Hallo, Nachbarn!

Seiteninhalt drucken

 

Man muss nicht unbedingt FIFA-Schiedsrichter sein, um im Ausland ein offizielles Spiel leiten zu dürfen. Viele DFB-Landesverbände betreiben auf ihrer Ebene Austausch-Programme mit unseren Nachbarländern. David Bittner und Lutz Lüttig haben mit Unterstützung der Öffentlichkeits-Mitarbeiter der Verbands-Schiedsrichter-Ausschüsse zusammengestellt, wo überall „Grenzüberschreitungen“ stattfinden. Eine Statusbeschreibung, die zugleich eine Anregung sein soll.


Es ist ein Sonntagmittag im Oktober 2009, als sich Alexander Rausch aus Konz (Kreis Trier-Saarburg) mit seinen beiden Assistenten auf den Weg zum Spiel macht. Im Schnitt einmal pro Woche ist der 25-Jährige im Gebiet des Fußballverbandes Rheinland im Einsatz. Heute ist das anders: Für Alexander geht’s auf die „internationale Bühne“. Der Schiedsrichter in Diensten des SV Krettnach ist angesetzt für ein Spiel der Zweiten Liga in Luxemburg, die Partie FC Minerva Lintgen gegen CS Obercorn.

Für den deutschen Unparteiischen und sein Team ist das eine besondere Aufgabe, und ein bisschen Anspannung ist schon zu spüren: „Ich hoffe mal, dass mich die Spieler dort alle verstehen, denn viele Luxemburger sprechen nur französisch“, sagt Alexander, der zum ersten Mal im Nachbarland ein Spiel leiten wird. Französisch kann er nicht, aber er versteht die Fußballregeln. Und das ist das Wichtigste.

An diesem Sonntagmittag fährt nicht nur Alexander über die deutsch-luxemburgische Grenzbrücke in Wasserbillig. Auch Georges Hoffmann ist unterwegs zum Spiel – aber in umgekehrter Richtung. Der luxemburgische Schiedsrichter ist zur gleichen Zeit eingeteilt für das Rheinlandliga-Spiel der zweiten Mannschaft von Eintracht Trier gegen den FC Karbach. „Da kann ich mal völlig unvoreingenommen hinfahren“, freut sich der Luxemburger, der es wegen der geringen Größe seines Verbandes häufig mit den gleichen Mannschaften zu tun hat. Deshalb ist das Spiel heute in Trier für ihn eine spannende Herausforderung: „Im Ausland lerne ich neue Mentalitäten und Spielweisen kennen und muss mir den Respekt der Spieler immer wieder von Neuem erarbeiten“, freut sich Georges Hoffmann auf diese Herausforderung. Nach einem kurzen Smalltalk zwischen den Teams machen sich Alexander und Georges auf den Weg ins Nachbarland.

So wie diese beiden jungen Schiedsrichter sind an vielen Wochenenden der Fußball-Saison auch in anderen Grenzgebieten Deutschlands und seiner Nachbarn Schiedsrichter „international“ im Einsatz. Für manche Landesverbände hat der Austausch Tradition, andere sind noch „Frischlinge“.

Beispiel Rheinland


Beispiel Saarland


Beispiel Südbaden


Beispiel Bayern


Beispiel Brandenburg


Beispiel Niedersachsen


Beispiel Mecklenburg-Vorpommern




Klare Ansage: Alexander Rausch beim Einsatz in Luxemburg

"So nah und doch so unterschiedlich"



In Paris fand ein Fortbildungskurs mit französischen und württembergischen Schiedsrichtern statt.

Soweit die Verbände, die unmittelbar Punktspiele mit ihren Nachbarn austauschen und die sich auch in unserer Tabelle wiederfinden. Aber es gibt natürlich auch noch andere Varianten des Kontakts.

In Schleswig-Holstein war neulich eine Schiedsrichter-Gruppe aus Dänemark zu Gast. „So nah und doch so unterschiedlich“, lautete das Fazit nach der interessanten Diskussionsrunde in Flensburg. Man hatte sich die Nachbarn eingeladen, auch um neue Impulse für eine Reform des Schiedsrichter-Wesens im nördlichsten Bundesland zu erhalten. Es muss ja nicht immer der regelmäßige Spieltausch sein, auch vom Nachbarn zu lernen, ist ein wichtiger Aspekt.

So erfuhren die Deutschen zum Beispiel, dass die Schiedsrichter in Dänemark Mitglieder in speziellen Schiedsrichter-Vereinen sein müssen und nicht wie bei uns in einem Fußball-Klub. Bewegung auch im Südwestdeutschen Fußballverband. Dort führt der Verbands-Schiedsrichter-Ausschuss seit einiger Zeit Gespräche mit seinen französischen Nachbarn, um einen Austausch auf die Beine zu stellen.

Der gemeinsame Austausch, den der Niederrhein und der Mittelrhein 1995 auf Oberliga-Ebene mit der höchsten holländischen Amateurklasse starteten, ist inzwischen leider eingeschlafen. Aber jetzt gibt es Kontakte des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletik-Verbandes mit den Niederlanden, in die dieser Regionalverband seine Landesverbände einbezogen hat. Allerdings nicht für Spiele unter freiem Himmel, sondern im Futsal, der Hallen-Variante des Fußballs, die bei uns im Kommen ist.

Interessant ist auch die Situation in Württemberg. Dort hat sich die Kooperation des Fußballverbandes mit der „Ligue de Paris“, dem Verband der französischen Hauptstadt, inzwischen auch auf den Schiedsrichter-Bereich ausgedehnt. Zu den Turnieren der Auswahlmannschaften begleiten Schiedsrichter-Teams die Delegationen und leiten diese Turnierspiele. An den Leistungs-Lehrgängen nehmen seit einigen Jahren jeweils fünf Schiedsrichter des Partnerverbands teil. Giuseppe Pallila vom Verbands-Schiedsrichter- Ausschuss: „Weitere Kooperationen sind angedacht, als nächstes nehmen unsere französischen Freunde im März an unserem verbandsinternen Lehrgang für die Gruppen-Beisitzer in Sachen Schiedsrichter-Gewinnung und -Erhaltung teil. Insgesamt wird diese Kooperation mit der Ligue de Paris in den nächsten Jahren sicherlich weiter ausgebaut. Gegenseitige Spieleinsätze sind angedacht und sicherlich mittelfristig nicht ausgeschlossen.“

"Internationale Erfahrung" im kleinen Grenzverkehr



Leistungstest: Inmitten der saarländischen Spitzen-Schiedsrichter absolvierte Mathias Julien
(Dritter von rechts) vom Lothringischen Fußballverband „Ligue Lorraine“ die Laufprüfung.

Und auch von den sieben Verbänden, die gar keine Grenze zum Ausland haben, gibt es ein schönes Beispiel aus Hessen dafür, dass man nicht nur in den eigenen Topf schauen sollte. Mit dem mexikanischen Zweitligaschiedsrichter Pablo Luna ist schon der siebte spanischsprachige Schiedsrichter im Kreis Offenbach tätig. Der Tiermediziner arbeitet in diesem Jahr in Frankfurt am Main und wollte auch fernab der Heimat seinem großen Hobby nachgehen. Zu einem regelmäßigen Austausch mit Mexiko wird das sicher nicht führen, aber von einem Besuch in Mittelamerika, verbunden mit einer Spielleitung, können Kreis-Obmann Torsten Mürell und seine Mannen doch mal träumen. Wie auch immer: Erstmal beschränken sich die Schiedsrichter-Austausche der deutschen Landesverbände auf Europa. Und so fragen wir noch mal bei Alexander und Georges nach, die sich an besagtem Oktober-Sonntag wieder auf dem Weg in ihr Heimatland befinden.

Der deutsche Schiedsrichter war bei einem 3:2-Sieg der Heim-Mannschaft in einem „zwar nicht hochklassigen, aber sehr spannenden Spiel“ dabei. „Ich musste zwei Elfmeter geben und vier Gelbe Karten zeigen – insgesamt ist es für uns gut gelaufen“, freute sich Alexander über die bestandene Feuertaufe. Einen großen Unterschied zwischen deutschem und luxemburgischem Fußball habe er nicht bemerkt. „Was ich aber besonders klasse fand, war der Respekt und die Herzlichkeit, mit der wir vor Ort empfangen wurden“, lobt der Rheinländer die Nachbarn aus dem „Ländchen“, wie die Luxemburger liebevoll genannt werden.

Und auch Georges Hoffmann und sein Team sind auf ihrem Heimweg zufrieden: Sie haben in einem kampfbetonten Spiel beim 1:0-Heimsieg der Trierer nach Ansicht des Beobachters alles richtig gemacht. Ein Wunder ist das aber nicht: Schließlich hat der Luxemburger Unparteiische vom FC Etoile Sportive Schouweiler schon in den vergangenen Jahren jede Menge „internationale Erfahrung“ im Saarland, in Belgien und in Frankreich sammeln dürfen. Auslandserfahrungen, die auch viele deutsche Schiedsrichter gern machen möchten. Da die Zahl der FIFA-Referees bekanntermaßen sehr begrenzt ist, stellt der kleine Grenzverkehr eine lohnende Alternative dar.

Anzeige: