Wertvolle Erfahrung beim Blindenfußball

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Zwei Schiedsrichter sammeln ihre Erfahrungen bei der Blindenfußball-EM in Nantes



Niels Haupt

Die beiden Schiedsrichter Ilja Bode (Kreis Rotenburg) und Niels Haupt (Kreis Hannover) machten im Juli 2009 bei der Europameisterschaft im Blindenfußball interessante Erfahrungen - plötzlich waren Mimik und Gestik völlig nebensächlich, auf die Stimme kam es an, wenn es galt Emotionen zu vermitteln. Niels Haupt erzählt über die EM, die ersten Eindrücke und Erfahrungen.

 

Seit nunmehr 6 Jahren gibt es in Deutschland eine Blindenfußball-Bundesliga, doch das Thema Blindenfußball ist international nicht so neu.

Bereits seit den 60-er Jahren wird Blindenfußball in Brasilien und Spanien gespielt. Weitere Länder folgten wie jüngst auch Deutschland.

Bereits zum siebten Mal wurde im französischen Nantes eine Europameisterschaft ausgetragen. Zehn Nationen entsendeten ihre Nationalmannschaften. Europameister wurde Frankreich in der Kategorie B1 (ohne Sehkraft) und Weißrussland in der Kategorie (B2/B3 – mit Sehbehinderung).

Die deutsche Nationalmannschaft, die lediglich in Kategorie B1 startete belegte bei Ihrer zweiten EM-Teilnahme einen tollen 5. Platz. Nach den Gruppenspielen in der Todesgruppe gegen den späteren Vizeeuropameister England (1:4), Europameister Frankreich (0:2) und Italien (4:0) besiegte das Team von Bundestrainer Uli Pfisterer die Türkei im Platzierungsspiel

in einem packenden Match mit 2:1.

Erstmals mit dabei waren auch 2 deutsche Schiedsrichter: Ilja Bode (Kreis Rotenburg) und Niels Haupt (Kreis Hannover). Die beiden Niedersachsen

wurden auf Empfehlung des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) von der IBSA nominiert und reisten am 25. Juni nach Nantes.

In einem dreitägigen Seminar wurden Sie zusammen 16 weiteren Schiedsrichtern aus acht Nationen auf die Europameisterschaft vorbereitet. Die IBSA-Instrukteure Lionel Fisdel aus Argentinien und Arnaud Della Pia aus Frankreich arbeiteten insbesondere an der einheitlichen Regelauslegung der national sehr unterschiedlich gehandhabten Regularien. Neben der sprachlichen Barriere, waren insbesondere auch die unterschiedlichen Philosophien auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. FIFA- wie auch IBSA-Sprache ist englisch und teilweise machen es die unterschiedlichen Dialekte sehr schwierig einander zu verstehen. Aber zu Not wir haben ja auch Hände und Füße, bemerkte Ilja Bode angesprochen auf diese Problematik.

 

 

Hören, wie Gras vom Schuh getreten wird

Als ein weiterer wichtiger Punkt stellte sich die Kommunikation mit den blinden Spielern heraus. Im Vergleich zum traditionellen Fußball kann man als Schiedsrichter beispielsweise Emotionen nicht mit Mimik und Gestik, sondern lediglich mit der Stimme begegnen. So wurden hier insbesondere Stimmmodulation trainiert. In einer weiteren Einheit wurden die Schiedsrichter in die Lage der Spieler versetzt und mussten gemeinsam Aufgaben mit lösen ohne ihr Augenlicht zu benutzen. Hier wurde deutlich wie wenig sehende Menschen ihr Gehör einsetzen. „Ich habe Dinge gehört, wie das Gras wenn es von den Schuhen heruntergetreten wird, eine sehr wertvolle Erfahrung“, sagte Niels Haupt. Der 36-jährige Hannoveraner, der während des gesamten Turniers im Bereich B1 eingesetzt wurde, konnte seine Erfahrungen am Eröffnungsspieltag gleich in die Tat umsetzen. Bereits beim im Anschluss an die Eröffnungsfeier statt findende Prestigeduell Frankreich gegen Italien debütierte er als dritter Schiedsrichter. Vor einer unglaublichen Kulisse für ein Blindenfußballspiel von über 1000 Zuschauern sammelte er die ersten internationalen Erfahrungen. Bereits am Folgetag stand die Feuertaufe als 2. Schiedsrichter auf dem Feld bei der Begegnung Türkei gegen Weissrussland an. Das Spiel war relativ einfach zu leiten und das Schiedsrichter-Team hat keine Fehler gemacht, so Niels Haupt. Somit erfolgten bereits die nächsten drei Ansetzungen an den Folgetagen. Da alle Spiele ohne Probleme absolviert wurden, entschieden sich die IBSA-Instrukteure Niels Haupt beim Spitzenspiel der Gruppe B Frankreich – England anzusetzen. Ein packendes Spiel mit vielen Fouls, da konnte man sich auszeichnen, so Haupt.

Nach der EM ist vor der WM



Erinnerungsfoto: die EM-Schiedsrichter

Die Leistung in diesem Spiel brachte ihm die Halbfinalansetzung Griechenland – Frankreich ein und als krönenden Abschluss sogar den Einsatz als dritter Schiedsrichter im Finale Frankreich gegen England (3:2). Es ist schon toll, als Neuling gleich im Finale aktiv zu sein, freute sich der 36-Jahrige.

Ähnlich erfolgreich verlief die Europameisterschaft für den zweiten Niedersachsen Ilja Bode. Zunächst wurde Bode damit überrascht in der Kategorie B2/B3 (die dem Futsal sehr ähnlich ist) eingeteilt zu sein, da er über keinerlei Erfahrungen in dieser Kategorie verfügte. Der 22-Jährige erhielt zunächst einen Einsatz als dritter Schiedsrichter beim Spiel Ukraine gegen Türkei. Danach folgte der erst Einsatz auf dem Spielfeld: „Nach 15 schweren Minuten bin ich erst ins Spiel gekommen, aber dann hat das gut geklappt“, sagte Ilja Bode, der mit dem irischen international sehr erfahrenen Schiedsrichter Gerard Behan einen hervorragenden Partner hatte. So war von Spiel zu Spiel eine Steigerung zu erkennen, was zur Folge hatte, dass Bode die Leitung des Halbfinalspiels Frankreich gegen Weissrussland übertragen. Da Ilja auch hier überzeugte, war für ihn die Leitung des Spieles um Platz drei zwischen Frankreich und Spanien der Höhepunkt des Turniers.

Aus Sicht der deutschen Delegation gab es also aus dreierlei Sicht beim Abschlussbankett am Abend nach dem Finale Anlass zum feiern: Der 5. Platz für die Nationalmannschaft und die Finalansetzungen der deutschen Schiedsrichter in beiden Wettbewerben. Selbst die sonst sehr kritische englische Delegation erwähnte bei ihrer Laudatio die guten Leistungen insbesondere der beiden Niedersachsen. „Diese Ergebnisse machen uns Hoffnungen, dass der Blindenfußball in Deutschland einen deutlichen Aufschwung erlebt“, so Robert Voigtsberger, Koordinator Blindenfußball beim DBS. „Vielleicht können wir bei der nächsten Europameisterschaft schon auf dem Treppchen stehen.“

Eins ist jedenfalls sicher: Für Ilja Bode und Niels Haupt hat sich die Europameisterschaft auf jeden Fall gelohnt, winkt doch im nächsten Jahr die Weltmeisterschaft in England.

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