... doch heute ist Sonntag

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Rückendeckung: Im Amateurfußball ist der Schiedsrichter-Assistent manchmal auch Rückendeckung für den Schiedsrichter

Tobias Altehenger aus Köln nahm mit dem folgenden Beitrag an dem Wettbewerb "Faszination Schiedsrichter" teil - erfolgreich.

Zwölf Uhr. Kölner Regen prasselt auf meine Dachschrägen. Saß man vor fünfzig Jahren zu dieser Zeit noch in der Kirche, den Pfarrer in den Ohren und den Sonntagsbraten im Sinn, hat sich ein neues Phlegma etabliert. Deutschland schläft aus.

Doch dieser Zustand neigt sich seinem Ende zu. Jedenfalls heute. Jedenfalls für mich. Das Handy auf dem Nachttisch spielt „Lemon Tree“ und es ist wieder soweit.

Normalerweise sitze ich zu dieser Zeit in Hörsälen oder Seminarräumen. Doch heute ist Sonntag.

Geduscht, gefrühstückt, Kaffee in rauen Mengen und eine Stunde später sitze ich im Auto. Der erste Zwischenstopp an der Tankstelle. Dann geht es weiter. Ein großes Haus am Waldrand, gleich neben einem Fußballplatz. Natürlich muss ich erst aussteigen und warten. Alles andere hätte mich auch gewundert. Dann, endlich, eine Sporttasche über dem Rücken, mein Beifahrer, mein Aufpasser, mein Rückenfreihalter. Wer ihn heute wohl wieder alles anbrüllen und beleidigen wird?

Weiter zum Bahnhof. Die nächste Sporttasche in den Kofferraum und der alte Ford ächzt wieder über die Autobahn.

Zwei vorne, einer hinten. Gespräche über Gott und die Welt. Wäre noch ein Vierter im Auto, würde er vermutlich nicht mal die Hälfte des Gesprochenen verstehen. Wir sind ein Team. Wir kennen uns, mögen uns, vertrauen uns. Wir lassen Köln im Rückspiegel, dann Wesseling, passieren Bonn und sind immer noch weit weg. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe.

Endlich, die richtige Ausfahrt. Jetzt noch zwei Kilometer durch ein Wohngebiet, schnell noch einen Einheimischen nach dem Weg gefragt und auf einmal die vertraute Aussicht auf Flutlichtmasten.

Die Taschen aus dem Auto, noch mal drei Kaffee, Platzbegehung, Absprache, letzte Vorbereitungen in der Kabine.

Das Waschbecken ist mit schmutzig braunem Wasser verstopft, ein paar Grashalme schwimmen traurig in der Brühe. Vermutlich hat der Schiri der zweiten Mannschaft keine Zeit mehr gefunden, seine Schuhe zu Hause zu putzen. Der Duschvorhang schimmelt, ebenso der Kühlschrank. Bloß wieder raus hier. Abklatschen. Auf geht’s.

Die Mannschaften sind da, es kann los gehen. Der Platz riecht wie ein Moor. Wenn man einen Samen in den Bereich der Mittellinie werfen würde, würde vermutlich innerhalb kürzester Zeit ein Baum daraus wachsen. Platzwahl, die Münze fällt, alles bereit. Noch mal Abklatschen.

Das alles für diesen Moment. Spieler auf die Positionen, die Assistenten bereit. Was bisher passierte, ist nun völlig egal. Wie der Wecker klingelte, wie der Regen fiel, die Fahrt, die Kabine, der Platz. Was zählt, ist jetzt. 90 Minuten volle Konzentration. 90 Minuten Vollgas, Augen auf und Leistung bringen. 90 Minuten, die alles in den Schatten stellen, was der Tag bisher bereit hielt.

Es gibt keine „normalen“ Spiele. Ich könnte immer noch im Bett liegen, oder lernen, oder ins Stadion gehen. Ich könnte alles tun.

Doch in dem Moment, wo ich im Mittelkreis stehe, erwartungsfroh auf das Folgende und angespannter als jeder Spieler, bin ich genau da, wo ich sein will.

In dem Moment, wo ich die Pfeife zum Mund führe und die Partie eröffne, mache ich genau das, was ich tun will.

Ich könnte alles tun.

Doch heute ist Sonntag.

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