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17.05.2010 17:40 Nationalmannschaft

Ein Tritt zerstört Michael Ballacks Traum

Das Duo ist gesprengt: Trainer Löw (l.) und Nationaltkapitän Ballack  © Foto: Bongarts/GettyImages
Das Duo ist gesprengt: Trainer Löw (l.) und Nationaltkapitän Ballack

Er wollte noch einmal dabei sein. Noch einmal eine Weltmeisterschaft erleben, noch einmal um den ganz großen Titel kämpfen. Michael Ballack wollte noch dieses eine Mal auf ganz großer Bühne eine wichtige Rolle spielen, vor aller Welt, mit den Besten, gegen die Besten.

Ein Tritt zerstörte seinen Traum. Als er am Sonntag beim englischen Cup-Finale des FC Chelsea gegen den FC Portsmouth in der 44. Minute vom Rasen des Londoner Wembley-Stadions humpelte, war sein Weg nach Südafrika zu Ende.

Gewinner - und doch so viel verloren

Er stand nach dem Schlusspfiff bei seiner Mannschaft. Die Mitspieler hielten die Trophäe, ein Stützverband hielt seinen geschwollenen rechten Fuß. Ballack war eigentlich einer der Gewinner, und trotzdem hatte er an diesem Tag so unfassbar viel verloren. Der Knöchel schmerzte, die Ungewissheit auch.

Als er heute in München nach einer Kernspintomographie die abschließende Diagnose bekam, wurden die schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit. Riss des Innenbandes und Teilriss des Syndesmosebandes. Ballack humpelte auf Krücken aus der Praxis von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Und die deutsche Nationalmannschaft fährt ohne ihren Kapitän zur WM.

"Das ist natürlich bitter"

Ballack wird zuschauen müssen, wenn die anderen spielen. Er wird in den kommenden Wochen einen Spezialschuh tragen, wenn andere die Fußballstiefel schnüren. „Die Enttäuschung ist natürlich groß", sagte der 33-Jährige, der mit 98 Einsätzen so kurz vor seinem 100. Länderspiel stand. "Wenn man zwei oder drei Wochen vor der WM eine solche Diagnose erhält, ist das natürlich bitter. So ist aber Fußball, es muss weitergehen."

Aufmunterung für andere und sich selbst. Ballack gibt sich nach außen gefasst. Er hat schon viel in seiner Karriere erlebt, Titel und Tränen. Er weiß, dass Selbstmitleid nicht hilft.

Nicht weinerlich, auch wenn Situation zum Heulen ist

Es ist eine Stärke von Michael Ballack, dass er auch in diesem Moment stark bleibt. Dass er nicht weinerlich wirkt, obwohl die Situation eigentlich zum Heulen ist. 2002 war er im Finale der WM in Japan und Südkorea gesperrt, weil er für den Erfolg des Teams eine Gelbe Karte in Kauf genommen hatte. Er hatte die DFB-Auswahl gemeinsam mit Oliver Kahn bis ins Finale geführt und musste dann zuschauen, wie die Mannschaft in Yokohama gegen Brasilien verlor.

Bei der WM 2006 im eigenen Land gingen die Tränen des deutschen Kapitäns nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien um die Welt. Und 2008 blieb bei der EM in Österreich und der Schweiz Platz zwei hinter Spanien. In Südafrika sollte der nächste Anlauf beginnen. Neues Spiel, neues Glück, vielleicht diesmal ein bisschen mehr Glück.

"Ohne Ballack wird es schwieriger"

Es kam anders, ganz anders als es alle gedacht und gehofft hatten. „Es ist klar, dass es ohne Ballack schwieriger wird, trotzdem wollen wir das erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Wir werden konsequent arbeiten und zunächst alles auf die Gruppenphase ausrichten. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir eine erfolgreiche WM spielen werden“, sagt Joachim Löw.

Die Botschaft des Bundestrainers ist deutlich: Mitgefühl ja, Betroffenheit ja, Resignation nein. „Jetzt erst recht!“, sagt auch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. „Die Mannschaft ist es ihrem Kapitän schuldig, eine gute WM zu spielen.“ Und Generalsekretär Wolfgang Niersbach ergänzt: „Michael Ballack ist ein Ausnahmespieler, der nicht eins-zu-eins zu ersetzen ist. Aber der Bundestrainer hat in seinem Kader viele andere, die Vertrauen verdienen.“

Wer schließt die Lücke?

Deutschland ohne Ballack, kann das tatsächlich Erfolg versprechen? Eine Frage, die eine ganze Fußballnation beschäftigt. Und auf die der Bundestrainer die Antwort gibt. Joachim Löw möchte niemanden nachnominieren. Er vertraut seinem Kader. Er ist von den Qualitäten seiner Spieler überzeugt. Und er hofft darauf, dass andere versuchen, die Lücke zu schließen.

„Die Erfahrung lehrt in solchen Fällen, dass junge Spieler häufig in den Vordergrund treten und über sich hinauswachsen“, sagt Löw. Spieler wie Bastian Schweinsteiger vielleicht. "Auf dieser Position im zentralen Mittelfeld wird er jetzt noch mehr Verantwortung übernehmen. Wir haben volles Vertrauen in ihn nach seiner tollen Saison bei Bayern München", sagt der Bundestrainer.

Ballack wird die Daumen drücken

Wer auch immer auf welcher Position auflaufen wird: Ballack wird die Daumen drücken. Auch mit Verletzung wollte er unbedingt zum Team ins Trainingslager auf Sizilien reisen. Dasein, Zeichen setzen. Heute am späten Nachmittag traf er im WM-Quartier, dem Hotel Verdura in Sciacca, ein.

Er hatte den Traum, noch einmal auf der großen WM-Bühne um den Titel zu kämpfen. Jetzt wünscht er sich vor allem eines: dass seine Mannschaft auch ohne ihn in Südafrika eine wichtige Rolle spielt.


Ballack beim Team
Zusammenrücken
Kräfte bündeln

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