Das gleiche Spiel - aber nicht dasselbe

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Rainer Kalb, Autor des SID und seit vielen Jahren kritischer Betrachter der Fußball-Welt, wirft einen Blick von außen auf die Schiedsrichter-Szene. Er staunt über vieles, was uns Schiedsrichtern ganz selbstverständlich vorkommt.



Basis-Arbeit: Ein Jung-Schiedsrichter führt die Jugend-Mannschaften auf das Spielfeld.

Schiedsrichter im Profifußball – das erscheint den Spielleitern in den unteren Klassen bei allem zugestandenen Stress wie das Schlaraffenland.Funkverbindung untereinander; ein vierter Unparteiischer an

der Linie – auch in der 2. Bundesliga; Ordner, die Regenschirme gegen Wurfgeschosse aufgebrachter Fans aufspannen; Plexiglastunnel, die sich ausfahren lassen... Wie anders sieht die (Schiedsrichter-) Welt doch ganz unten aus!

Hans Kudrass, 59, und immer noch aktiver Schiedsrichter, ist im Kreis Sieg (bei Köln) für die Ansetzungen zuständig. Er kann einiges erzählen. Von Schiedsrichtern, die sich in der Kabine eingesperrt und über Handy die Polizei gerufen haben. Davon, wie Zuschauer dem Unparteiischen zurufen: „Ich warte nachher auf dich!“, nur weil sie meinen, sich mit dem Zahlen des Eintrittsgeldes auch das Recht auf Pöbelei erkauft zu haben. Davon, wie er selber von einem Ersatzspieler mal rüde umgestoßen worden ist.

Kudrass hat Verständnis dafür, wenn angesichts solcher Vorfälle Schiedsrichter

im Laufe der Zeit das Handtuch werfen: „Es ist ja eigentlich ihr Hobby.“ Gerade Spiele mit Mannschaften, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, erfordern höchste Konzentration, zerren an den Nerven und verlangen Fingerspitzengefühl. Lehrwart Michael Beitzel: „Ein Spiel zu leiten, ist kein

Kegelausflug und kein Kirchgang.“

Die Ansetzungen gleichen einem Puzzlespiel. Der eine will samstags sein Haus weiterbauen. Der andere will nur am Sonntagvormittag pfeifen, weil er nachmittags noch selber spielen will. Der dritte will keine südländischen Mannschaften pfeifen; das ist ihm zu heikel. Der vierte ist sich für die Kreisliga C zu fein; er fordert mindestens ein Spiel der Kreisliga B. Wieder andere wollen einen Monatsplan, während einige auch noch Stunden vor Anpfiff alarmiert werden können.

Rund 75.000 Schiedsrichter gibt es im Bereich des DFB; das ist zwar Spitze in Europa, aber 20.000 mehr dürften es schon sein. Lehrwart Beitzel teilt seine Schiedsrichter in drei Kategorien ein. Da sind einmal die Jugendlichen unter 18 Jahren. Die spielen selber in der C- oder B-Jugend und pfeifen dann Spiele jüngerer Mannschaften. Dann kommen die Senioren, „unsere Diaspora“, wie

Beitzel einräumt. Viele spielen noch selber im Meisterschaftsbetrieb, und dann zwei Mal am Wochenende unterwegs sein... Immerhin läuft auch in den unteren Klassen ein Schiedsrichter sechs bis acht Kilometer pro Spiel. Und dann kommt, so ab 50, das, was die Sportkameraden selbstironisch die „Asthmaklasse“ nennen. Da geht es ums Fithalten, auch um die Geselligkeit nach dem Abpfiff. Kudrass: „Ohne diese Leute bräche das Schiedsrichter-Wesen zusammen.“

Was bringt nun Jugendliche dazu, überhaupt Schiedsrichter zu werden? Beitzel hat eine pragmatische Antwort. „Natürlich die Liebe zum Sport, zur Bewegung. Dann gibt es aber auch 20 Euro für einen Einsatz. Andere bessern durch Zeitungsaustragen das Taschengeld aus dem Elternhaus auf, junge Fußballer

eben durch die Schiedsrichterei.“ Und wenn sie einen Beruf ergreifen, räumen sie die Pfeife in die Schublade der Erinnerungen. Oder sie erkennen, dass sie es nie nach ganz oben schaffen werden. Abpfiff aus Frust. Erklärungen für den Mangel an Schiedsrichtern im besten Fußball-Alter.

Nur acht bis 14 Stunden Ausbildung bedarf es, um Schiedsrichter zu werden.

Der Unterricht findet entweder in einem Blockseminar an einem Wochenende statt oder abends über mehrere Wochen verteilt. Beitzel erklärt die relativ kurze Unterrichtszeit: „Das ist wie die theoretische Führerscheinprüfung. Die praktische Prüfung erfolgt dann auf dem Platz.“

Nach den Statuten muss jeder Verein pro Senioren-Mannschaft – Frauen-Teams inbegriffen – einen Schiedsrichter stellen. Gelingt das nicht, ist ein monatliches Bußgeld fällig, was von 20 Euro in unterklassigen Vereinen bis hin zu 300 Euro gehen kann. Das reißt dann Löcher in die Kassen, und deshalb kommt es hin und wieder sogar vor, dass Verein A, der zu viele Schiedsrichter hat, den einen oder anderen an Verein B ausleiht. Über die Transfermodalitäten schweigt des Sängers Höflichkeit ...

Übrigens: Schiedsrichter-Assistenten sind im Amateurbereich erst ab der

Bezirksliga vorgeschrieben. Und was passiert bis dahin? Kudrass: „Ich drücke aus jedem Verein einem Mitglied die Fahne in die Hand und mache ihn für 90 Minuten zu meinem Assistenten. Aber mir ist es auch schon passiert, dass solch ein Assistent mit einer meiner Entscheidungen nicht einverstanden war, die Fahne auf den Boden geworfen hat und den Sportplatz verließ.“

Da darf zum Abschluss natürlich die Frage nicht fehlen, die von Beginn an

auf der Zunge brennt. Im Profifußball geht es bei Abseits-Entscheidungen oft um Millimeter. Wie funktioniert das, wenn vereinseigene Mitglieder, die keine Ausbildung haben, die Fahne heben sollen? Die Schiedsrichter können ja unmöglich ständig auf Höhe des vorletzten Abwehrspielers sein, haben also eine unvollkommene Perspektive. Lehrwart Beitzel sieht das philosophisch:

„Fällt aus einer Abseitsposition ein Tor und es wird gegeben, ist das unwiderruflich. Wird mal Abseits gepfiffen, obwohl es keins war, ist das ärgerlich. Ich plädiere für den Ärger. Und Widerspruch seitens der Spieler ist sowieso sinnlos, weil es keine Kameras gibt.“

Wie für die Spieler gilt für die Schiedsrichter: Das Spiel in den unteren

Regionen ist immer noch das gleiche, aber nicht mehr dasselbe …

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