Kapitel zwei

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Harte Lehrjahre für die Nationalelf



Von Beginn an waren die Spiele der Nationalmannschaft ein Publikumsmagnet

Die 26. März 2008 in Basel ausgespielte Partie gegen die Schweiz (4:0 für Deutschland) war die 800. der Länderspiel-Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, die vor 100 Jahren auch just in Basel gegen die Eidgenossen begonnen hatte. Die Bilanz liest sich eindrucksvoll: 456 Länderspiele wurden bislang gewonnen, 164 endeten mit einem Unentschieden, 179 gingen verloren. Der DFB ist zu einem der erfolgreichsten Verbände weltweit geworden.

Dabei gilt jedoch für die ersten Jahre das bekannte Sprichwort: Aller Anfang ist schwer. Sehr schwer sogar. Auf die 3:5-Auftaktniederlage am 5. April 1908 im Basler Landhof folgten drei weitere Niederlagen, zwei davon fielen gegen den Lehrmeister England mit 1:5 und 0:9 deftig aus. Und auch im ersten Duell mit den Österreichern gab es zwei Monate nach dem Basler Länderspiel-Start nichts zu holen. Die ersten Erfolgserlebnisse stellten sich erst im Jahr 1909 ein, und das ausgerechnet an einem Tag, an dem der DFB zwei Länderspiele parallel austragen ließ. Eine derartige Terminplanung würde heutzutage einen Sturm der Entrüstung auslösen – und wegen der unweigerlichen Verletzung bestehender Fernseh- und Werbeverträge die Juristen auf den Plan rufen.

Am 4. April 1909 jedenfalls trat eine nur aus süddeutschen Spielern bestehende Nationalmannschaft in Karlsruhe gegen die Schweizer an und gewann die Revanche für das 3:5 im Jahr zuvor mit 1:0. Der Stuttgarter Eugen Kipp sorgte mit seinem Treffer für den ersten Sieg im sechsten Spiel. Eine zweite DFB-Elf, bestehend aus nord- und mitteldeutschen Akteuren, errang am selben Tag in Budapest ein beachtliches 3:3 gegen Ungarn.





Geschichtsträchtig: Eugen Kipp (links) erzielten den entscheidenden Treffer 1909 gegen die Schweiz beim ersten DFB-Sieg. Gottfried Fuchs (Mitte) ist mit zehn Treffern in einem Länderspiel der Rekordmann in Sachen Treffsicherheit. Torwart Heiner Stuhlfauths ist eine Legende der ersten Stunden - er überzeugte mit tollem Stellungsspiel.



Doch die Lehrjahre waren noch lange nicht vorbei. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurden von 30 Spielen nur sechs gewonnen. Fünf endeten mit einem Remis, aber 19 gingen verloren. Nach der sechsjährigen Länderspiel-Unterbrechung musste die DFB-Elf ihre negative Serie zunächst fortschreiben. Erst 1922 durfte erstmals eine leicht positive Jahresbilanz gezogen werden: In drei Länderspielen sprangen ein Sieg (gegen Österreich) und zwei Unentschieden heraus. Von nun an ging es spürbar aufwärts, und das Jahr 1928 bescherte mit vier Siegen bei nur zwei Niederlagen erstmals einen klar positiven Trend, dazu noch bei einer einigermaßen erklecklichen Anzahl von Länderspielen.

Um zu verdeutlichen, wie der DFB seither sein wichtigstes Aushängeschild aufpoliert hat, sei darauf hingewiesen, dass negative Jahresbilanzen bei Länderspielen in der Folgezeit nur noch fünf Mal zu ziehen waren: 1931, 1955 und 1956 (als die Nationalmannschaft nach dem Titelgewinn in Bern krankheitsbedingt erhebliche Ausfälle hinzunehmen hatte), 1964 und 1985 (als Teamchef Franz Beckenbauer nach dem Tiefpunkt bei der EM 1984 sehr experimentierfreudig an einer neuen starken Mannschaft arbeitete).

Für die erheblichen Anlaufprobleme der Nationalelf bis hinein in die 20er-Jahre gibt es plausible Gründe. Der wichtigste ist, dass dem sportlichen Abschneiden der Mannschaft nicht unbedingt Priorität galt. Die Pflege der internationalen Beziehungen und das gesellschaftlich korrekte Auftreten der Akteure standen bei der Führung des Verbandes, der allerdings auch nicht gerade im Geld schwamm, höher im Kurs. Dazu passte, dass es keine sportliche Vorbereitung und Leitung gab. Kein Trainer kümmerte sich um ein optimales Abschneiden der Mannschaft, um gemeinsame Übungseinheiten vor den Spielen, um die taktische Einstellung. Bei der Auswahl der Akteure hatten die Funktionäre der Verbände das Sagen, und sie achteten sehr genau auf die regionale Ausgewogenheit des Teams, weniger auf das Leistungsvermögen der Akteure. Das Fehlen von Trainern und die stiefmütterliche Behandlung des Fußballsports in den Zeitungen führten ohnehin dazu, dass kaum jemand einen Überblick hatte, was die sportliche Qualifikation der für Länderspiele in Frage kommenden Kandidaten anging. Man tappte ziemlich im Dunkeln.



Rekordsieger: Mit 16:0 bezwang die deutsche Nationalmannschaft 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm die russische Auswahl. Bis heute ist dies der höchste Sieg einer deutschen Mannschaft.

Einen Beleg für die aus heutiger Sicht recht unprofessionelle Handhabung von Länderspielen in den Anfangsjahren lieferte auch die Partie Nummer neun am 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien (0:3). Da am Tag zuvor in Köln das Finale um die Deutsche Meisterschaft ausgetragen worden war, das der Karlsruher FV nach Verlängerung mit 1:0 gegen Holstein Kiel gewann, blieben Akteure dieser beiden Klubs dem Duisburger Treffen naturgemäß fern. Das führte dazu, dass man vor dem Länderspiel auf den Zuschauerrängen nach einheimischen Akteuren fahndete, die kurzfristig einspringen mussten. So kamen einige Duisburger Spieler ganz unverhofft zu Länderspiel-Ehren.

In diesen Urzeiten der deutschen Länderspiel-Historie gab es zwei konträre Rekord-Resultate, die bis heute ihre Gültigkeit behalten haben: Das 0:9 gegen eine Auswahl englischer Amateure, also bei weitem nicht die stärkste Elf des Fußball-Mutterlandes, am 16. März 1909 in Oxford – es handelte sich um die erste „richtige“ Auslandsreise – ist die höchste Länderspiel-Niederlage, und das 16:0 am 1. Juli 1912 in Stockholm gegen Russland beim olympischen Turnier steht einsam als Rekordsieg in den Annalen. Wie im Übrigen auch die zehn Tore des Karlsruhers Gottfried Fuchs in dieser Begegnung bis heute unerreicht blieben.



Held mit Anlaufschwierigkeiten: Als Nationalspieler konnte Sepp Herberger (links) nur drei Einsätze aber keinen Sieg feiern. Jahre später als Bundestrainer wurde er zum Fußball-Helden.

Trotz der negativen Gesamttendenz der ersten Jahre hatten auch sie schon ihre Idole. Der Kieler Torhüter Adolf (Adsch) Werner, der es auf 13 Länderspiel-Einsätze brachte, gehörte dazu. Desgleichen der Leipziger Camillo Ugi (15 Einsätze), ein bewunderter Ballvirtuose. Oder der nach schwerer Kriegsverwundung früh verstorbene Stuttgarter Eugen Kipp, der Rekordakteur der Nationalmannschaft (18 Einsätze) war, ehe ihn 1929 der Nürnberger Heiner Stuhlfauth ablöste. Schließlich der Freiburger Dr. Josef Glaser, der seiner Stürmer- eine Funktionärs-Karriere folgen ließ und zum DFB-Ehrenmitglied ernannt wurde. Und nicht zu vergessen die großen Nürnberger der 20er-Jahre vom überragenden Stuhlfauth (21 Einsätze) bis Hans Kalb (15) oder Hans Sutor (12).

Kein Idol wurde ein kleinwüchsiger Stürmer aus Mannheim, dessen große Zeit später auf der Trainerbank kommen sollte: Sepp Herberger. Er teilte bei seinen drei Einsätzen im Nationaltrikot das Los so mancher Akteure der Aufbruchjahre: Auf einen Länderspiel-Sieg wartete er vergeblich.

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