Erich Ribbeck

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Der "älteste Anfänger" –
Erich Ribbeck (1998 – 2000)

Erich RibbeckNach dem Rücktritt von Bundestrainer Berti Vogts waberten in der brodelnden Gerüchteküche die Namen hochgehandelter Kandidaten. Jupp Heynckes, der frühere Mannschaftskollege des soeben Zurückgetretenen und trotz des Europapokal-Gewinns mit Real Madrid "in freundschaftlichem Einvernehmen" gefeuert, wurde an bevorzugter Stelle genannt. Doch er sagte ab, weil ihm gesundheitliche Probleme seiner Frau ungleich mehr Sorgen machten als die Krisenlage der Nationalmannschaft. Meister-Trainer wie Otto Rehhagel und Ottmar Hitzfeld, die herausragenden Stars im Lehrstab der Bundesliga, standen beim 1. FC Kaiserslautern und bei Bayern München unter Vertrag. Also Fortsetzung der hektischen Suchaktion, in deren Verlauf selbst mit Paul Breitner, dem ewigen Rebellen, gesprochen wurde.

Doch das Thema Breitner, den das Angebot des DFB allerdings selbst weit mehr überraschte als die unverzügliche Absage, war noch nicht publik, als nur 48 Stunden nach der Vogts-Demission die Nachfolge-Regelung gefunden war: Erich Ribbeck, dem der bisherige DFB-Trainer Uli Stielike als Assistent zur Hand gehen sollte, übernahm das Zepter von Hans-Hubert Vogts und erreichte nun endlich jenes Ziel, das er bereits 14 Jahre vorher ins Visier genommen hatte.

Denn als Jupp Derwall 1984 gehen musste, rechnete Erich Ribbeck, Derwalls Assistent, ganz fest mit seiner Berufung. Doch weil Franz Beckenbauer damals bevorzugt wurde, hatte sich Ribbeck aus DFB-Diensten zurückgezogen. Wobei er natürlich nicht ahnte, dass er irgendwann doch noch an herausragender Stelle und in exponierter Funktion tätig werden würde. Aber das Leben ist verrückt wie der Fußball, dessen Unberechenbarkeit sich manchmal auch in verblüffenden Personalentscheidungen widerspiegelt: Erich Ribbeck, mit 31 Jahren der jüngste Bundesliga-Trainer, wurde mit 61 Jahren zum "ältesten Anfänger" eines Bundestrainers – fast zweieinhalb Jahre nach dem Rückzug aus der Liga.

Und dass er nicht der absolute Wunschkandidat gewesen ist, störte ihn nicht im mindesten: "Wenn alle Namen stimmen, die nach Berti Vogts und vor mir mit diesem Posten in Verbindung gebracht wurden, dann war ich wohl eher nur siebte Wahl", frotzelte Ribbeck, durchaus fähig zur Selbstironie und auf äußerst ungewöhnliche Art ins Amt gehievt. Die Koffer gepackt für einen längeren Urlaub auf seiner Lieblings-Insel Teneriffa, drehte Ribbeck in Dortmund noch eine Runde Golf, als ihn der DFB kontaktierte. Die Entscheidung fiel in Windeseile, ohne zögerliche Bedenkzeit: "Diese Herausforderung hat mich immer am meisten gereizt."

Ein weiter Weg bis dahin. Gerade für einen wie ihn, der sich im Gegensatz zu einigen renommierten Vorgängern nicht mit goldgerahmten Erinnerungen an seine sportliche Vergangenheit empfehlen konnte: Am 13. Juni 1937 in Wuppertal geboren, spielte Erich Ribbeck beim SSV 1904 Wuppertal, beim Wuppertaler SV, bei Viktoria Köln. Eine solide Durchschnittsbegabung ist er gewesen, aber kein Schön, kein Vogts, kein Beckenbauer.

Doch deren Klasse am Ball kompensierte er durch sein weitgefächertes Wissen über fast sämtliche Bereiche des professionellen Spitzensports: Ribbeck trainierte Rot-Weiß Essen und Eintracht Frankfurt, den 1.FC Kaiserslautern und Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Bayern München. Ribbeck managte den Hamburger SV und wurde Leitender Angestellter in der Sport-Marketing-Abteilung bei Opel. Und was er dabei an praktischer Erfahrung sammelte, konnte er mit druckreifer Eloquenz in die Theorie einbringen.

Dennoch, obwohl ein glänzender, ein intelligenter, ein eleganter, ein hochbegabter "Verkäufer" seiner Ideen, kam er "auf dem Markt" der Bälle und Beine nie so ganz hundertprozentig an, weil er bis auf den UEFA-Pokal-Gewinn mit Bayer Leverkusen keine grandiosen Erfolge vorzuweisen hatte. Deshalb zielte die Anerkennung für "Sir Erich" nach Einschätzung der FAZ weniger auf seine beruflichen Fähigkeiten ab, als auf seine Erscheinung, auf die Art seines durchaus gewinnenden Auftretens.
Dass er im September 1998 zum ranghöchsten Trainer im Lande befördert wurde, löste keineswegs einhelligen Beifall aus; auch gewaltige Skeptiker waren zu hören und zu lesen.

Erich Ribbeck (r.) und Ulli StielikeRibbeck jedoch, ganz Gentleman, registrierte sie, ohne sogleich mit einer beleidigten Replik zu reagieren. Wenngleich die Nationalmannschaft auch unter seiner Fuchtel nur stolpernd in die Gänge kam, zog er nach den berühmten ersten hundert Tagen eine eher freundliche Bilanz: "Ich mache diesen Job nach wie vor sehr gerne. Schließlich habe ich ja gewußt, was da auf mich zukommt", beteuerte Ribbeck, den die Taktik der mehr oder minder feinen Nadelstiche dann aber doch so sehr triezte, dass er sich in einer Kolumne im DFB-Journal zur Wehr setzte – insbesondere mit Zielrichtung Breitner. "Was mich aufregt, sind die Kommentare von angeblichen Experten, die in Wirklichkeit Besserwisser sind, weil sie nie in der Verantwortung gestanden haben" und übersahen, "dass nicht von heute auf morgen neue Weltklassespieler geformt werden können."

Ribbecks Bemerkung richtet sich gegen einen Zug der Zeit, die sich bei weitem nicht mehr so betulich darstellt wie bei Professor Nerz, seinem ersten Vorgänger. Die Medienlandschaft hat sich radikal verändert. Tonart und Umgangsformen sind rauher, härter, schriller geworden. Kommerzialisierung und Finanzdiktat spielen tragende Rollen im Unterhaltungszirkus namens Fußball, in dem die herausragenden Spieler wie Pop-Stars auftreten. Der Bundestrainer arbeitet unter extrem verschärften Bedingungen. Aber trotz allem konstatiert Erich Ribbeck, der Siebte in diesem Amt: "Es ist immer noch etwas Besonderes, Trainer oder Teamchef der Nationalmannschaft zu sein."

Der Hauch des Besonderen war allerdings im Sommer 2000 verflogen. Die deutsche Nationalmannschaft scheiterte bei der Endrunde der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden bereits in der Vorrunde. Ein enttäuschendes Ergebnis – gerade auch für den Bundestrainer. Erich Ribbeck, dessen Vertrag Ende Juni 2000 auslief, verzichtete auf eine Verlängerung des Kontraktes.

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