Guter Mittler: Hermann Neuberger ©

Hermann Neuberger

(1975-1992)

Ziele und Visionen im Weltformat

"Hermann, übernimm Dich nicht!", mit diesen Worten übergab Hermann Gösmann den "Stab" des DFB-Präsidenten 1975 an den Saarbrücker Hermann Neuberger. Gösmanns Bemerkung zur Amtsübernahme sollte wohl vor allem die aufgesetzte Würde der Zeremonie etwas entkrampfen, denn zur Sorge bestand bei der Klasse des gewählten Kandidaten nicht der geringste Anlass - das wusste Gösmann nur zu gut. Mit Hermann Neuberger stand nun ein Chef im Ring, der solche Empfehlungen nicht brauchte, weil ihn nichts und niemand so leicht in Verlegenheit bringen oder gar überfordern konnte. Wie sich bald herausstellte, war er der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz. Es sollte unbedingt eines solchen Kämpfers bedürfen, um in derart prädestinierter Position die folgenden Herausforderungen ohne bleibende Schäden für die Interessen des Verbandes oder Schrammen an der eigenen Person zu bestehen. Kein Präsident hat sich als Repräsentant des Sports ähnlich epochalen Entwicklungen auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet stellen müssen wie Hermann Neuberger. Aber das konnte zu dem Zeitpunkt, als er die Wahl annahm, niemand ahnen.

Seine Vita liest sich wie eine Erfolgsstory und entspricht jenen Anforderungsprofilen, die ihn auch für andere Spitzenjobs qualifiziert hätten. Der Saarländer hatte den Journalismus von der Pike auf gelernt. Er entdeckte seine Leidenschaft für den Fußball und gleichzeitig seine Begabung für Organisationsfragen. Neuberger brachte beides zusammen. Zugute kamen ihm zudem seine Menschenkenntnis und sein Instinkt für Grenzen und Machbares. Seine Lust, sich mit komplexen Aufgaben auseinanderzusetzen und Menschen für seine Ideen zu begeistern, wuchs mit den Erfolgen, die sich bald einstellten. Er war ein Macher, lange bevor dieser Begriff definiert und positiv besetzt wurde.

Neuberger konnte sich schon früh schneller als andere auf veränderte Umstände einstellen, ohne dabei seine Ziele und Visionen, die er ständig auf ihre Umsetzbarkeit prüfte, aus den Augen zu verlieren. Dies zeichnete ihn auch später aus. Er war in der Lage, in kürzester Zeit Beschlussanträge umzuformulieren, wenn ihm als Schnellmerker klar geworden war, daß er mit der Originalfassung keine Mehrheit finden würde. Grundsätze dabei aufzugeben, war er freilich nie bereit, so daß er den immer wieder erhobenen Vorwurf der Anpasserei guten Gewissens zurückweisen und widerlegen konnte. Während der Diskussion um den Olympia-Boykott 1980 brachte er das argumentative Kunststück fertig, zwei kontroverse Standpunkte in zwei Funktionen in einer Person überzeugend zu vertreten. Das DFB-Präsidium votierte für die Teilnahme deutscher Athleten, denn die Fußballer hatten die besten Kontakte zu den Verbänden im Osten. Als NOK-Mitglied begründete Neuberger jedoch sein gegenteiliges Votum öffentlich und stimmte für die Nicht-Teilnahme. Sein Nachfolger Egidius Braun hat diese Fähigkeit Neubergers, die ihm den meist respektvoll gemeinten Spitznamen "Hermann Schlauberger" eingebracht hatte, mit Hochachtung so kommentiert: "Jemand, der soviel weiß von einer Materie, mag seinem Gegenüber fast ein wenig unheimlich vorkommen. Möglicherweise hat hier mancher Kritiker seine (falsche) Munition entdeckt, indem er Wissen mit Arroganz und Pragmatismus mit Machtbesessenheit verwechselte. Doch alle, die das Glück besaßen, ihn näher kennenzulernen, beschreiben einen anderen Menschen: Offen und vertrauensvoll, gesellig und humorvoll, liebenswert und sozial eingestellt gegenüber seinen Mitarbeitern."