Immer weitermachen

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Benjamin Egyed (18) machte 2005 seine Schiedsrichter-Prüfung im Kreis Ludwigshafen. Sein Verein ist die FG („Fußballgesellschaft“) Dannstadt. Als er im Mai 2008 am Wettbewerb teilnahm – damals war er noch 17 –, schrieb er dazu: „Viel Spaß mit meinem Text! Ich hoffe, er bringt rüber, warum ich einer von den ,Men in Black’ bin.“ Kein Zweifel, das hat Benjamin sehr gut rübergebracht – und noch ein bisschen mehr…



Benjamin Egyed

Es gibt Momente, da zweifle ich an mir selbst. Es gibt Momente, da frage ich mich, warum und wozu ich mir das hier antue, was es für einen Sinn hat.

Das sind die Tage, an denen auf mich als Schiedsrichter alles einprasselt. Knifflige Situationen, wilde Spieler, wütende Trainer, ganz dumme Sprüche und so vieles mehr. Teilweise wollte ich nach solchen Spielen schon die Pfeife an den Nagel hängen. Aufhören. Es sein lassen. Dabei bin ich grade erst 17 und seit drei Jahren Schiedsrichter. Was war das denn bisher für eine Jugendzeit, wenn ich mich dauernd beschimpfen lassen muss? Was gibt mir das alles? Was hat „König Fußball“ für mich parat?

Es ist schwierig, das jemandem klar zu machen, beispielsweise einem Sportler. Jeder im Sport strebt danach zu gewinnen, einen Pokal in Händen zu halten, Medaillen am Hals zu spüren, auf dem Siegerpodest zu stehen und sich feiern zu lassen.

Ein Schiedsrichter hat das alles nicht, was ist dann der Lohn? Der Lohn ist ein ganz besonderer, einer, den man nicht in der Sonne glänzen sieht. Ich habe eine Motivation, einen Antrieb, den niemand sehen, niemand wahrnehmen will.

Ich trage Verantwortung. Ich tue etwas für den Sport, den ich liebe. Ich spiele nicht selbst, ich trainiere keine Mannschaft und ich leite keinen Verein, sondern ich leite das ganz zentrale Geschehen. Ich opfere mich gewissermaßen für den Sport, ich bin einer von denen, die mit der schwierigsten Rolle überhaupt belastet sind und den Sport am Leben halten.

Ich kann nach einem guten Spiel vom Platz gehen und stolz sein. Stolz darauf, was ich erreicht habe, nicht in Titeln messbar, eigentlich an gar nichts messbar. Vielleicht daran, wie wenig Sprüche heute kamen. Ich habe erreicht, dass Spieler, Trainer, Zuschauer ein Erlebnis hatten, das es ohne mich als richtende Person nicht gegeben hätte. Ich habe einen Teil zu dem Werk beigetragen, das Spiel für Spiel Millionen in seinen Bann zieht.

Das treibt mich an. Auch wenn es schwierig wird, ist es trotzdem schön und belebend, etwas zu leisten, was sich so viele nicht trauen. Einer von den fast 80.000 zu sein, grade mal 0,1 Prozent unserer Bevölkerung, die es wagen, sich hinzustellen und die Aufgabe zu erfüllen. Viele sehen mich als Notwendiges Übel, aber genau genommen bin ich etwas Besonderes, einer von denen, die sich ungeachtet der Probleme einer Herausforderung stellen und sie bewältigen. Ich bin wie ein Bergsteiger, der sich oft durchquälen muss. Ich bin auch ein Leistungs-Sportler, einer, der nicht nur an körperlichen, sondern viel mehr an mentalen Grenzbereichen kratzt und sich immer wieder antreibt. Wie Olli Kahn, einer, der immer weitermachte.

Das ist mein Antrieb, das ist mein letzter Gedanke vor dem Spiel und mein erster nach dem Match. Dass ich etwas leiste, auf das ich, ich ganz allein, am Abend stolz sein kann. Egal, ob vor 69.000 in der Allianz Arena oder vor 69 in irgendeinem Amateurspiel.

Und deswegen mache ich jedes Wochenende wieder weiter, ich motiviere mich damit und – wer weiß – vielleicht kann ich irgendwann auch Bekannten und meinen Kindern erzählen, welche tollen Spiele ich live erlebt habe. Nicht auf der Tribüne, sondern mittendrin. Hautnah.

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