-)Kultur.
In dieser Tradition arbeitet auch Michael Herberger, Großneffe des Weltmeistertrainers und Produzent der Söhne Mannheims, ehrenamtlich für seine Stadt Mannheim. Neben seiner Tätigkeit im Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung kümmert er sich gemeinsam mit Xavier Naidoo und den "Söhnen" um sein Projekt "Aufwind Mannheim e.V." gegen Kinderarmut in seiner Stadt. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Geschäftsführer der Sepp-Herberger-Stiftung, Tobias Wrzesinski, setzt er sich für gelungenes bürgerschaftliches Engagement ein.
Sepp Herberger hat die Zukunft weise vorweggenommen, auch das macht ihn zu einem Vorboten und heute noch hörbaren Botschafter der Nachhaltigkeit.



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