Integration

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Teamgeist: Oliver Bierhoff ist Schirmherr des DFB-Integrationspreises

Während sich das „Wunder von Bern“ auf dem Rasen des Wankdorfstadions abspielte und Deutschland die nur scheinbar unbesiegbaren Magyaren 3:2 bezwang, damals an jenem 4. Juli 1954, unterhielt sich einer aus der Herberger-Elf mit seinem Gegenspieler auf Ungarisch. Josef „Jupp“ Posipal, rechter Verteidiger der deutschen Mannschaft, kannte Zoltan Czibor schließlich schon seit Kindheitstagen. Im rumänischen Lugoj hatten beide sogar die selbe Schule besucht. Jetzt standen beide im WM-Endspiel, der eine für Ungarn, der andere für Deutschland.

Fußballfans wissen längst, dass Lukas Podolski im polnischen Gliwice geboren wurde, Kevin Kuranyi in Rio de Janeiro, Gerald Asamoah in Mampong/Ghana und Miroslav Klose im polnischen Opole. Unzählige ehemalige und aktuelle Nationalspieler haben das, was man heute einen Migrationshintergrund nennt. Sie wurden im Ausland geboren und erst später eingebürgert. Oder zumindest ein Elternteil war nach Deutschland eingewandert. Das trifft auch auf immer mehr Spieler der Junioren-Auswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes zu.



Viele Kulturen, eine Leidenschaft: DFB-Plakat zur Integration

Schon vor einem halben Jahrhundert, in den Tagen als Jupp Posipal die rechte Abwehrseite des damaligen deutschen WM-Teams besetzte, diente der Fußball Einwanderern als Hilfsmittel, um in der neuen Heimat und deren Gesellschaft anzukommen. Schon damals schuf Fußball Einheit, das Spiel leistete einen Teil an „der Wiederherstellung eines Ganzen“, so die Übersetzung der lateinischen Wurzel des Wortes Integration.

Der DFB investiert viel Zeit und Geld in die Integration, die von der Bundesregierung 2007 als „die Schlüsselaufgabe unserer Zeit“ ausgerufen wurde. „Wir wollen die wirtschaftliche Stärke des Fußballs nutzen, um die gemeinnützige Basis zu stärken“, formulierte der frühere DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. „Denn der Fußball ist ein wichtiger gesellschaftlicher Integrationsmotor. Die große Wirkung entfachen in erster Linie nicht Projekte, sondern das, was an der Basis geschieht. Für eine kluge Integrationsstrategie braucht man den Sport.“

Umso mehr heute. Stichwort: Demografischer Wandel. Mehr als 15 Millionen Bürger der Gesamtbevölkerung von etwas über 80 Millionen heute haben einen Migrationshintergrund. Acht Millionen davon verfügen über die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Anteil der Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund variiert dabei stark nach Region und Altersgruppe. Bei den Alten auf dem Land fällt der Anteil niedrig aus, bei Kindern und Teenagern in den Ballungsgebieten immer höher. Armin Laschet, Integrationsminister in NRW, nennt die Zahlen: „38 Prozent der Kinder zwischen null und sechs Jahren haben mittlerweile eine Zuwanderungsgeschichte. Das sind die Kinder, die das Land in 20 Jahren tragen werden. Gesellschaftlicher Aufstieg muss für jeden möglich sein, egal, woher er kommt. Und der Sport ist einer der wichtigsten Motoren für Integration in unserem Land.“

Diese sich rasch verändernde Bevölkerungsstruktur hat zahlreiche Konsequenzen für das gesellschaftliche Leben in Deutschland: für die Bildungspolitik, für die Chancenverteilung, aber auch für den Fußball.



Trommeln für die gute Sache: Oliver Bierhoff ist dabei

Das Werben des türkischen Verbandes um den Bremer Profi Mesut Özil, den Bundestrainer Joachim Löw dann erstmals gegen Norwegen in das Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft berief, zeigte im Februar 2009, wie die großen Fußballverbände um die talentiertesten Junioren bemühen (müssen). In der Spitze wie in der Breite. Mit mehr als 6,6 Millionen Mitgliedern erreichte der DFB 2009 einen neuen Höchststand, doch nur wenn es gelingt, Migranten anzusprechen, werden diese gewaltigen Zahlen zu halten sein.

Ein Paradebeispiel für erfolgreich praktizierte Integration sind die Junioren-Auswahlteams des DFB, an der Spitze die Nationalmannschaft „unter 21 Jahre“. Sie werden immer internationaler. So standen beim deutschen Auftaktspiel der U 21-Europameisterschaft im Juni 2009 in Schweden neun Spieler in der Startformation der DFB-Auswahl, bei denen mindestens ein Elterteil aus dem Ausland stammt. Aus Tunesien, Nigeria oder Ghana, mit Geburtsorten in Sibirien, Bosnien oder im Iran, mit Staatsangehörigkeiten von Polen, der Türkei oder Spanien.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff ist darüber hocherfreut. „Spieler, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, bringen andere Charaktere mit, einer anderen Spielauffassung, eine andere Lebensphilosophie – und das bereichert uns“, sagt der einst selbst im Ausland höchst erfolgreiche Europameister von 1996 und ergänzt: „Der DFB steht für Toleranz und die integrative Kraft des Fußballs. Unsere U 21 transportiert diese Botschaft ganz hervorragend.“

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