Im Einsatz auf der grünen Insel

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Sebastian Rabe

Ausbildung und Hobby miteinander verbunden hat der Student und Schiedsrichter Sebastian Rabe. Während eines Studienaufenthaltes in Irland durfte der Unparteiische aus dem Kreis Goslar in der irischen U 20-League und in der A-Championship Spiele leiten.

Unter tatkräftiger Vermittlung der Vorsitzenden der Schiedsrichter-Ausschüsse des Norddeutschen und des Niedersächsischen Fußballverbandes Wilfried Heitmann und Wolfgang Mierswa bekam ich in der zurückliegenden Saison 2008/2009 eine ganz besondere Möglichkeit Erfahrungen in der Schiedsrichterei zu sammeln. Während eines Auslandsstudiums in Dublin, Irland wurde ich vom Vorsitzenden des irischen Schiedsrichter-Ausschusses Pat Kelly als Schiedsrichter und Assistent in der U20-League sowie im A Championship eingesetzt. Die U 20-League ist strukturell mit der deutschen A-Junioren-Bundesliga und der A-Championship mit der dritten Liga vergleichbar. Sportlich erreichen die Spiele jedoch nicht das Niveau der vergleichbaren deutschen Ligen.

Über einen Zeitraum von neun Monaten kam ich auf insgesamt 12 Einsätze. Diese verteilen sich auf je vier Einsätze als Schiedsrichter und als Assistent im A Championship und weitere vier Einsätze in der U20-League. Eine höhere Anzahl an Einsätzen verhinderte die lange Winterpause in den entsprechenden Spielklassen von Mitte Dezember bis Anfang April. So kam ich schließlich zu Spielen direkt an der irischen See, vor dem Panaroma der Wicklow Mountains und in unmittelbarer Nachbarschaft des Dublin Airport.

Während in der U 20-League mitunter aufstrebende Jung-Schiedsrichter als Assistenten eingesetzt werden, werden die Gespanne im A-Championship ausschließlich aus Schiedsrichtern der ersten drei Ligen zusammengesetzt. Daher wurde ich in den Drittligaspielen durch die Bank von geballter Erfahrung an der Seitenlinie unterstützt. Dementsprechend verliefen die Spiele durchweg problemlos. Zudem wurde ich auch von teilweise ehemaligen FIFA-Schiedsrichtern beobachtet, die nach der sehr ausführlichen, konstruktiven und hilfreichen Spielanalyse auch gerne von Einsätzen in deutschen Stadien während ihrer aktiven Zeit erzählt haben. Der Beobachtungsbogen im irischen Fußballverband (FAI) ist mit dem Bogen im DFB vergleichbar. Das bekannte Zehnersystem zur Bewertung der Spielleitung ist auch dort etabliert. Einzige Abweichung im Zuge von Beobachtungen ist die Bekanntgabe des Beobachters gleichzeitig mit der Benachrichtigung über den Spielauftrag. Spielaufträge werden im FAI nicht durch ein dem dfbnet vergleichbaren System übermittelt. Stattdessen setzt Pat Kelly die Schiedsrichter mit Assistenten der ersten drei Ligen und der U 20-League zunächst an und sendet dann eine Übersicht in Form einer Excel-Datei an alle Schiedsrichter der entsprechenden Spielklasse.

Zwar gehört Fußball in Irland nicht zu den populärsten Sportarten. Dort sind eher die Gälischen Sportarten wie Gaelic Football, Hurling und Rugby Zuschauermagneten. Doch befanden sich die Spiele in den angesprochenen Spielklassen immer auf technisch hohem Niveau. Bemerkenswert war jedoch die Disziplin und Fairness der Spieler. Zum einen wurde nach Verhängung von Spiel- und Spielerstrafen nicht nennenswert reklamiert. Zum anderen versuchten die Spieler nicht ein einziges Mal während meiner neun Monate in Irland in meinen Spielen, einen Strafstoß durch Vortäuschung eines Foulspiels zu schinden. Entsprechend überrascht war ich, als mir solches Fehlverhalten gleich im zweiten Spiel nach meiner Rückkehr nach Deutschland unterkam.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Spiel der Reservemannschaften der Shamrock Rovers und Bohemians Dublin. Aufgrund einer Spielpause in der irischen Premier League wurden in diesem Spiel sehr viele Spieler aus den ersten Mannschaften eingesetzt, die das sportliche Niveau merklich erhöhten. Ein Strafstoß nach 30 Sekunden verhinderte auch schnell die taktische Zurückhaltung der Teams, sodass sich ein sehr schnelles und abwechslungsreiches Spiel entwickelte.

Bezüglich der Anweisungen an Schiedsrichter sind keine großen Unterschiede deutlich geworden. Zu nennen sind aber die Kontrolle der Tornetze direkt vor dem Anstoß der beiden Halbzeiten durch die beiden Schiedsrichter-Assistenten sowie das Anzeigen der Einwurfrichtung über die gesamte Länge der Seitenlinie. Zudem wird im FAI keine Nachspielzeit nach außen angezeigt. Jenseits des Spielfeldes gab es bezüglich der Anreise ein paar Unterschiede. Aufgrund der Bevölkerungsverteilung in Irland finden sehr viele Spiele im Ballungsraum Dublin statt, in dem ein Drittel der vier Millionen Einwohner Irlands leben. Deshalb reisen die Schiedsrichter eines Gespanns regelmäßig getrennt an. Nur wenn es in den Westen nach Cork oder Galway geht, würde das Gespann zusammen reisen. Allerdings kommt dies jenseits der Premier League kaum vor.

Somit war ich bei der Anreise regelmäßig auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Zur Auswahl standen die Luas, eine Straßenbahn, die den Westen Dublins bedient, sowie die DART, einem Zug, der das Küstengebiet Dublins versorgt, als auch die gelben doppelstöckigen Busse. Letztere ließen bisweilen schon die Anreise zur Herausforderung werden. Zunächst muss man sich in Irland von dem Gedanken verabschieden, dass Busse zu bestimmten Zeiten fahren. Vielmehr weiß man oft nur, mit welcher Linie man wohin fahren kann. Abfahrtszeiten sind schwer auszurechnen. Als ich einmal auf dem Weg zu einem Spiel war, stellte ich mich an die Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der nach zehn Minuten auch kam. Zusammen mit anderen Fahrgästen ging ich in Richtung Einstiegstür, ohne mir jedoch einen vorderen Platz in der Schlange zu sichern. Nachdem einige Fahrgäste ausgestiegen und einige Wartende eingestiegen waren, kam vom Busfahrer das Signal, dass er wegen Überfüllung niemanden mehr mitnehmen könnte. Somit blieb uns nur, auf den nächsten Bus zu warten. Nach einer weiteren viertel Stunde leuchtete der nächste Bus der Linie 145 Richtung Süden auf. Die Situation von eben noch im Hinterkopf beeilte ich mich diesmal an die Spitze der Schlange zu kommen, um noch pünktlich am Spielort einzutreffen. Den gleichen Fehler wollte ich schließlich nicht zweimal begehen. Ein paar Leute stiegen wieder aus. Nachdem ich dann von der Spitzenposition eingestiegen war und meine Tasche auf der Gepäckablage verstaut hatte, kam wiederum direkt nach mir das Stopp vom Busfahrer. Ich war diesmal also der Einzige, der zusteigen durfte. Damit hatte ich gelernt, dass sich angepasstes Stellungsspiel in Irland nicht nur auf dem Platz auszahlt. Gerade im Bus angekommen tauchte jedoch das nächste Problem auf, da ich zwar wusste, an welcher Haltestelle ich aussteigen musste. Jedoch haben die Haltestellen in Dublin oft keine Aufschrift. Auch im Bus wird nicht angezeigt, welche Haltestelle als nächste angefahren wird. Häufig kann einem nicht einmal der Busfahrer weiterhelfen. Allerdings stieg völlig unvermittelt kurz vor meiner Zielhaltestelle der Beobachter zu, der mich nur wenige Wochen zuvor beobachtet hatte. Er konnte mir dann genau sagen, wo ich am besten ausstieg und kam dann anschließend auch noch ins Stadion. Genau eine Stunde vor Spielbeginn - wie es dort die Anweisung war - erreichte ich das Stadion.

Schon allein diese Situation zeigt, welch ungewöhnlichen und auch einfach andersartigen Erfahrungen man durch die Schiedsrichterei im Ausland machen kann. Eine besondere Erfahrung war jedoch der Umgang mit den Spielern in einer fremden Sprache. Diese anfängliche sprachliche Barriere förderte jedoch gleichzeitig das Einsetzen deutlicher Gestik, um die Spieler zu erreichen. Im weiteren Verlauf lief dann später auch die verbale Kommunikation normal.

Insgesamt bestand jederzeit eine gute Stimmung in den Gespannen. Dies umfasst auch ausdrücklich die kritische Analyse der Spiele im Gespann und in Zusammenarbeit mit dem Beobachter. Auf dieser Basis konnte ich auch in Irland wertvolle Hinweise für meine eigenen Spielleitungen sammeln. Nicht nur deshalb, sondern auch für die generelle Bereitschaft des FAI, mich als Gast in hohen Spielklassen einzusetzen, gebührt dem irischen Verband mit Pat Kelly und James Finnegan an der Spitze sowie allen Assistenten, die mich unterstützt haben, als auch den Schiedsrichtern, bei denen ich mitfahren durfte, großer Dank. Das Gleiche gilt für die Vermittlung durch Wilfried Heitmann und Wolfgang Mierswa.

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