Jupp Derwall

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Der Liberale mit der langen Leine –
Jupp Derwall (1978 – 1984)

v.l. Jupp Derwall, Erich Ribbeck und Berti Vogts Menschlich zu bleiben und außer der Ballschulung vor allem die Tugend der verständnisvollen Nachsicht zu üben ist für den früheren Bundestrainer Helmut Schön immer ein verpflichtendes Motto gewesen und für seinen Nachfolger gleichfalls zum Leitmotiv geworden. Auch Josef Jupp Derwall, der in traditioneller DFB-Art als ehemaliger Assistent automatisch zum neuen Chef befördert wurde, wollte nicht harter Hund noch Schleifer sein, sondern mehr väterlich-freundschaftlicher Partner.

Statt die Profis zu gängeln, zu kontrollieren, zu kasernieren und in abgeschotteten Trainingslagern unter Kuratel zu stellen, stieg er von der vergleichsweise schlichten Sportschule auf luxuriöse Hotel-Herbergen um. Und er favorisierte das Führungsprinzip der langen Leine, der emanzipatorischen Selbstverwirklichung, der Eigenverantwortung. Doch genau an dieser Methode ist Jupp Derwall gescheitert, nur sechs Jahre nach seinem ersten Dienst-Tag.

Denn was er als liberal verstand, wurde ihm als wachsweiche Nachgiebigkeit und Laxheit unter die Nase gerieben, zumal ein Teil seiner Auslese seine wohlmeinende Großzügigkeit zeitweilig hemmmungslos missbrauchte und ihn schmählich im Stich ließ. Vor allem in Spanien, bei der Weltmeisterschaft 1982, die trotz der Qualifikation fürs Finale im berühmten Madrider Estadio Bernabeu und dem zweiten Platz hinter Italien nicht gerade auf Glanzpapier ins Geschichtsbuch der Nationalmannschaft gebunden wurde.

Am Ende des Turniers stand das folgenschwere Trauma, nicht der umgesetzte Traum. Denn da gab es das empörende Duell zwischen Deutschland und Österreich, die sich aus taktischen Erwägungen offenbar klammheimlich auf einen "Nicht-Angriffs-Pakt" verständigten. Da gab es beim Halbfinale gegen Frankreich in Sevilla die bitterböse Entgleisung des Torwarts Toni Schumacher, der Patrick Battiston mit einer rücksichtslosen Körperattacke verletzte und hinterher ironisch anbot, dem Franzosen die Jacket-Kronen zu zahlen. Da gab es Wasserbeutelwürfe an die Adresse empörter Fans, die sich über die unrühmliche Art der peinlichen Selbstdarstellung mit Recht beschwerten – doch es gab nicht das dringend gebotene Machtwort des Bundestrainers Jupp Derwall, dessen Gutmütigkeit von einigen arroganten Stars schamlos ausgenutzt wurde.

Helle Empörung deshalb in der Bundesliga, die um ihre Reputation und den Zulauf ihrer Fans fürchtete. Hämische Abrechnungen in den Medien und hektisches Bemühen um Schadensbegrenzung beim DFB, der kurz nach der freudlosen Weltmeisterschafts-Endrunde eine mehrseitige Mängelliste erstellte und seinem ranghöchsten Fußball-Lehrer einen Rüffel erteilte. Und den traf es knüppelhart.

Denn Jupp Derwall, ein harmoniebedürftiger Mensch, für den der Fußball nach eigener Aussage seit Kindesbeinen fast wie eine Sucht gewesen ist, reklamierte für sich und seine Arbeit die allerbesten Absichten. Die Strategie des jovialen Rheinländers, der statt schroffer Konfrontation um Nähe bemüht war und der Kritik mit freundlichem Umgang zu verhindern suchte, war nicht allein auf den sportlichen Erfolg ausgerichtet, sondern gleichermaßen auf Sympathie-Gewinne jenseits des Rasens. Das ließ sich auch ganz gut an. Im Herbst 1978, gleich zum Debüt des Helmut-Schön-Nachfolgers, ein fulminanter Sieg gegen die Tschechoslowakei in Prag, hinterher eine weltrekordverdächtige Serie von weiteren 22 Länderspielen ohne Niederlage und 1980 der erste große Triumph: Seine Kandidaten-Auslese gewann das Europameisterschafts-Endspiel gegen Belgien im Olympiastadion von Rom.

Selbstverständlich war das ein großer Tag im Leben des Jupp Derwall, der am 10. März 1927 im rheinischen Würselen, einem Bergmannsdorf nur wenige Bahnstationen entfernt von Aachen, als Sohn eines Bundesbahn-Obersekretärs geboren wurde und 1938 für Rhenania Würselen zum ersten Male die Senkel schnürte. Dann Alemannia Aachen, dann Fortuna Düsseldorf, dann die ersten Einsätze in der Nationalmannschaft, eingeladen und aufgestellt von Sepp Herberger, dann das Intermezzo in der Schweiz mit den Stationen Biel und Schaffhausen und dann der Beginn seiner Trainerlaufbahn.

Sechs Jahre lang Saarländischer Fußballbund, ab 1970 Assistent von Helmut Schön und acht Jahre später die Nachfolge, die für DFB-Verhältnisse allerdings von relativ kurzer Dauer gewesen ist. Denn schon 1984, nach der Europameisterschaft in Frankreich, nach dem Aus in der Vorrunde, trat er zurück, obwohl die Bundesliga in weit stärkerem Maße für den Qualitätsverlust der Nationalmannschaft verantwortlich war als dieser Bundestrainer.

Jupp Derwall (h.) und Ulli Stielike relaxenDoch der bekam den Laufpass. Grollend natürlich und innerlich heftig verletzt, weil nach seiner Meinung ziemlich schofel behandelt. Aber er musste sich nicht auf Dauer ins Schneckenhaus der Enttäuschung zurückziehen, weil ihn die späte Anerkennung fürs subjektiv empfundene Unrecht in reichem Maße entschädigte: Jupp Derwall wurde nicht nur Trainer und Technischer Direktor bei Galatasaray Istanbul, sondern auch Mittler zwischen der Türkei und Deutschland.

Das war, wie einige scharfe Kritiker von früher plötzlich in anerkennender Milde feststellten, "ein märchenhafter Aufstieg" für den als deutschen Bundestrainer bisweilen geschmähten Fußball-Lehrer, den sie am Bosporus als "Pascha des türkischen Fußballs" würdigten. Die Universität Ankara ernannte ihn "wegen seiner Verdienste um die friedensfördernden deutsch-türkischen Beziehungen" zum Ehrendoktor, und der deutsche Bundespräsident dekorierte ihn mit dem Verdienstkreuz erster Klasse.

Happy-End für den kurvenreichen Berufsweg eines Mannes, dessen Nachfolge auf ungewöhnliche Weise geregelt wurde: Nicht Helmut Benthaus ist es geworden, der sich als Meistertrainer des VfB Stuttgart für höhere Aufgaben empfohlen hatte, von seinem Verein aber keine Freigabe erhielt, und auch nicht Erich Ribbeck, Derwalls langjähriger Assistent. Es wurde Franz Beckenbauer, der erste deutsche Bundestrainer honoris causa.

Jupp Derwall verstarb am 26. Juni 2007 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nahm angeführt von Dr. Theo Zwanziger mit einer großen Delegation bei der Trauerfeier teil. "Er war eine der größten Sport-Persönlichkeiten und ein vornehmer Mensch", würdigte der DFB-Präsident den ehemaligen Bundestrainer.

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