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16.10.2012·14:55·Nachhaltigkeit

FCK-Fanprojekt: "Zur Nachahmung empfohlen"

Leitet das Fan-Projekt des 1. FC Kaiserslautern: Erwin Ress  © 1. FC Kaiserslautern
Leitet das Fan-Projekt des 1. FC Kaiserslautern: Erwin Ress

Ein Fußballspiel, eine bittere Niederlage, am Sonntag ein schweres Training vor den immer noch enttäuschten Fans. So weit, so normal. In Kaiserslautern aber ereignete sich Schlimmes. "Drecksjude" rief einer aus der Gruppe von etwa 200 Anhängern, während die Mannschaft, darunter der Israeli Itay Shechter, nach dem 0:4 gegen Mainz auslief. Doch der Ruf wurde beantwortet. Für seine laute und deutliche Reaktion auf die rassistische Entgleisung erhielt das Fan-Projekt des 1. FC Kaiserslautern heute im Beisein von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach den Julius Hirsch Preis 2012. DFB.de-Redakteur Thomas Hackbarth war dabei.

Die Erträge fußballbezogener Sozialarbeit liegen im Verborgenen. Es fällt schwer, exakt zu bilanzieren, was die Sozialarbeiter in den 48 Fan-Projekten in Deutschland leisten. Erwin Ress ist einer von ihnen. Der 52-Jährige ist seit 21 Jahren im Job und leitet seit 2007 das Fan-Projekt des 1. FC Kaiserslautern. Den roten Faden hat er nie verloren. "Die Polizei kümmert sich um die Probleme, die Fans machen. Ich kümmere mich um die Probleme, die Fans haben."

Ress versteht sich als Anwalt der Anhänger. Doch am 26. Februar 2012 tat er sich schwer, auf Seiten seiner Fans stehen zu bleiben. Am Sonntag nach der 0:4-Niederlage gegen Mainz 05, die die "Roten Teufel" dem Abstieg aus der Bundesliga einen weiteren Schritt näherbrachte, passierte es. "Drecksjude" war gerufen worden. Auch der Hitler- Gruß wurde Richtung Platz geschickt, während die Mannschaft trainierte. Mit dabei und vermeintliches Ziel der feigen Verbalattacke: der von Hapoel Tel Aviv an den Betzenberg gewechselte Israeli Itay Shechter. Es war vielleicht vielleicht nur einer unter den rund 200 Fans, die beim Training zuschauten. Auf einem Video, das die Spieler beim Training zeigt, ist die rassistische Beleidigung zu hören. Bis heute konnte jedoch kein Täter ausgemacht werden. Es meldeten sich keine Zeugen. "Ganz ehrlich, ich dachte, wir wären sicher. Als Itay zu uns wechselte, wehte anfangs die israelische Flagge im Stehblock", sagt Ress. "Nach dem unsäglichen Vorfall war es dem Fan-Projekt wichtig, zu sensibilisieren. Wir wollten auf keinen Fall, dass die Geschichte unter den Teppich gekehrt wird."

Reaktion in Kaiserlautern: Schnell, deutlich, sichtbar

Alle reagierten vorbildlich: FCK-Klubchef Stefan Kuntz, die Spieler, das Fan-Projekt und die große Mehrheit der Lauterer Fans. Sofort drängte der Klub darauf, dass Ordnungsbehörden und Polizei dem Vorfall nachgehen. "Rassismus und Diskriminierung haben beim FCK keinen Platz", sagte Kuntz. Vor Anstoß des folgenden Heimspiels trug die Mannschaft genau diese Losung als Banner ins Stadion. Unter dem Titel "Rot-Weiss-Bunt" veranstalteten das Fan-Projekt und der FCK Aktionswochen. Die Ausstellung "Tatort Stadion 2" sowie Vorträge und Diskussionen mit dem Journalisten Ronny Blaschke, dem Politologen und Buchautor Jonas Gabler und dem Soziologen Gerd Dembowski waren Teil des Programms. Ress sagt: "Etwas hat sich verändert. Neutrale Zuschauer hören heute genauer hin, alle sind hellhöriger geworden". Eine Ultra-Gruppe fertigte ein Banner, auf dem die Landesfahnen der beim FCK unter Vertrag stehenden Profispieler abgebildet waren. Schnell, deutlich, sichtbar – so reagierte Kaiserslauterns Fußball. Für das entschlossene Vorgehen bekam das Fan-Projekt heute in Berlin im Alten Stadthaus den Julius Hirsch Preis überreicht.

Zur Jury des Preises gehören DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Liga-Präsident Dr. Reinhard Rauball und DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach – die ranghöchsten Repräsentanten des Sports. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, gehört dem Gremium ebenfalls seit 2006 an. Niersbach sagt zur Entscheidung der Jury: "Wir werden nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass deutlich über 99 Prozent aller Fußball-Fans absolut friedlich sind und für ein offenes, vorurteilsfreies Nebeneinander stehen. Es darf nicht sein, dass eine absolute Minderheit dieses so erfreuliche Bild beschädigt."

DFB-Präsident Niersbach: "Den Projekten gilt unsere Anerkennung"

Jurymitglieder: Charlotte Knobloch und DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach  © Alfred Harder
Jurymitglieder: Charlotte Knobloch und DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach

Mit dem zweiten Preis zeichnete die Jury eine Initiative des Berliner Polizeiabschnitts 22 aus, bei der die Beamten gemeinsam mit 15 jugendlichen Hertha-Fans das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besucht hatten. Eine Bildungs- und Begegnungsreise nach Auschwitz hatte das Frankfurter Fan-Projekt gemeinsam mit zwei Fan-Klubs unternommen – dafür gab es den dritten Preis. Mit der Stiftung des Preises erinnert der DFB an jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre, die den Fußball in Deutsch - land bis 1933 geprägt hatten. Der Nationalspieler Julius Hirsch wurde 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und kehrte nie zurück.

Erwin Ress sieht zwei mögliche Fehlreaktionen auf den 26. Februar: "Bagatellisieren ist falsch, Überreagieren genauso. Aber eins ist ganz klar: Dass Leute heute noch 'Jude' als Schimpfwort verwenden und andere Menschen damit beleidigen und diskriminieren, finde ich unerträglich." Der Fußball in Kaiserslautern hat eindeutig geantwortet. "Den ausgezeichneten Projekten", sagt Wolfgang Niersbach, "gilt unsere Anerkennung und Gratulation. Sie sind zur Nachahmung empfohlen."

[th]

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