Helmut Schön

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Der Sensible aus Sachsen –
Helmut Schön (1964 – 1978)

Helmut Schön (l.) und Jupp Derwall bei der WM 1974 Beim letzten Länderspiel, das der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger erlebte, befand sich die Nationalmannschaft auf ihrem Selbstfindungs-Trip. Sie war auf der Suche nach neuer Identität, nach erfolgversprechenden Perspektiven im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, wo der Titel von 1974 verteidigt werden sollte. Doch ihr genialer Fährtenleser, der Kapitän und Rekord-Nationalspieler Franz Beckenbauer, war dem Herberger-Nachfolger Helmut Schön zwangsweise abhanden gekommen. Wegen seines Wechsels in die so genannte amerikanische Operettenliga wurde "der Kaiser" von der DFB-Spitze nicht mehr geduldet. Also mühte sich der Trainer, für den Beckenbauer längst mehr geworden war als ein Spielführer und Ratgeber in schwierigen Fällen, um annähernd ähnlich hochkarätige Varianten, um alternative und optimale Lösungen für seine letzte große berufliche Herausforderung.

62 Jahre alt war Helmut Schön damals, im Sommer ’78, und seit anderthalb Jahrzehnten für ein Amt zuständig, das seiner Wesensart nicht gerade auf ideale Weise entsprach: Obwohl in der fachlichen Kompetenz über jeden Zweifel erhaben und in stressfreien Situationen durchaus witzig, humorvoll, schlagfertig, galant, schien der "Lange", wie sie den hochgewachsenen Sachsen nannten, nach Meinung seiner Kritiker nicht unbedingt zweckbestimmt für die Rolle eines Bundestrainers. Zu dünnhäutig ist er gewesen, als Spieler schon, zu überempfindlich, zu anfällig gegen den leisesten Hauch von Zweifeln. Allein die Frage verstand er manchmal schon als verbale Fallenstellerei und provokante Gemeinheit. Und wenn er ständig und standhaft behauptete, nur äußerst selten gelesen zu haben, was für die Tageslektüre getextet oder in dicken Lettern für den Boulevard-Verkauf am Kiosk feilgeboten wurde, dann flunkerte er. Denn in seiner seismographischen Empfindsamkeit registrierte er alles, damit er im Bedarfsfall sogleich reagieren konnte – pikiert und mimosenhaft.

Leicht war es also manchmal nicht in all den Jahren – weder mit ihm noch für ihn. Und dennoch liest sich seine berufliche Bilanz wie eine märchenhafte Endlos-Serie an Erfolgen: Dem Anforderungsprofil für einen Nationalspieler, dessen Qualitäten vor allem nach Toren bemessen werden, entsprach der technisch hochbegabte "Halbstürmer" durch 17 Treffer in 16 Einsätzen mit einer Quote von mehr als hundert Prozent. Außerdem ist Helmut Schön, eine Mischung aus Fritz Walter und Gerd Müller, an der Seite des legendären Richard Hofmann mit dem Dresdner Sportclub zweimal Deutscher Meister geworden und 1950, zu ganz frühen DDR-Zeiten, mit dem weit weniger berühmten Nachfolge-Verein SG Friedrichstadt auch noch mal Vizemeister.

Doch genau dieses Ereignis war für ihn der Anlass zur Flucht in die Bundesrepublik: Weil Horch Zwickau, offenbar unter dem Druck und auf Geheiß der knöchernen Polit-Oberen, das Endspiel nach einer skandalösen Schiedsrichterleistung mit 5:1 gewinnen durfte, riet Helmut Schön dem Rest des Teams: "Jungs, wir gehen in den Westen." Er verbandelte sich für kurze Zeit mit der Berliner Hertha und schlug dann einen Weg ein, den seine Eltern eigentlich nun gar nicht wollten: Helmut Schön ist Trainer geworden, Fußball-Trainer, obwohl seinem Vater, einem Kunsthändler, ganz andere Berufsziele für den feingeistigen, auch musisch hochbegabten und opernverliebten Filius vorschwebten. Mediziner hätte er werden sollen, wenigstens das. Doch Helmut Schön, von Sepp Herberger an der Sporthochschule Köln ausgebildet und 1950 mit eindrucksvollem Erfolg geprüft und belobigt, lehrte Fußball. Zunächst beim SV Wiesbaden und dann auf Vermittlung von Herberger, den er später in einem leicht missglückten sprachlichen Vergleich als "Roten Faden in meinem Leben" würdigte, beim Saarländischen Fußballbund. In dieser Eigenschaft hätte Schön verhindern können, dass sich 1954 für Herberger und den deutschen Fußball das Wunder von Bern ereignete. Denn das Saarland, nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als Sportverband noch autonom und nicht in den DFB integriert, spielte in der Qualifikation gegen den späteren Weltmeister – zwar nicht erfolgreich, aber doch so eindrucksvoll und überzeugend, dass Sepp Herberger den Verbandstrainer Helmut Schön 1956 zum Assistenten an seine rechte Seite beorderte.

Acht Jahre später dann die Nachfolge und der Beginn einer Ära, die sich trotz kleinerer Rückschläge und schattiger Frost-Tage als überwiegend freundlich, als grandios darstellte. Schon 1966 die Weltmeisterschaft in England mit einem der verrücktesten, der umstrittensten Endspiele, die in der Geschichte dieses Turniers je stattgefunden haben. Denn der fünfte Treffer im Finale, für England der dritte, ist trotz jahrzehntelanger Beweisfindung und verwissenschaftlichter Wahrheitssuche nie als glasklar und lupenrein identifiziert worden. So wurde die deutsche Mannschaft zu einem traurigen Verlierer, den sie in der Heimat wegen seiner großen Leistung feierten und darüber hinaus wegen vermeintlichen Unrechts glorifizierten. Bei der Heimkehr wurde der Vizeweltmeister auf dem Frankfurter Römer wie der wahre, der wirkliche Sieger empfangen. Eindrucksvolle Bilder, die sich vier Jahre später wiederholten – 1970, nach der WM-Endrunde in Mexiko, wo Helmut Schöns Auswahl trotz strapaziöser Hitze und Höhenlage im Viertelfinale gegen England mit einer physischen Glanzleistung faszinierte und im Halbfinale gegen Italien eines jener Spiele zelebrierte, die gemeinhin zu "Jahrhundert-Ereignissen" hochgejubelt werden. Dass es am Ende nur zum dritten Platz hinter Brasilien und Italien langte, deuteten Millionen von Fans jedoch nicht als frustrierende Enttäuschung, nicht als eine bitterböse Niederlage, sondern als einen mitreißenden Sieg der Sympathie. Herrliche Zeiten – vor allem auch für Schön, der 1972 einen weiteren Gipfel eroberte: Bei der Europameisterschaft in Belgien und dem Triumph über die UdSSR in Brüssel präsentierte er die vielleicht beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten. Ein handverlesenes Team großer Namen, eine geglückte Komposition aus Kampfkraft und Kunst, aus Spielwitz und Esprit und den anspruchsvollen Idealvorstellungen des Ästheten Helmut Schön sicher noch ein bisschen mehr entsprechend als das Weltmeisterschafts-Ensemble von 1974.

An jener Mannschaft, die in München mit 2:1 gegen Holland gewann, hat er sich zwar erfreut und erbaut, aber sie hat ihn auf dem Weg zum Goldpokal auch schwer leiden lassen, weil neue, für ihn befremdliche Wertvorstellungen die Vorbereitung in der Sportschule Malente empfindlich störten. Für Deutschland zu spielen und zu siegen galt der jungen Profi-Generation nämlich längst nicht mehr nur als eine Frage der Ehre, weshalb es im Trainingslager am Dieksee zu einer denkwürdigen Nacht gekommen ist: Helmut Schön drohte damit, die Koffer zu packen und unverzüglich abzureisen, als der Mannschaftsrat eine hohe fünfstellige Erfolgsprämie durchpaukte, die dem Trainer stark gegen den Strich ging. Denn er verstand sich, wiewohl nicht weltfremd und keineswegs blind gegenüber der wachsenden Kommerzialisierung und zirzensischen Show, im Grunde immer noch als ein Idealist. Und er distanzierte sich, fast angewidert, vom Anspruchsdenken seiner Elite. Dennoch: Weltmeister 1974!

Helmut Schön (r.) in Aktion Gemessen am Wert des Titels war dies natürlich der alles überragende Höhepunkt in der Trainerlaufbahn des Helmut Schön, der aber – wie Sepp Herberger 1962 – im Spätherbst seiner Karriere auch noch die Kehrseite kennenlernte: 1976 die unglückliche Niederlage im Europameisterschafts-Finale von Belgrad, wo Uli Hoeneß beim Elfmeterschießen das Netz hinter den drei weißgetünchten Pfosten verfehlte, und 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien dann die "Schmach von Córdoba", das sensationelle Aus gegen die Österreicher, deren berühmtester Rundfunk-Reporter deshalb geradezu "narrisch" zu werden drohte.

Wenige Monate danach, am 15.November 1978, wurde der Bundestrainer Helmut Schön bei einem Spiel verabschiedet, das im Sinne von Herbergers berühmter Weisheit eine "Unvollendete" gewesen ist: Nicht erst nach 90 Minuten war Schluss gegen Ungarn, sondern bereits nach einer knappen Stunde, weil das Frankfurter Waldstadion wegen dicker Herbstnebel zu einer Waschküche wurde. Der vorzeitige Spielabbruch war der kuriose, leider nicht besonders angemessene Abschluss einer Epoche, die jahrzehntelang mit großer deutscher Fußball-Geschichte einherging: "Sein Lebenswerk ist Legende geworden", sagte DFB-Präsident Egidius Braun 1996, nach dem Tod von Helmut Schön.

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