Piotr Trochowski

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Für ihn bPiotr Trochowskieginnt ein Fußballspiel schon viel früher, als erst mit dem Anpfiff. Piotr Trochowski geht die 90 Minuten, die ihm mit dem HSV oder auch mit der Nationalmannschaft bevorstehen, schon weit vorher im Kopf durch. „Visualisierte Bewegungsabläufe“ sind es für ihn, wenn er sich Spielszenen und Spielsituationen vorstellt, und damit stellt er sich auf Match, Gegner und Bedingungen ein. Das klappt seit über einem Jahr immer besser, denn Trochowski hat sich in dieser Saison deutlich mehr in den Fokus aller Fußball-Anhänger gespielt, gedribbelt und geschossen.

Dabei hatte er es nicht immer leicht. Der 25-jährige Hamburger wuchs nur in die Höhe von 1,69 Meter, nicht gerade ein Idealmaß für einen Fußballer, der international für Furore sorgen und Nationalspieler werden will. Trochowski hat es trotzdem gepackt, auf ihn trifft ein Spruch ganz besonders zu: „Klein, aber oho.“ Heute sagt er: „Ich habe meine Körpergröße nie als Nachteil empfunden.“

Er hat enormes Ballgefühl in beiden Füßen, er kann links wie rechts schießen. Die Kollegen können ihn zudem in nahezu jeder Situation anspielen, Trochowski behauptet den Ball, verteilt ihn auch in höchster Bedrängnis. Und er bewies während seiner Profi-Karriere viel Geduld. Als er beim Hamburger SV unter Trainer Huub Stevens oft nicht berücksichtigt, oft auch als erster Spieler der Mannschaft ausgewechselt wurde, muckte das große Talent nicht auf. Im Gegenteil, Trochowski zeigte stets Verständnis und nahm den Coach auch noch in Schutz. Kommentar des Nationalspielers: „Ich habe mich für diesen Weg entschieden, ich habe mich bewusst im Hintergrund gehalten, denn ich wusste, dass meine Zeit noch kommen würde.“

Ein Vorbild hatte er nie. Weil er zu viele Spieler kannte, die er gut fand: „Jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, jeder macht sein Spiel, das imponiert mir, aber es war nie so, dass ich mir einen bestimmten Namen ausgesucht habe.“ Dafür hatte er früh einen Lieblingsverein: „Ich war, das wird kaum einer glauben, als kleiner Junge KSC-Fan. Damals war ich noch nicht einmal in einem Verein, aber für Karlsruhe habe ich immer geschwärmt, den KSC sah ich sehr gerne im Fernsehen spielen. Woran auch immer das lag, ich weiß, dass klingt ein wenig komisch.“

An sein erstes Paar Fußballstiefel, das ihm sein Vater geschenkt hatte, kann sich Piotr Trochowski noch genau erinnern. Es trug den Schriftzug Maradona. Ein Name, der verpflichtet. „Ich habe diese Stiefel geliebt, aber ich bin nie mit ihnen schlafen gegangen. Auch den Ball habe ich nie mit ins Bett genommen, irgendwie hört es da auf bei mir. Fußball ist doch nicht alles. Es gibt nach dem Fußball noch andere Dinge, mit denen man prima abschalten kann.“

Der HSV-Profi hat in Hamburg sämtliche Auswahlmannschaften durchlaufen, ehe er vom FC Bayern als Jugendspieler nach München gelockt wurde. Im dortigen Internat hat er seine Mittlere Reife gemacht, aber er hat keinen Beruf gelernt – weil er früh sein Ziel erreicht hatte: Profi. Deshalb hatte er als 15-Jähriger das Elternhaus verlassen, obwohl es ihm – naturgemäß – sehr schwer fiel: „Die Anfangszeit war hart, aber ich habe mich durchgebissen. Auch deshalb, weil es ja Kollegen gab, denen es genau so ging.“ Ab und zu flog er nach Hause, Besuch von den Eltern hatte er nie. „Ich konnte damit leben, ich wollte damit leben, denn es war ja auch ganz allein meine Entscheidung, zu den Bayern zu gehen.“

Piotr Trochowski als Vorbild für die Jugend. Er lebt es vor, wie ein Fußballer seine Ziele erreicht. Er raucht auch nicht, trinkt so gut wie nie Alkohol, er ernährt sich natürlich sportlergerecht: „Das ist doch ganz normal. Wer darauf nicht achtet, wird als Leistungssportler nicht weit kommen.“

Spielt er nicht Fußball, dann geht er mit den Brüdern auf ein Basketball-Spielfeld. Daheim hat er einen Billardtisch, und er schaltet auch im Kino und bei Musik („Alles was angesagt ist“) ab. Und er hat eine Unart abgelegt, die ihn schon früh störte: Ungeduld. Trochowski gibt zu: „Früher war ich oft ungeduldig, alles musste bei mir sofort passieren oder klappen, sonst bin ich ausgerastet. Heute bin ich eben reifer, ich nutze meine Energien auf andere Art. Was nützt es mir, wenn ich herumzappele und absolut ungeduldig wäre? Nichts. Ich setze meine Kräfte anders ein.“

Mit dem größten Erfolg, wie jeder sehen kann. 20 Länderspiele hat er nun schon absolviert, er will mit zur Weltmeisterschaft nach Südafrika 2010. Und vielleicht gibt es heute schon Jugendspieler, die davon träumen, 2014 dabei zu sein. Für die hat Piotr Trochowski einen ganz besonderen Ratschlag: „Die Jugend sollte wieder mehr an den Werten des Lebens arbeiten, da ist in den letzten Jahrzehnten, so denke ich, einiges auf der Strecke geblieben. Öfter mal ein Bitte und ein Danke. Es gibt so viele Dinge, die wir in der Jugend gelernt haben und die für uns noch immer selbstverständlich sind.“ Der Hamburger weiter: „Da ist in Sachen Erziehung einiges aus der Spur gelaufen. Damit aber fängt es schon an. Wenn man so etwas nicht gelernt hat, dann kann man auch in einer Fußballmannschaft kaum richtig zurechtkommen. Da heißt es, sich einzuordnen, manchmal auch unterzuordnen, da muss man gemeinschaftlich denken, sich gegenseitig helfen. Wenn jemand damit Schwierigkeiten hat, dann bleibt er früh auf der Strecke, dann schafft er es nie nach oben.“ Dann fügt der Mittelfeldspieler noch hinzu: „Natürlich muss man auch immer Gas geben, bei den Spielen, im Training, und man muss den Willen haben, sich oben behaupten zu wollen. Das ist aber selbstverständlich für einen Spieler, der einmal Profi werden will.“

Er hat es geschafft. Aber alle können nachvollziehen, dass er auch sehr, sehr viel dafür getan hat. Vorbildlich.

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