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09.07.2007 10:15 Internationaler Fußball

"Absage von Ronaldinho und Kaka schadet der Copa nicht"

DFB-Chefscout Urs Siegenthaler  © Foto: Bongarts/GettyImages
DFB-Chefscout Urs Siegenthaler

Auch bei der Copa America, dem südamerikanischen Gegenstück zur Europameisterschaft, war der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor Ort vertreten. Im Auftrag von Bundestrainer Joachim Löw hat DFB-Chefscout Urs Siegenthaler beim ältesten Kontinentalturnier der Welt, das noch bis Sonntag in Venezuela ausgetragen wird, insgesamt zwölf Vorrundenspiele beobachtet. Mit der Sichtung der Viertelfinalpartien von Brasilien (6:1 gegen Chile, jetzt im Halbfinale gegen Uruguay) und Argentinien (4:0 gegen Peru, im Semifinale gegen Mexiko) endete die Mission des Schweizers in Südamerika - nun folgt die genaue Auswertung für Löw und den DFB-Trainerstab.

Bevor es an die Feinanalyse geht, zieht Siegenthaler in einem aktuellen Interview mit DFB-Internetredakteur Christian Müller eine erste Bilanz. Der 60-Jährige, der alle Spiele der Copa auch per Video studiert hat, bewertet die Spielsysteme und taktischen Ausrichtungen der Topteams, die Leistungen der Stars - und das Fehlen der brasilianischen Ballzauberer Ronaldinho und Kaka.

Frage: Ihre Eindrücke nach mehr als einem Dutzend Livespielen bei der Copa America sind noch frisch. Wie gut war die Südamerika-Meisterschaft bisher?

Urs Siegenthaler: Gut bis sehr gut. Das gilt für die Stadien, die Platzverhältnisse, die Einzelspieler und überwiegend auch für die Organisation der Mannschaften und das Coaching. Die Spiele werden getragen von der Einstellung der Spieler, es wird guter Fußball geboten. Die Copa war eine Reise wert.

Frage: Auffällig - gerade im Vergleich zur WM 2006 - ist die hohe Torquote. Allein in den vier Viertelfinalspielen fielen 5,5 Tore im Schnitt. Wird bei diesem Turnier grundsätzlich offensiver gespielt?

Siegenthaler: Die Ausrichtung ist tatsächlich überwiegend offensiv, anders als bei der Weltmeisterschaft in Deutschland. Fast alle Teams spielen mit zwei echten Sturmspitzen, zudem mit zwei bis drei Mittelfeldspielern, welche auch die Offensive bevorzugen. Der Spielaufbau, schon vom Torhüter und Innenverteidiger, ist stets offensiv. Die Bereitschaft, weite Wege zu gehen, ist enorm.

Frage: Welche weiteren Beobachtungen zu den Spielsystemen lassen sich treffen?

Siegenthaler: Es ist bemerkenswert, dass hier fast alle Teams mit Ausnahme Brasiliens mit einem 4-4-2-System spielen. Die Ausrichtung und wahrscheinlich auch das Naturell jedes einzelnen Spielers und Trainers ist es, lieber anzugreifen als zu verteidigen, um ein Tor mehr zu schießen als zu kassieren. Auch die Qualitäten der Spieler im Hinblick auf technische Fertigkeiten und Direktspiel sowie die gedankliche Einstellung tragen dazu bei, dass bei der Copa viele Tore fallen.

Frage: Wer sind die positiven Überraschungen des Turniers?

Siegenthaler: Sehr stark sind Mexiko, das ein lupenreines 4-4-2 praktiziert, und Argentinien, das das 4-4-2 in der Raute perfektioniert. Sehr eindrucksvoll und am besten spielt das mexikanische Team: immer in Überzahl bei Ballnähe, mit Doppeln des Ballführenden, ohne dumme Fouls und dennoch sehr aggressiv und kompakt im Nachsetzen. Argentinien ist gut organisiert, aber nicht so aggressiv in der Balleroberung, dafür mit teilweise überragenden Einzelspielern wie Riquelme und Messi. Gut war auch, bedingt durch den Heimvorteil, Venezuela mit seiner immensen Laufbereitschaft und Aggressivität. 

Frage: Und wer hat Ihnen nicht gefallen?

Siegenthaler: Weniger gut war, gemessen an seinen Möglichkeiten, Chile. Und Peru überschätzte sich, vieles hing an Jefferson Farfan - das Team ist folglich nicht unerwartet so deutlich gegen Argentinien ausgeschieden. Brasilien war in der Vorrunde nicht gut und nur dank Robinho, der aktuell schon sechs Tore erzielt hat, noch im Turnier. Die Abwehr mit Juan und Alex überzeugt, ohne zu brillieren. Auch die anderen Spieler haben Format, in der Vorrunde aber einige Leistungsschwankungen gehabt. Erfahrungsgemäß werden die Brasilianer im Turnierverlauf aber stärker, was sie beim 6:1 gegen Chile im Viertelfinale ja auch bewiesen haben. Man darf gespannt sein auf den Ausgang der Copa.

Frage: Welche Erkenntnisse konnten Sie speziell aus Sicht des DFB und der Nationalmannschaft gewinnen?

Siegenthaler: Ich habe wertvolle Erkenntnisse für den Trainerstab gewonnen, aber die darf ich nicht verraten... Zum Beispiel im Hinblick auf die Trainingslehre und die Bereitschaft der Mannschaften, ihre Aufgaben zu meistern.

Robinho in Aktion  © Foto: Bongarts/GettyImages
Robinho in Aktion

Frage: Am Ende der vergangenen Spielzeit stand die WM, dann folgte eine lange Saison mit etlichen Pflichtspielen gerade für die Nationalspieler. Inwiefern ist bei den Akteuren ein Kräfteverschleiß bemerkbar?

Siegenthaler: Alle sind sehr motiviert, es ist in keiner Art und Weise ein Kräfteverschleiß zu verzeichnen. Gerade das Beispiel Mexiko, das unmittelbar vor der Copa noch den Gold Cup in den USA gespielt hat und dort bis ins Endspiel kam, zeigt das sehr gut. Viele Spiele sind in einem hohen Tempo über 90 Minuten gespielt worden, die Teams gehen weite Wege und überzeugen durch eine große Laufbereitschaft.

Frage: Wie präsentieren sich die Bundesligaspieler wie Bremens Diego oder Berlins Gilberto bei der Copa America?

Siegenthaler: Nicht anders, als wir sie aus der Bundesliga kennen - sie haben in ihren Mannschaften das gezeigt, was sie in Deutschland bekannt gemacht hat.

Frage: Hat die Absage der brasilianischen Topstars Ronaldinho und Kaka dem Stellenwert der Copa America geschadet?

Siegenthaler: Aus meiner Sicht, nicht - eher das Gegenteil ist der Fall! Junge, unbekannte Spieler wollen sich in Szene setzen, bringen neue Akzente ins Spiel und zeigen eine vorbildliche Leistungsbereitschaft. Und mit Robinho, Riquelme oder Messi gibt es genug Topstars, die auch überragend spielen.

Frage: In welcher Form werden Sie nun die gesammelten Informationen und Daten aufbereiten und an Bundestrainer Joachim Löw beziehungsweise die sportlichen Leitung der Nationalmannschaft weitergeben?

Siegenthaler: Die Entscheidung des DFB, die Copa von mir beobachten zu lassen, war sehr sinnvoll. Die Vorbereitungen dafür haben die Verantwortlichen der Nationalmannschaft bestens erledigt, so dass ich viele Spiele live im Stadion sehen konnte. Aber auch die Partien, bei denen ich nicht vor Ort war, wurden aufgezeichnet. Ich werde nun die Spiele, die für den Bundestrainer von Interesse sind, speziell bearbeiten. Über den gesamten Ablauf des Turniers wird ein Rapport erstellt, ich werde Joachim Löw persönlich meine Eindrücke und Erkenntnisse mitteilen. Außerdem werden die Informationen in der Datenbank des DFB gespeichert.

Frage: Können Sie jetzt bereits abschätzen, wie die Qualität der Copa einzuordnen ist - etwa im Vergleich mit einer Europameisterschaft?

Siegenthaler: Viele Leute laufen Gefahr, die Südamerika-Meisterschaft zu unterschätzen. Es ist nicht so, dass die Copa America einfach nach dem Meisterschaftsende in Europa am andern Ende der Welt zur Belustigung der Teams ausgetragen wird. Fast alle Akteure spielen in einem europäischen Verein - oft in Spitzenklubs - und bringen diese taktische Disziplin mit ins Gefüge ihrer Nationalmannschaften. Darüber hinaus sind die technischen Fähigkeiten jedes einzelnen Spielers nach wie vor unübertroffen. Nimmt man dazu die Mentalität und die Stimmung vor Ort, trägt dies zu einer überdurchschnittlichen Leistung bei. Die Copa steht in keiner Weise hinter einer EM zurück.


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