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Gregor Backes beschäftigt sich mit der Geschichte des FC St. Pauli im Nationalsozialismus. |
Seit fast 20 Jahren verpasst Gregor Backes kein Heimspiel des FC St. Pauli. Für seinen Verein ist er aus der Provinz nach Hamburg gezogen. Drei Gehminuten lebt er von der Reeperbahn entfernt, sein Klub gehört zur Nachbarschaft. Auch deshalb reicht sein Interesse weiter als bis zum nächsten Sieg. Der 41 Jahre alte Backes studiert auf dem zweiten Bildungsweg Geschichte. Mit seiner Abschlussarbeit will er den FC St. Pauli in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchten. Die Ergebnisse werden im kommenden Jahr veröffentlicht, wenn der Klub seinen 100. Geburtstag feiert. Den Auftrag hatte er nach einem Vorstellungsgespräch im Verein erhalten. Nicht als Fan – als Historiker.
Seit Monaten wühlt sich Gregor Backes durch Berge von Akten, Zeitschriften, Büchern. Mit den Emotionen auf der Tribüne hat diese Seite des Fanlebens wenig gemein. Backes kommt St. Pauli in aller Stille näher. Wenn er stundenlang im Mikrofilm-Lesesaal der Staatsbibliothek ausharrt, in einem fensterlosen Raum, unten in der Ecke, mit künstlichem Licht, an riesigen Leseapparaten, die ihm nach einer Stunde Kopfschmerzen bereiten und wo die Luft stickig ist. „Es gibt so viele Unterlagen, nach denen noch niemand gesucht hat. Manchmal ist diese Arbeit aber frustrierend, wenn man drei Tage im Archiv sucht und drei Tage nichts findet“, merkt Backes an.
Als belastet gelten Klubs für Historiker, die schon vor der Machtübernahme 1933 für die Nazis Position bezogen hatten. Die früh ihre Stadien für Aufmärsche zur Verfügung stellten oder einen hohen Prozentsatz an NSDAPMitgliedern in ihren Reihen zählten. Ob sich sein Verhältnis zum Verein ändern würde, wenn ein Spieleridol Aufseher im KZ gewesen wäre? „Das könnte ich nicht mehr ändern“, äußert Backes. Doch er könnte viele Fans über die Brücke Fußball für das Thema Holocaust sensibilisieren, und das ist ihm ein ganz wichtiges Anliegen bei seiner Arbeit.
Rechtsextremismus war, ist und bleibt eine Gefahr für den Fußball. Was Recherchen bewegen können, zeigte sich in Gelsenkirchen. Der ehemalige Nationalspieler Fritz Szepan war beim FC Schalke 04 als Idol verehrt worden, er übernahm Mitte der 60er-Jahre den Vorsitz des Traditionsvereins. Bis herauskam, dass Szepan 1938 ein Geschäft erwarb, das Juden enteignet worden war. Der Klubvorstand zog nach der Enthüllung den Antrag zurück, nahe seines Stadions eine Straße nach Szepan zu benennen.
Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte? Anton Löffelmeier hat davon mehr als genug erlebt. Er sitzt direkt an der Quelle, von Berufs wegen. Seit 20 Jahren arbeitet er im Münchner Stadtarchiv. Noch länger ist er Fan des TSV 1860. Löffelmeier schreitet durch die dritte Etage des Archivs. Unter seinen Füßen knarrt das Parkett. Er stemmt sich gegen die Metallregale, schiebt sie beiseite. Vor 15 Jahren begann Löffelmeier mit der Erforschung des Münchner Fußballs. Inzwischen, so schätzt der „Löwen“-Fan, hat er vier bis fünf Meter an Fußballakten durchgearbeitet. Gerade ist sein Buch über den TSV 1860 im Nationalsozialismus erschienen. Das Stöbern lässt ihn nicht los. „Manchmal verbringe ich einen Urlaub mit meinem Manuskript. Aber das ist keine Last, es macht mir Freude“, erzählt der 50-Jährige.
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Markwart Herzog befasst sich mit der NS-Vergangenheit des 1. FC Kaiserslautern. |
Anton Löffelmeier musste bei null anfangen. Er schildert: „Die Vereine haben zur Schriftlichkeit ein gespaltenes Verhältnis. Viele führen kaum ein Archiv.“ Beim TSV 1860zeigte sich das besonders. Während des Krieges wurde viel Material zerstört. Um den Restbestand kümmerten sich die Vorstände nicht. Bei einem Wasserschaden und beim Verkauf des Klubheims gingen ebenfalls Akten verloren.
Für Anton Löffelmeier war das ein Hindernis, doch kein Grund aufzugeben. Er erstellte mit Hilfe von kommunalen Ämtern das Konzept für seine Studie. Weniger Unterstützung erhielt er von Zeitzeugen. Er hatte im Vereinsmagazin inseriert und verschickte dutzende Briefe. Daraufhin rief ein älterer Herr bei ihm an. Er beschimpfte seinen Sohn, der zufällig am Telefon war. Löffelmeier versucht, sich in seine Lage zu versetzen: „Sie sind unsicher. Was wird gefragt? Werden sie persönlich involviert, schadet es dem Verein? Da sind emotionale Hürden, die nicht jeder überwindet.“
Immer wieder fand Löffelmeier in den Dokumenten höchst interessante Notizen und Passagen, die einen Schatten auf seinen Klub warfen. Einige Führungskräfte des TSV 1860 sind früh einen Pakt mit den Machthabern eingegangen. Zum Beispiel Sebastian Gleixner: Der ehemalige Fußball-Abteilungsleiter engagierte sich schon in den 20er-Jahren für die NSDAP im Kampf gegen Gewerkschaften. Er zettelte Saalschlachten an und sorgte dafür, dass Andersdenkende ins Konzentrationslager kamen.
Auch der Studie von Anton Löffelmeier stand der TSV 1860 zunächst skeptisch gegenüber. Wie würden die Sponsoren auf Beweise reagieren? Wie würden die Fans damit umgehen? Löffelmeier lehnt sich zurück. „Die Sorgen der Vereine sind unbegründet“, sagt er. „Sie sollten den Marketingwert der Geschichte begreifen. Die Wirtschaft war da weitsichtiger.“ Löffelmeier spricht damit eine Debatte um jüdische Zwangsarbeiter und Enteignungen an, die in den 90er-Jahren Empörung ausgelöst hatte. Konzerne wie die Deutsche Bank, BMW oder Siemens öffneten daraufhin ihre Archive – die Ergebnisse konnten die Unternehmen in ihre Öffentlichkeitsarbeit einbinden.
Markwart Herzog hat gelernt, wie weit die Kraft der Vergangenheit reichen kann. Seit seiner Schulzeit ist er Fan des 1. FC Kaiserslautern. Eines seiner Idole ist der 2002 verstorbene Fritz Walter. Dass die Verehrung der Pfälzer für den Weltmeister von 1954 weiterreicht, erfuhr Herzog vor wenigen Jahren. Der Historiker aus Kaufbeuren erforschte in seiner Freizeit die NS-Vergangenheit des Klubs. Vor allem die älteren Lauterer Anhänger hatten Angst, dass ihr Denkmal Walter posthum stürzen könnte. Als das Buch von Markwart Herzog 2006 erschien, waren die FCK-Fans erleichtert. Fritz Walter war nach seinen Studien ebenfalls ein Mitläufer gewesen, er hatte seine Briefe nie mit „Heil Hitler“ unterzeichnet.
Acht Jahre hatte Markwart Herzog geforscht, in 20 Archiven und Bibliotheken. Die Kosten überstiegen das Honorar des Verlags bei weitem. Dutzende Gespräche hatte er mit Zeitzeugen und Nachfahren geführt. Im Obergeschoss seines Hauses reiht sich ein Ordner an den nächs - ten, sauber beschriftet und nummeriert. Noch immer hält er Kontakt zu vielen Informanten. Etwa zu dem Neffen des ehemaligen Lauterer Spielers Albert Conrad. Und das, obwohl Herzog herausgefunden hatte, dass Conrad ein brutaler SA-Schläger gewesen war und Schießereien mit vielen Verletzten ausgelöst hatte. Ein Motto begleitet Herzog seit Beginn: „Enttäuschung ist besser als Täuschung.“
Für Markwart Herzog war es der Impuls eines leidenschaftlichen Fans, die Forschungen aufzunehmen. Ihn reizte die Verlockung des Neuen. Doch als es um die Veröffentlichung von brisanten Fakten ging, spürte er die Zufriedenheit eines Historikers. In Kaiserslautern gab es wie bei vielen Klubs Profiteure und Mitläufer. Aber auch tragische Opfer. Zum Beispiel den jüdischen Vereinsarzt Albert Maas, der 1936 in die USA flüchtete. Maas kam in der neuen Welt nicht zurecht und nahm sich das Leben. Sein Sohn, der heute noch lebt, musste mit seiner Mutter hinterherreisen. Zur Beerdigung. „Das ist eine der Geschichten“, sagt Herzog, „die mich sehr traurig gemacht haben.“
Herzog, einer der Abenteurer im Archiv, hat viele Dokumente an Erben früherer Vereinsmitglieder geschickt, er konnte Fragen klären, auf die Familien Jahrzehnte keine Antwort wussten. Mit seinem Buch tritt er nicht nur als Historiker in Erscheinung, sondern außerdem als Pädagoge, denn die interessantesten Kapitel werden in Pfälzer Schulen gelesen und interpretiert. „Zum Teil erreichen die Lehrer die Jugendlichen mit dem Thema Nationalsozialismus nicht mehr. Doch mit Fußball durchaus. Insofern kann der Sport eine wichtige Brücke schlagen, um Maßnahmen gegen Rassismus zu unterstützen.“