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08.01.2013·09:45·Internationale Beziehungen

Sissy Raith: "Der gerade Weg liegt mir nicht sonderlich"

Raith: "Frauenfußball mehr ins Bewusstsein der Menschen"  © FIFA/GettyImages
Raith: "Frauenfußball mehr ins Bewusstsein der Menschen"

58 Länderspiele, vier Tore, zweimal Europameisterin; viermal Deutsche Meisterin, fünf Titel im DFB-Pokal. Nicht so viele Fußballerinnen waren in ihrer Karriere ähnlich erfolgreich wie Sissy Raith. In ihrer Laufbahn als Trainerin hat Raith oft das Besondere gesucht. Vier Jahre lang coachte sie die Frauenmannschaft des FC Bayern München, dann begannen Abenteuer.

Zunächst als Trainerin des Herrenteams des TSV Eching, zuletzt im Ausland. In Aserbaidschan hat die Deutsche vor drei Jahren aus dem Nichts begonnen, den Frauenfußball ins Land zu bringen. Höhenpunkt ihres Wirkens war die U 17-WM, bei der sie die Verantwortung für das Team der Gastgeberinnen hatte. Im DFB.de-Interview mit Redakteur Steffen Lüdeke spricht Raith über ihre Zeit in Aserbaidschan und ihrer Pläne für die Zukunft.

DFB.de: Frau Raith, Sie sind nicht mehr Trainerin in Aserbaidschan. Warum nicht?

Sissy Raith: Meine Mission wäre eigentlich unmittelbar nach Ende der U 17-WM in Aserbaidschan beendet gewesen, also nach Abpfiff des Endspiels am 13. Oktober. Wir haben uns dann darauf verständigt, dass ich auch noch während der EM-Qualifikation in Österreich für das Team verantwortlich bin und meinen Vertrag in diesem Zusammenhang bis Ende des Jahres 2012 verlängere.

DFB.de: In den kurzen News der Agenturen zum Ende Ihrer Tätigkeit in Aserbaidschan wird das Abschneiden bei der U 17-WM genannt, bei der Ihre Mannschaft nach drei Niederlagen und ohne Tor ausgeschieden ist. Wie unfair ist es, daraus ein Scheitern Ihrer Mission in Aserbaidschan abzuleiten?

Raith: Für alle Menschen, die an diesem Projekt und der Aufbauarbeit in Aserbaidschan beteiligt waren, ist diese Darstellung bitter. Auch für mich. Ich empfinde sie auch als unfair, weil diese Darstellung viel zu knapp ist und nicht berücksichtigt, was wir in kurzer Zeit geschafft haben und wie die Verhältnisse waren, als wir dort angefangen haben. Es wurde ja auch geschrieben, dass nie zuvor ein Gastgeber einer U 17-WM so schlecht abgeschnitten hat.

DFB.de: Stimmt das denn nicht?

Raith: Doch, aber es hat auch noch nie zuvor einen Gastgeber gegeben, bei dem der Frauen- und Mädchenfußball noch so jung ist. Für uns ging es nicht um die Teilnahme an den Finalspielen und ein Weiterkommen, es ging darum, den Frauenfußball mehr in das Bewusstsein der Menschen zu bringen und uns als Mannschaft auch außerhalb des Platzes gut zu verkaufen. Das haben wir geschafft. Natürlich waren wir enttäuscht, dass uns die Sensation nicht gelungen ist, ein Spiel zu gewinnen. Das hat aber auch niemand erwartet. Als sich der aserbaidschanische Verband um die Ausrichtung der WM beworben hat, war der Frauen- und Mädchenfußball nicht rückständig oder unterentwickelt, er hat schlicht nicht existiert. Es gab in Aserbaidschan kein Mädchen, das Fußball gespielt hat.

DFB.de: Und dann kamen Sie.

Raith: Ja. (lacht)

DFB.de: Wie sah Ihre Aufbauarbeit konkret aus? Sind Sie durchs Land gefahren und haben die Mädchen angesprochen, ob sie nicht Lust haben, Fußball zu spielen?

Raith: So in etwa. Wir haben Schulen im ganzen Land angeschrieben und darum gebeten, ein Scouting-Training durchführen zu dürfen. Dann sind wir in den ersten zwei, drei Monaten vom Kaukasus quer durchs Land bis runter an die iranische Grenze gefahren, haben Trainingseinheiten durchgeführt und dabei nach talentierten Mädchen gesucht. Dabei haben wir knapp 300 Mädchen gesichtet, 54 davon habe ich zu einem ersten Lehrgang eingeladen, 32 haben die Einladung angenommen. Und daraus haben sich acht Mädchen für die ersten Trainingseinheiten der U-15 Nationalmannschaft empfohlen.

DFB.de: Und der Rest?

Raith: Es gab Fälle, in denen den Mädchen von den Familien verboten wurde, weiter Fußball zu spielen.

DFB.de: Auf welche Vorbehalte sind Sie in Aserbaidschan gestoßen - oder wurden Sie überall mit offenen Armen empfangen?

Raith: Mir persönlich wurde immer der höchste Respekt entgegengebracht. Aber natürlich habe ich über mein kleines Trainerteam oder auch die Verantwortlichen des Verbanden gehört, dass nicht alle Menschen in Aserbaidschan restlos begeistert von dem Vorhaben sind, dort den Frauenfußball zu etablieren. Sie haben das aber immer sehr vorsichtig an mich herangetragen, auch wenn es wieder einmal so war, dass eine Spielerin doch noch kurzfristig ihre Teilnahme an einem Lehrgang absagen musste. Wir sind auf Widerstände gestoßen, dass kann man nicht anders sagen.

DFB.de: Aserbaidschan ist ein muslimisches Land. Waren diese Widerstände auch religiöser Natur?

Raith: Jedenfalls nicht hauptsächlich, wobei ich keine Expertin für diese Thematik bin. Ich glaube eher, dass die Vorbehalte kultureller Natur waren. Auf dem Land werden Frauen dort oft noch zwangsverheiratet, in der Stadt, in Baku, ist das zum Glück anders. Aber unabhängig von der Entstehung der Ehe, haben Frauen in Aserbaidschan vor allem die Aufgabe, ihre Rolle für die Familie zu erfüllen. In erster Linie also Kinder zu bekommen und für diese und ihren Mann da zu sein. Sport, nicht nur Fußball, wird in diesem Rollenverständnis eher als hinderlich betrachtet. Auch schon bei den Mädchen.

DFB.de: Was hat Sie unter diesen Umständen dazu gebracht, das Projekt in Aserbaidschan zu übernehmen?

Raith: Mich hat gerade das gereizt. Es war einfach völlig verrückt. (lacht) Aber ich habe es im Grunde immer so gehandhabt, dass ich die Dinge angegangen bin, die ein wenig abseits der Norm lagen. Auch als ich beim FC Bayern Trainerin war, habe ich mich besonders um solche Spielerinnen bemüht, die talentiert, ehrgeizig und schwierig gleichermaßen waren. Ich war als Spielerin selber nicht einfach. Und so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Spielerinnen aufzufangen, die woanders Probleme hatten. Man kann wohl sagen, dass mir der gerade Weg nicht sonderlich liegt. Mich hat das Außergewöhnliche, das Besondere schon immer fasziniert. Ich war also in Aserbaidschan gut aufgehoben. (lacht)

DFB.de: Sie waren nicht die einzige deutsche Entwicklungshelferin in Sachen Fußball in Aserbaidschan. Berti Vogts trainiert bei den Männern die A-Nationalmannschaft, Bernhard Lippert ist Trainer der U 21, Nicolai Adam für die U 15 und U 16 zuständig. Inwieweit haben sich die deutschen Trainer in Aserbaidschan ergänzt und unterstützt?

Raith: Berti Vogts ist nicht ständig vor Ort, anders als Bernhard Lippert. Mit ihm habe ich auch gemeinsam in einem Hotel in Baku gewohnt. Für mich war das sehr angenehm. Wir haben uns hin und wieder zum Frühstück getroffen oder auch mal einfach so zum Plaudern. Schon deswegen war die Zusammenarbeit sehr eng, sehr produktiv und sehr gut. Wir haben uns ausgetauscht und von Erfahrungen des anderen profitiert.

DFB.de: Wenn Sie auf Ihre Zeit in Aserbaidschan zurückblicken: Welche Dinge haben Sie positiv und welche negativ überrascht?

Raith: Ich habe mich über sehr viele Dinge gewundert. Vor allem über die Begeisterung und den Enthusiasmus, mit dem meine Spielerinnen dabei waren. Auch wie einfach es war, ihnen Werte wie Fairplay und Teamgeist zu vermitteln. Generell ist mir in Aserbaidschan aufgefallen, wie respektvoll die Menschen miteinander umgehen. Die Jugend schaut dort zu den Älteren auf. Ich habe in Gesprächsrunden mit meinen Kollegen oft erlebt, dass die Trainer darum gebeten haben, auch etwas sagen zu dürfen. Es hat eine Weile gedauert, bis unser kleines Team verinnerlich hatte, dass alle gleichberechtigt sind, alle selbstverständlich ihre Meinung einbringen sollen und mir diese wichtig ist. Auffällig war auch der Respekt den Frauen gegenüber.

DFB.de: Inwieweit passt das zu den Zwangsehen und den Widerständen, auf die Sie gestoßen sind?

Raith: Es ist in Aserbaidschan ähnlich, wie ich es auch in Ungarn erlebt habe: Man wird dort nie eine Frau finden, die ihre schwere Tasche selber tragen muss. Das ist nur ein Beispiel. Die Frauen in Aserbaidschan sind unglaublich behütet, ihnen werden sehr viele Dinge abgenommen. Das führt dazu, dass ihnen manchmal die Selbstständigkeit fehlt. Das ist sehr schade, weil es dort - wie überall - viele talentierte und intelligente Frauen gibt, die sich nicht entfalten können. In einigen Bereichen ist es in Aserbaidschan so, wie es in Deutschland vor 50 Jahren auch war. Vor allem, was die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau betrifft.

DFB.de: Für die U 17-WM haben Sie einige Spielerinnen mit aserbaidschanischen Wurzeln aus Deutschland in Ihre Mannschaft geholt. Wie ist das genau gelaufen?

58 Länderspiele, 4 Tore: Sissy Raith (v.)  © Bongarts/GettyImages
58 Länderspiele, 4 Tore: Sissy Raith (v.)

Raith: Über einen Kontakt in Berlin habe ich gehört, dass es dort viele Türkinnen gibt, die Fußball spielen und aserbaidschanische Wurzeln haben. Ich habe mir dann Trainingseinheiten und Spiele angeschaut. Auf diese Weise habe ich einige Spielerinnen gefunden, aber nicht nur in Berlin. Bei einer Spielerin aus München war es beispielsweise so, dass der Vater aus dem Iran stammt und die Großmutter aus Aserbaidschan. In diesem Fall wusste die Spielerin das selbst gar nicht. Wir haben die Spielerinnen dann zu Trainingslehrgängen nach Deutschland eingeladen.

DFB.de: Während und nach der WM haben die Spielerinnen mehrfach gesagt, dass sie es als Ehre empfinden, von Sissy Raith trainiert zu werden. Die Lobeshymnen auf Ihre Arbeit könnten größer kaum sein. Wie haben die Spielerinnen reagiert, als Sie diese darüber informiert haben, dass Sie Ihre Tätigkeit nicht fortsetzen werden?

Raith: Der Abschied ist mir nicht leicht gefallen. Wenn man so eng und so intensiv miteinander arbeitet und im Grunde zusammenlebt, dann entsteht eine große Bindung, Wir haben die Auswahlspielerinnen ja von den Familien zu uns in die neu gegründete Fußballakademie nach Baku geholt. Wir hatten deswegen eine große Verantwortung. Das Verhältnis war viel mehr als das zwischen Spielerinnen und Trainerin. Mir war es wichtig, dass ich den Mädchen etwas fürs Leben mitgebe, nicht nur Schießen, Passen, Aus und Abseits. Ich habe die Entwicklung dieser jungen Menschen gesehen, ein Stück weit auch beeinflusst. Da ist es doch klar, dass es schwer ist, sich voneinander zu trennen.

DFB.de: Gibt es noch Kontakte?

Raith: Ja, klar. Erst kürzlich habe ich wieder eine E-Mail von einer Spielerin bekommen, in der stand, wie sehr mich die Mädchen vermissen - und ob es gar keine Hoffnung gibt, dass ich nach Aserbaidschan zurückkehre. Da muss man schon schlucken, wenn man so etwas liest.

DFB.de: Und was haben Sie geantwortet? Gibt es gar keine Hoffnung?

Raith: Nein.

DFB.de: Sie selber haben nach der U 17-WM gesagt, dass nun die Grundlagen geschaffen seien und einzig der beschrittene Weg fortgesetzt werden müsse. Warum verlassen Sie diesen Weg?

Raith: Die ehrliche Antwort ist, dass der Aserbaidschanische Fußball-Verband und ich uns darüber unterhalten haben, wie und ob es weitergehen kann. Und dabei haben wir keine Einigung erzielt. Mir liegt aber sehr viel daran, dass der Verband jemanden findet, der die gelegte Basis weiterführt und ausbaut. Ich wünsche mir sehr, dass die Mädchen die Chance bekommen, ihr Talent weiterzuentwickeln. Und dass der Frauenfußball sich weiterentwickeln kann. Wir haben dort Ligen gegründet, zwei U 15-Ligen, eine U 17-Liga. Wir haben viele Dinge angeschoben, ich fände es schlimm, wenn diese Arbeit nicht fortgesetzt würde.

DFB.de: Die Spielerinnen wollten, dass Sie bleiben, der Verband war nicht abgeneigt, Sie im Grunde auch nicht. Noch mal: Woran ist die Fortsetzung der Zusammenarbeit konkret gescheitert? Aus Ihrer Vita ergibt sich, dass finanzielle Gründe nicht ausschlaggebend gewesen sein dürften. Des Geldes wegen haben Sie noch nie für den Fußball gearbeitet.

Raith: Ausschlaggebend war letztlich, dass ich nicht mehr - wie in den vergangenen Jahren - permanent vor Ort in Aserbaidschan sein wollte. Ich habe in Deutschland eine Familie, um die ich mich kümmern möchte, eine Mama, die auch nicht jünger wird. Ich habe deswegen gesagt, dass ich nicht mehr zwölf Monate durchgehend in Aserbaidschan sein kann. Es gab ein paar andere Punkte, aber das war das größte Hindernis, weil sich der Verband darauf nicht einlassen wollte.

DFB.de: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft, auf welche Verrücktheit wollen Sie sich als nächstes einlassen?

Raith: (lacht) Ich bin in alle Richtungen offen. Ich bin auf nichts festgelegt, sage beispielsweise nicht, dass ich nur noch Nationaltrainerin oder ausschließlich im Jugendbereich tätig sein will. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wenn die Basis stimmt, kann ich mir eine Arbeit in Deutschland vorstellen - ob bei Frauen, bei Männern oder bei Jugendlichen. Ich kann mir aber auch vorstellen, wieder im Ausland zu arbeiten.

[sl]

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