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TÄTIGKEITSBERICHT DER DFB-KULTURSTIFTUNG 2008 2011

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24 36 TiTelbild K.H. Hödicke, o. T., 2006, Kunstharz auf Leinwand 190 x 240 cm (Ausschnitt) © courtesy Galerie Wolfgang Gmyrek, Düsseldorf

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INHAlT ANSTOSS Vorwort des Vorstands Grußwort Kulturstaatsminister Bernd Neumann 4 6 F uSSbAllkultur Poeten am Ball - Die Autoren-Nationalmannschaft nächstes Jahr im stadion - Norbert Kron schreibt in der Welt über das Autoren-Länderspiel Deutschland - Israel halBmond üBer st. Pauli - Lesung und Länderspiel KICK AND READ triumPh auf roter erde - Die Autoren-Europameisterschaft 2010 der Bundestrainer und die Buchmesse - Deutsch-türkische Fußballkultur "der dfB wagt hier etwas neues." -Fünf Fragen an Claudia Roth schillers fussBallVerrücKte erBen - Im Literaturarchiv Marbach im Zeichen des KaP - Literatur und Musik zur WM 2010 fussBall auf der leinwand - Fußballfilmfestival "11mm" / "Transnationalmannschaft" / "Tom meets Zizou" 20 12 14 15 16 17 18 19 10 F uSSbAll uNd gesellschaft "Verlasst euch darauf: diese Jungen menschen sind anders" - Deutsche Junioren-Nationalmannschaften in Israel "fussBall ist ein teil unserer Kulturellen identität" - DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger im Gespräch über die DFB-Kulturstiftung laufwege oder ode an Julius hirsch - Ein Gedicht von Albert Ostermaier aus der geschichte lernen - Das Bildungsprogramm der Stiftung das förderProgramm der stiftung - Ausgewählte Projektbeispiele 28 31 32 34 24 F uSSbAllgeschichte warum der fussBall auf seine geschichte nicht VerZichten Kann - Ein Essay von Prof. Franz-Josef Brüggemeier auf dem weg Zum fussBallmuseum ein aBend der legenden - Erinnerungen an die WM 1966 als der fussBall laufen lernte - Die Wanderausstellung "Die ersten Elf" Von Proletariern und dem Zarten geschlecht - Ausgewählte Projektförderungen 47 36 40 42 44 FRAuENFuSSbAllkultur Bunte sPielräume! - Das Kulturprogramm SPIELRAUM 2011 zur Frauen-WM 2011 48 SCHluSSPFIFF stiftung intern - Namen und Nachrichten, Satzung und Gremien die Kultur und der fussBall - Eine Glosse von Moritz Rinke Impressum 58 62 63 dFb-kulturstiftung Inhalt

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VORwORT Fußball ist Kultur Am Anfang waren viele überrascht. Eine Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes? Und überhaupt, Fußball und Kultur - hat das eigentlich etwas miteinander zu tun? Die Antwort aus unserer Sicht ist ganz einfach: Fußball ist Kultur. Er prägt und beeinflusst sie. Hierzulande allemal, aber auch weltweit. Das belegt zunächst einmal ganz vordergründig die Intensität, mit der sich der klassische Medien- und Kulturbetrieb inzwischen mit ihm beschäftigt. Allein im WM-Jahr 2006 sind mehr als 1.000 neue Bücher zum Thema Fußball erschienen. Auch wer genauer hinsieht, wird die kulturprägende Wirkung des Fußballs spätestens seit der FIFA WM 2006(TM) nicht unterschätzen. Binnen vier Wochen übten die Deutschen nicht nur neue Formen des gemeinsamen Erlebens und Feierns ein (und nahmen die Begriffe "Sommermärchen", "Fanmeile" und "Public Viewing" in den kollektiven Sprachschatz auf). Viele ertappten sich auch zum ersten Mal dabei, eine schwarzrot-goldene Fahne an ihr Auto zu stecken und fanden so ganz nebenbei zu einem unverkrampften Verhältnis zu nationalen Symbolen. Ein Phänomen, das auch international sehr wohl wahrgenommen wurde. Und auch von der FIFA WM 2010(TM) in Südafrika bleibt nicht nur das sportliche Resultat im nationalen Gedächtnis hängen, sondern vor allem jene medial verbreiteten Bilder eines erfrischend multikulturellen Spielstils, mit der die Özils, Boatengs und Khediras quasi eine Blaupause für das Gelingen von Integration vorzulegen schienen. Wer, wenn nicht der Fußball, produziert in so kurzer Zeit so einprägsame gesellschaftliche Botschaften? Sicher, es ist gar nicht immer der Fußball selbst, der diese kulturellen Zuschreibungen hervorbringt. Vor allem seine Popularität macht ihn zur Projektionsfläche ganz unterschiedlicher Deutungen. Und regt damit auch die Phantasie der Kulturschaffenden an, ihm mit Dabei geht es uns weniger um Spielstände und Torschützen, sondern um die gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedeutungen des Spiels. Wer sich mit dem Fußball beschäftigt, lernt auch deutsche und internationale Gesellschaftsgeschichte verstehen, vom Kaiserreich bis zur Europäischen Union. Besonders historische Bildungsprojekte für Kinder und fussBallgeschichte - mehr als tore und ergeBnisse 1874 warf der Braunschweiger Gymnasiallehrer Konrad Koch einen aus England mitgebrachten Lederball unter seine Schüler. Der Beginn der Fußballs in Deutschland. Mit dem neuen Sport kamen auch Ideale wie das des "Fair Play" ins Deutsche Reich. Von konservativen Kreisen lange als "englische Krankheit" und "Fußlümmelei" verunglimpft, dauerte es Jahrzehnte, bis Fußballpioniere wie Walther Bensemann das Spiel in Deutschland etablieren konnten. Durch Ausstellungen, Bücher, wissenschaftliche Studien und andere fußballhistorische Projekte arbeitet die DFB-Kulturstiftung mehr als 130 Jahre Fußballgeschichte in Deutschland auf. Ausstellungen, Theaterstücken, Fotografien, Popsongs, Filmen und Büchern weitere künstlerische Interpretationen hinzuzufügen. Vor allem aber ist der Fußball nicht mehr wegzudenken aus der Alltagskultur vieler Menschen, jüngerer und älterer, Männer und zunehmend auch Frauen. Fußball ist Teil unserer kulturellen Identität, auch jenseits der Sportseiten und Stammtische. Er hat mitten unter uns Wurzeln gefasst, in unserem Sprachgebrauch, in unseren Gefühlen. Fußball prägt uns, im Verein, in der Familie, mit Freunden, im Stadion, vor dem Fernseher. Für den DFB Grund genug, sich nach dem mit 3,5 Millionen Besuchern erfolgreichen Kunst- und Kulturprogramm zur FIFA WM 2006(TM) mit einer eigenen Stiftung gezielt im kulturellen Bereich zu engagieren. Sie tut das in drei Schwerpunkten: dFb-kulturstiftung vorwort

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dr. theo zwanziger, vorsitzender Karl rothmund, stellv. vorsitzender horst r. schmidt, schatzmeister olliver tietz, geschäftsführer Jugendliche liegen uns am Herzen. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus und die Geschichte des jüdischen Fußballs. fussBallKultur - ein sPiegelBild der Vielfalt Der Fußball ist bunt und vielfältig, so ist auch seine Kunst und Kultur. Kein Genre, das es nicht gibt in diesem Spiel: Filme, Festivals, Erzählbände, Dokumentarfilme, Lesereihen, Schülerradio, Stadtführungen, Konzerte. Von der Kinderkunst zum kritischen und provokanten Theater: die Stiftung fördert diese lokalen Initiativen in ganz Deutschland. Überregional sichtbar sind Kooperationsprojekte mit Partnern wie dem Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut, dem Haus der Kulturen der Welt oder dem Literaturarchiv Marbach. Im Ergebnis kann das bedeuten, dass Joachim Löw auf der Frankfurter Buchmesse über Fußball und Integration diskutiert. Oder dass umgekehrt ein ganz besonderes Team die Schuhe schnürt: Erst kicken, dann lesen - so das Motto der deutschen Autoren-Nationalmannschaft, die mit ihren Länderspielen seit 2008 mithilfe von Fußball und Literatur grenzüberschreitend Brücken baut und kulturelles Verständnis fördert. Geschlecht, Glauben und sexueller Orientierung. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Es war und ist auch heute noch nicht überall so. Wer sich mit der Geschichte des Fußballs beschäftigt stellt fest, dass sie ebenso eine Geschichte von Ausschluss, Abgrenzung, Diskriminierung und Instrumentalisierung ist, wie eine Geschichte von Emanzipation, Anerkennung und Teilhabe. Mit Eigen- und Förderprojekten wollen wir die Räume öffnen für die Diskussion über die gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen und Rahmenbedingungen und stellen die Frage, was diese für den Fußball bedeuten. Wir setzen uns ein für die Werte eines demokratischen und freiheitlichen Gemeinwesens, für Integration, Inklusion, Teilhabe und Völkerverständigung. Dieses Engagement ist insbesondere verbunden mit der Unterstützung und Solidarität für Menschen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung im und um den Fußball einsetzen. Möglich macht das alles die deutsche Nationalmannschaft mit ihren regelmäßigen Benefizspielen, deren Erlöse den finanziellen Sockel bilden. Der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga haben die- fussBall und gesellschaft - für einen wertorientierten sPort Ohne klare Wertorientierung wäre alles nur l´art pour l´art. Die Stiftung steht für einen nachhaltigen Sport, der Botschaften transportiert und Werte vermittelt. Für uns ist der Fußball ein Spiel, das allen Menschen offen steht, ohne Ansehen von Herkunft, Hautfarbe, se Spiele in ihrem Grundlagenvertrag festgeschrieben. Dafür haben wir zu danken. Ein ganz besonderer Dank geht auch an die Mitglieder des Stiftungskuratoriums für ihre Expertise, ihre Kreativität und Ideen. Sie haben dazu beigetragen, dass diese junge und ambitionierte DFB-Kulturstiftung auf erste erfolgreiche Jahre zurückblicken kann. dFb-kulturstiftung vorwort

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gRuSSwORT dFb-kulturstiftung grusswort "Die Bedeutung des Fußballsports geht weit über die 90 Minuten im Stadion hinaus, er berührt alle Bereiche der Gesellschaft." Kulturstaatsminister bernd neumann bei der eröffnung des deutsch-türKischen fussball- und Kulturfestivals auf der franKfurter buchmesse 2008 Im Zentrum des Fußballs steht das Geschehen auf dem grünen Rasen. Von ihm geht die eigentliche Faszination aus, die Akteure und Zuschauer von Spiel zu Spiel bewegt. Aber die Bedeutung des Fußballsports geht weit über die 90 Minuten im Stadion hinaus, er berührt alle Bereiche der Gesellschaft. Diese weiter reichende Bedeutung ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, vor allem auch in kultureller Hinsicht. Heute füllt der Fußball nicht nur die Sportseiten der Zeitungen, sondern gibt Anlass zu klugen Betrachtungen im Feuilleton. Der Fußball ist - zum Glück! - Teil der Alltagskultur geblieben, aber er ist auch zum Thema der Literatur, des Films und der bildenden Kunst geworden. In Deutschland hat die Weltmeisterschaft 2006 diesen Prozess befördert und das umfangreiche, vom Bund finanzierte Kunst- und Kulturprogramm zur WM spielte dabei eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Ich habe dabei gern mitgewirkt und erinnere mich noch gut daran, wie mich einer meiner ersten öffentlichen Auftritte im Amt des Staatsministers für Kultur und Medien zu der Veranstaltung "Kopfballspieler" führte, bei der renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt aus ihren Texten rund um den Fußball lasen. Es ist sicher auch dem Erfolg dieses Kunst- und Kulturprogramms geschuldet, dass der Verband nach der WM mit der Gründung der DFB-Kulturstiftung ein deutliches Zeichen für die Verbindung von Fußball und Kultur gesetzt hat. Diese Entwicklung scheint mir nicht nur inhaltlich, sondern auch in kulturpolitischer Hinsicht bemerkenswert. In Deutschland ist es nicht selten so, dass privates Engagement für die Kultur recht schnell in den Ruf nach öffentlicher Unterstützung mündet. Ich finde es auch darum beachtlich, dass der DFB den umgekehrten Weg gegangen ist und den Impuls eines vom Bund finanzierten Programms aufgenommen und in die private DFB-Kulturstiftung übertragen hat. Vor diesem Hintergrund habe ich mich sehr gern bereit erklärt, im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung mitzuwirken. Dass

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PubliKumsmagnet des wm-KulturProgramms 2006: der fussball-globus afriKanische Kultur beim "cuP of cultures" zur fifa wm 2010 der DFB mit seinem Engagement für die Kultur eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernimmt, zeigt der hier vorgelegte Tätigkeitsbericht eindrucksvoll. erfolgreich genutzt, um die Kultur Südafrikas in ihren verschiedenen Facetten zu vermitteln. Sehr zu begrüßen ist es auch, dass die DFB-Kulturstif- Aus der Vielzahl der von der Stiftung geförderten und selbst initiierten Projekte möchte ich nur zwei hervorheben, weil ich sie mit persönlichen Eindrücken verbinde. Bei der deutsch-türkischen Fußball- und Kulturbegegnung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2008 war zu erleben, wie zwanglos sich eine Lyriklesung von Albert Ostermaier und Feridun Zaimoglu mit einem Auftritt des Bundestrainers innerhalb einer Veranstaltung verbinden lässt. Dass die Tagesschau über dieses Ereignis zur besten Sendezeit am Samstag berichtete, belegt die Wirksamkeit des Konzepts. In sehr guter Erinnerung geblieben ist mir auch der "Cup of Cultures", den das von meinem Haus geförderte Haus der Kulturen der Welt in Berlin mit Unterstützung der DFBKulturstiftung zur WM 2010 veranstaltet hat. Auch hier wurde die vom Fußball ausgehende Faszination tung das sportliche Großereignis der FrauenfußballWeltmeisterschaft in diesem Sommer zum Anlass genommen hat, Mittel für ein begleitendes Kulturprogramm in allen neun WM-Städten zur Verfügung zu stellen. Zweifellos hat dieses Programm im Vorfeld und während des Turniers zur positiven Ausstrahlung der Weltmeisterschaft beigetragen. Ich freue mich, dass zwei der zahlreichen Projekte auch aus Mitteln meines Hauses unterstützt werden konnten. Den Verantwortlichen des DFB und allen weiteren Mitwirkenden danke ich für ihr Engagement beim Aufbau der Kulturstiftung. Für ihre Arbeit wünsche ich weiterhin viel Erfolg. Bernd Neumann, MdB Staatsminister bei der Bundeskanzlerin dFb-kulturstiftung grusswort feridun zaimoglu und albert ostermaier auf der franKfurter buchmesse 2008

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FuSSbAllkultur VON diCHTeRN beSuNgeN, uMSCHwäRMT AuF deR FRANKFuRTeR buCHMeSSe, iM dieNST deR AuSwäRTigeN KulTuRPOliTiK uNd KONSeRVieRT iM deuTSCHeN liTeRATuRARCHiV. SeiT 2008 beSPielT die dFb-KulTuRSTiFTuNg die FeldeR deR HOHeN NATiONAlMANNSCHAFT. KulTuR. MiT KReATiVeN ideeN uNd eiNeR eigeNeN

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FuSSbAllkultur dfb-Kulturstiftung

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FuSSbAllkultur Poeten am Ball eRFOlgReiCHe SCHRiFTSTelleR SiNd Sie. KulTuRbOTSCHAFTeR. uNd NATiONAlSPieleR. SeiT dRei JAHReN VeRbiNdeT die deuTSCHe AuTOReN-NATiONAlMANNSCHAFT FuSSbAll MiT liTeRATuR. uNd leiSTeT geMeiNSAM MiT deR dFb-KulTuRSTiFTuNg eiNeN beiTRAg zuR VölKeRVeRSTäNdiguNg. FuSSbAllkultur Poeten am ball die Klebebilder der autoren-nationalmannschaft erschienen 2010 als limitierte Kunstedition im "me collectors room berlin"

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"Sie lagen halb schlafend, halb dösend unter Bäumen. Um wach zu werden und uns ein bisschen besser kennen zu lernen, haben wir uns erst einmal zusammen gesetzt, Kaffee getrunken und ein Stück Pflaumenkuchen gegessen, selbstgebacken von einer Bäuerin." Geradezu idyllisch beschreibt Hans Meyer seine erste Begegnung mit den Spielern der Autoren-Nationalmannschaft. 2005 war das. Erfolgsautor und Fußballfan Thomas Brussig ("Helden wie wir") hatte den Bundesligacoach zu einem "Trainingslager" auf sein altes Bauerngehöft in der Nähe von Altentreptow nach Mecklenburg-Vorpommern eingeladen. Der Auftrag: Meyer sollte das gerade gegründete Team fit machen für die Autoren-Weltmeisterschaft in der Toskana. Trotz einer etwas holprigen Vorbereitung (Meyer: "Der Platz war ein Acker mit zwei Toren - einer war am Vormittag über einen Maulwurfshügel gestolpert und hatte sich dabei die Hand gebrochen.") wurde die Mannschaft wenige Wochen später bei der WM auf Anhieb Vize-Weltmeister. Die Idee ist simpel, aber wirkungsvoll: Man nehme junge, gesunde Schriftsteller, die ihren Kindheitstraum vom "echten" Nationalspieler nie verwirklichen konnten. Man gebe ihnen einen Ball, und im Nu verwandeln sich die Elfenbeinernen in ehrgeizige, fluchende, vielleicht etwas langsame Außenverteidiger. Oder in etwas eigensinnige und ballverliebte Mittelfeldspieler. Die "deutsche Autoren-Nationalmannschaft", so heißt sie offiziell, hat seit den Tagen von Altentreptow gegen mehr als ein Dutzend gleichartige Teams aus allen Nationen der Welt gespielt und dabei immer gewonnen: an Erfahrungen, Ausdrucksvermögen, Freundschaften. Seit 2008 spielt sie im Rahmen einer von der DFBKulturstiftung ausgerichteten Spielserie gegen europäische und außereuropäische Teams im Sinne der völker- und kulturverbindenden Idee. Zahlreiche renommierte Autoren haben seitdem das schwarz-weiße Nationaltrikot mit dem Adler und dem Schriftzug der DFB-Kulturstiftung übergestreift. Unter ihnen Torhüter Albert Ostermaier ("Zephyr"), Rekordtorschütze Moritz Rinke ("Der Mann der durch das Jahrhundert fiel"), Thomas Klupp ("Paradiso") und Jan-Costin Wagner ("Eismond"). Aber auch Regisseur Sönke Wortmann ("Das Wunder von Bern") oder die TV-Kommissare Udo Wachtveitl ("Tatort") und Wolfgang-Maria Bauer ("Siska"). Prominenter ist nur noch die Trainerliste: Nach Hans Meyer wurde das Team von Uwe Rapolder, Jörg Berger und Dettmar Cramer gecoacht. Literarisch gibt sich die Mannschaft betont locker, so auch in ihren Anthologien im Suhrkamp-Verlag. Für das Publikum und die Medien gibt es im Rahmen der internationalen Spiele aber viel mehr zu entdecken als die blanken Waden der Schriftsteller oder den einen oder anderen eleganten Spielzug. Haben sich nach dem Schlusspfiff die Gemüter nämlich wieder beruhigt, schlüpft der nickelige Mittelfeldspieler wieder zurück in seine Rolle als eleganter Romancier oder witziger Essayist. Und der Zuschauer darf sich auf ein komisches oder ernsthaftes, aber immer anspruchsvolles Programm freuen. Denn wann hat man als Literaturfreund schon die Gelegenheit, eine ganze Autorengeneration, beispielsweise aus Israel oder Argentinien, kompakt im Rahmen einer Lesung kennen zu lernen? 2008 erreichte das Team und die Stiftung eine ganz besondere Einladung: Unter der Schirmherrschaft von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, selbst bekennender Fan der Mannschaft, und DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger fanden aus Anlass der 60-Jahr-Feier des Staates Israels in Berlin und Tel Aviv zwei Spiele und Lesungen statt. Gelebter Kulturaustausch über Grenzen hinweg. Der Fußball macht es möglich, denn Fußball wird überall verstanden. FuSSbAllkultur Poeten am ball

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FuSSbAllkultur nächstes jahr im stadion SCHRiFTSTelleRTReFFeN deR beSONdeReN ART: die deuTSCHe uNd iSRAeliSCHe AuTOReNNATiONAlMANNSCHAFT SPieleN NiCHT NuR FuSSbAll iN beRliN. AN eiNeM SONNigeN TAg iM MAi STeHeN SiCH iSRAeliSCHe uNd deuTSCHe SCHRiFTSTelleR AuF eiNeM beRliNeR FuSSbAllPlATz gegeNübeR: eiN läNdeRSPiel AuS ANlASS deR 60-JAHR-FeieR deS STAATeS iSRAel (FOTO: RegiSSeuR SöNKe wORTMANN uNd PROSA-AuTOR yOAV AVNi). iN eiNeR RePORTAge FüR ,die welT´ VOM 17.05.2008 SCHildeRT deR ROMANCieR uNd OFFeNSiVe AuSSeNVeRTeidigeR NORbeRT KRON, wAS AuF uNd NebeN deM PlATz PASSieRTe.

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r schirmherr: aussenministe begrüsst die sPieler a.d. steinmeier lesung: albert ostermaier im deutschen theater ausgesPielt: Klaus döring im duell mit nachum PacheniK FuSSbAllkultur nächstes jahr im stadion

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gRuSSSSwORT KULTURSTADION: TÜRKISCHE UND DEUTSCHE AUTOREN ROCKEN DAS MILLERNTOR: HARUN TEKIN, HAKKI ARPACIOGLU, HAYKO CEPKIN, UDO WACHTVEITL (V. L.) SINGEN UND LESEN FuSSbAllkultur halbmond über st. Pauli albmond moritz rinKe KöPft über St. Pauli THeATeRbeSiTzeR CORNy liTTMANN PFlegT FuSSbAll uNd KulTuR MiT leideNSCHAFT. wAS wuNdeR, dASS deR eHeMAlige PRäSideNT deS FC ST. PAuli KeiNe SeKuNde zögeRTe, AlS die dFb-KulTuRSTiFTuNg ANFRAgTe, FüR eiN deuTSCH-TüRKiSCHeS liTeRATuRduell eRSTMAlS eiN buNdeSligASTAdiON zu öFFNeN. "KICK AND READ" war das Motto, das knapp drei Dutzend türkische und deutsche Schriftsteller in Hamburg zusammen führte. In Kooperation mit dem renommierten "Harbourfront Literaturfestival" verwandelte sich das Allerheiligste, die Südtribüne des Millerntorstadions, zeitweise in Hamburgs größte Lesebühne. Der sportliche Teil war auf dem historischen Geläuf vorher schnell geklärt. Mit 7:1 erteilte die von Jörg Berger betreute deutsche Mannschaft den türkischen Gästen geradezu eine Lehrstunde. Besonders Torjäger Moritz Rinke zeigte sich gut aufgelegt und verwertete gleich drei der vielen schönen Kombinationen in Manier eines klassischen Torjägers. Beim Duschen war anschließend Eile geboten, denn kaum nach Abpfiff verwandelten sich die Heim- und Gästekabinen in literarische Salons - ebenso wie der Pressekonferenz-Raum, die Mixed-Zone und zahlreiche VIP-Logen des FC St. Pauli. Zehn Bühnen wurden parallel zum Spielfeld junger deutscher und türkischer Gegenwartskunst: Erst Fußball, dann Theater, Film, Lesung und Konzert - mehr Kultur geht nicht in ein Stadion. Für die Zuschauer keine leichte Wahl, zumal die türkische Mannschaft mit einigen Stars angereist war, die ihr Publikum auf deutschem Boden sonst nie live erlebt: Grand-Prix-Teilnehmer Harun Tekin beispielsweise oder Rock-Star Hayko Cepkin, die bei einem improvisierten Schlusskonzert unplugged im großen Saal der Tribüne vor allem ihre jungen und weiblichen Fans begeisterten.

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riumph auf Roter Erde AuCH deR AuTOReNFuSSbAll iST eiN SPiel MiT zweiuNdzwANzig SPieleRN uNd eiNeM bAll - uNd AM eNde gewiNNT deuTSCHlANd. SO zuMiNdeST deR eiNdRuCK NACH deM "RuHR.liT.CuP 2010", deR OFFizielleN AuTOReN-euROPAMeiSTeRSCHAFT iN uNNA. Die deutsche Mannschaft nutzte ihren Heimvorteil und wurde erstmals Europameister. Das im Rahmen der RUHR.2010 von der Stadt Unna und der DFB-Kulturstiftung ausgerichtete Turnier führte die sieben besten europäischen AutorenTeams zusammen, darunter den dreimaligen Europameister Schweden. Für die Region vor allem ein literarischer Genuss: Zwei abendfüllende Lesungen umkreisten die Sujets "Balzen und Bolzen" - für die meisten der eingeladenen Autoren aus Österreich, Ungarn, Schweden, England, Italien und erstmals der Türkei offenbar heimisches Terrain. Und letztere hatte die herbe Niederlage vom Millerntor so motiviert, dass sie bei ihrer ersten Teilnahme an einem großen Autoren-Turnier gleich ins Finale durchmarschierte. Nachdem das deutsche Team sich im Halbfinale mit 4:0 glanzvoll ge- gen Titelverteidiger und Favorit Schweden durchsetzte, kam es im Finale also zur Revanche für Hamburg. Dort wurde Torhüter Albert Ostermaier zum Helden des Tages. Nachdem es im historischen Dortmunder Stadion "Rote Erde" trotz bester deutscher Chancen am Ende 0:0 stand, kam das unvermeidliche Elfmeterschießen - und die Sternstunde für den ganz in existenzialistischem Schwarz gekleideten Torhüter, Kahn-Bewunderer, Kleist- und Brecht-Preis-Träger. Im Showdown mit Moosty Öztürk behielt er die Nerven und bescherte seinem Team mit einer höchst ansehnlichen Parade den Titel des Europameisters. "Schöner als der Literatur-Nobelpreis", entschlüpfte es ihm im anschließenden Siegestaumel vor laufenden Kameras. held im elfmeterschiessen: torhüter albert ostermaier mit claudia roth FuSSbAllkultur triumPh auf roter erde

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FuSSbAllkultur der bundestrainer und die buchmesse Der Bundestrainer und die Buchmesse lang war der Messesaal "Europa" bis zum Rand gefüllt. Besonders erfreulich: Die weit mehr als tausend Messebesucher boten genau den bunten Querschnitt der Menschen hohe Prominenz aus fussball und Kultur (von oben): dfb-integrationsbeauftragte gül KesKinler, dr. theo zwanziger, jocelyn smith mit band, bundestrainer jogi löw und die fussballProfis ümit özat (1. fc Köln) und ömer toPraK (sc freiburg) und Erdal Keser (früher Borussia Dortmund) über "Grenzgänger - Spieler und Trainer zwischen beiden Ländern" diskutierte. Er selbst war zwischen 1998 und 2001 als Trainer in der Türkei tätig. Umjubelt von Landsleuten waren auch das deutsch-türkische Sängeridol Muhabbet und der Schriftsteller und Komponist Zülfü Livaneli, der mehr Autogramme zu schreiben hatte als so mancher Nationalspieler. In Stille gebannt waren alle im Saal bei Prosa und Gedichten von Feridun Zaimoglu und Albert Ostermaier. einer modernen Metropole wie Frankfurt: Deutsche, türkischstämmige und türkische Jugendliche, Kinder und Erwachsene lauschten, lachten und klatschten der von Kulturstaatsminister Bernd Neumann eröffneten und ZEIT-Chefredakteur Moritz Müller-Wirth moderierten Veranstaltung zu. Auch die Initiatorin war angetan. Claudia Roth hatte die Idee, anlässlich des Messe-Ehrengastes Türkei zu einem fußballkulturellen Fest einzuladen. Vom Erfolg war sie am Ende vielleicht sogar selbst ein bisschen überrascht. Das Programm überzeugte nicht nur die Zuschauer, sondern am Ende sogar die Kritiker von Bild bis FAZ. Sicher nicht alltäglich. Schon alltäglich der Trubel um Bundestrainer Löw, der Mühe hatte, sich durch Menschentrauben seinen Weg zur Podiumsdiskussion zu bahnen, in der er gemeinsam mit Ümit Özat (1. FC Köln), Ömer Toprak (U 19Europameister vom SC Freiburg) Die Frankfurter Buchmesse hat sie alle gesehen: Autoren, Verleger, Künstler, Kulturschaffende. Bundespräsidenten und Literaturnobelpreisträger. Sie gilt als die größte Bücherschau der Welt. Am Tag ihrer 60-Jahr-Feier, dem 18. Oktober 2008, feierte sie dann aber doch noch ein Debüt: Auf Einladung der DFB-Kulturstiftung gab sich mit Jogi Löw erstmals ein Fußball-Bundestrainer die Ehre. Anlass für den prominenten Besuch war die Veranstaltung "Deutschland Türkei - Türkiye Almanya! Fußballbegeisterte Länder". Unter diesem Motto stand ein umfangreiches Bühnenprogramm im Zeichen der Integration und der Fußballkultur mit Schriftstellern, Künstlern, Musikern, Spielern und Trainern aus beiden Ländern. Und das mit einigem Erfolg. Rund sechs Stunden Und lieferten damit ein anschauliches Beispiel für die Auffassung von DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, der in "Fußball, Musik und Kultur optimale Möglichkeiten für das Gelingen von Integration" erkannte, "wenngleich es dafür noch harter Kärrnerarbeit bedarf. Aber es gibt keine ehrliche Alternative zu diesem Weg." Eine Auffassung, die auch Claudia Roth in einem Podiumsgespräch bekräftigte: "Das, was wir hier in diesem Saal erleben, ist ein gutes Bild für das Deutschland von heute. Wenn ich sehe, was der Fußball zu einem friedlichen Miteinander beiträgt, da muss sich die Politik sehr anstrengen."

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"Der DFB wagt hier etwas Neues." Frau Roth, dass Sie sich auch für Fußball interessieren, ist erst seit kurzem der breiteren Öffentlichkeit bekannt. Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Fußball beschreiben? Die liegt zwischen hochemotional und unendlich fußballbegeistert, schon als Kind durfte ich meinen Vater ins Stadion begleiten! Ich gucke wahnsinnig gerne Fußball - im Stadion, beim Public Viewing oder im TV. Besonders wenn offensiv gespielt wird wie bei Jogi Löw. Und natürlich die Frauen-WM, mit der sich spätestens jetzt auch Mädchen und Frauen diesen tollen Sport breit erobert haben. Sie gehören zum Gründungskuratorium der DFB-Kulturstiftung. Warum dieses Engagement? In der Stiftung sind tolle Leute dabei wie Albert Ostermaier, Moritz Rinke aus der Autoren-Fußballnationalmannschaft und viele andere. Der DFB wagt hier etwas Neues und ich finde das spannend. Die Überschneidungen von Fußball und Kultur sind vielfältiger als man es auf den ersten Blick zu sehen meint. Für das deutsch-türkische Fußball- und Kulturfest zur Frankfurter Buchmesse haben Sie sich Sie haben als Theaterdramaturgin und Musikmanagerin gearbeitet. Was verbindet Kultur und Fußball - und was trennt sie? Früher stand das Trennende im Vordergrund, Grenzziehungen zwischen "hoher Kultur", was die Welt von Literatur oder Theater sein sollte, und angeblich nur "niederen Vergnügungen" im Fußball. Heute gibt es Crossover: Die größten Intellektuellen outen sich als Fußballfans. Und Trainer wie Hans Meyer haben tolle Antennen für Theater und Literatur. Für mich ist Fußball Kunst, und die anderen Kunstarten müssen etwas von der Fußballdynamik haben, wenn sie mir gefallen sollen. Sie engagieren sich auch im Umweltbeirat der FIFA Frauen-WM 2011(TM) und der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Sind diese Ämter vielleicht der Einstieg in eine neue Karriere als Fußballfunktionärin? Meine Arbeit in der Politik macht mir riesig Spaß, da steht kein Wechsel an. Aber beim DFB ist etwas in Bewegung gekommen, und Präsident Zwanziger treibt Themen wie Nachhaltigkeit und Umwelt, Integration, Kultur und den Kampf gegen Rassismus engagiert voran. Das ist vorbildlich, und ich freue mich, mittun zu können. persönlich sehr stark eingebracht. Was war Ihnen wichtig an dieser Veranstaltung? Ich bin seit über 20 Jahren mit vielen Menschen in der Türkei befreundet und unterstütze ihr Engagement für Menschen- und Minderheitenrechte. Viele von diesen Menschen sind Kulturschaffende mit einer großen Fußballbegeisterung. Von daher weiß ich, wie wichtig Fußball für die Verständigung zwischen beiden Ländern ist und welche Rolle er auch bei der Integration hier in Deutschland spielen kann. claudia roth ist BundesVorsitZende Von Bündnis 90/ die grünen. 2007 gehörte sie Zu den gründungsKuratoren der dfB-Kulturstiftung. als mitglied im Kuratorium der frauen-wm 2011 und sPrecherin des umweltBeirats setZte sie sich u. a. im rahmen des umweltProgramms "green goal" für eine Klimafaire weltmeisterschaft ein. seit 2011 ist sie mitglied in der dfB-Kommission nachhaltigKeit. FuSSbAllkultur fünf fragen an claudia roth

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FuSSbAllkultur schillers fussballverrücKte erben Schillers fußballverrückte Erben MARbACH, die gebuRTSSTAdT VON FRiedRiCH SCHilleR, iST FüR die deuTSCHe liTeRATuR eiN FAST MyTHiSCHeR ORT, KAuM ANdeRS AlS SAN SiRO, weMbley OdeR CAMP NOu iM FuSSbAll. dAS liTeRATuRARCHiV MARbACH beHeRbeRgT die bedeuTeNdSTe SAMMluNg VON ORigiNAldOKuMeNTeN deR deuTSCHeN liTeRATuRgeSCHiCHTe. dASS eS gleiCHzeiTig eiN HöCHST lebeNdigeR ORT iST, bewieS eiN dReiTägigeS FeSTiVAl VOR deM FiNAle deR euROPAMeiSTeRSCHAFT 2008. Tagung, Lesung und Turnier - einen Dreiklang rund um das spannende Verhältnis von Fußball und Literatur bot die gemeinsame Veranstaltung der DFB-Kulturstiftung und des Deutschen Literaturarchivs Marbach unter dem Titel "Kopf- und Fußbälle". Zu Beginn der akademische Teil: Die Frage nach der Literaturgeschichte des Fußballs stand im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Tagung, die sich auf Spurensuche in der deutschen, tschechischen und österreichischen Literatur von Ringelnatz und Kisch, über Ror Wolf und Henscheid bis hin zu Thomas Brussig begab. Da passte es gut, dass die jüngste Generation fußballbegeisterter Autoren höchst selbst angereist war, die deutsche Autoren-Nationalmannschaft nämlich. Albert Ostermaier, als Träger des Kleistund des Brechtpreises hoch dekorierter Vertreter der jüngeren deutschen Literatur, vermachte dem Literaturarchiv bei dieser Gelegenheit ein Geschenk von hoher Symbolkraft. Ein Paar Torwarthandschuhe, gespielt und original mit Fußball-Gedichten aus seiner Feder versehen, sind nun offizieller Teil des kulturellen Erbes der deutschen Literaturgeschichte. Unter den konstanten klimatischen Bedingungen des Archivdepots in einem säurefreien Karton verwahrt für die literarische Nachwelt. Die Abende im Humboldt-Saal des Archivs gehörten natürlich dem Literaturpublikum. Neben dem Freiburger Autor und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, der aus seinem Buch "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell" las, trugen die Autoren-Nationalspieler - zur Freude der Zuschauer wieder einmal betreut von ihrem fast ebenbürtig zungenfertigen Coach Hans Meyer - aus ihren Werken vor. Wesentlich handfester ging es dann wieder auf dem örtlichen Sportplatz des FC Marbach zu. Acht mehr oder weniger intellektuell geprägte Teams, unter ihnen auch die "Sportfreunde Schiller", das Team des Literaturarchivs, spielten auf dem Kleinfeld um die Meisterschaft des Schillerstädtchens. Die gewann am Ende ganz prosaisch die Altherren-Mannschaft des FC Marbach im Elfmeterschießen gegen die Autoren-Nationalmannschaft. Torhüter Albert Ostermaier hätte seine Handschuhe vielleicht nicht zu voreilig dem Archiv vermachen sollen.

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Im Zeichen des Kap zuNeHMeNd weRdeN gROSSe iNTeRNATiONAle SPORTVeRANSTAlTuNgeN AlS CHANCe begRiFFeN, SiCH MiT deR KüNSTleRiSCHeN uNd KulTuRelleN VielFAlT VON läNdeRN zu beSCHäFTigeN, die SONST KAuM wAHRgeNOMMeN weRdeN. deR "CuP OF CulTuReS" iM HAuS deR KulTuReN deR welT iN beRliN NuTzTe die FiFA wM 2010(TM) zu eiNeR ATTRAKTiVeN KOMbiNATiON: HOCHKARäTige MuSiKeR uNd SCHRiFTSTelleR AuS (Süd)AFRiKA begeiSTeRTeN die zuSCHAueR RuNd uM die liVe-übeRTRAguNgeN deR wM-SPiele. Der Fußball hat die deutsche Sprache um einige Wörter bereichert. "Fanmeile" ist eines davon, das von der Gesellschaft für deutsche Sprache sogar zum "Wort des Jahres" 2006 gewählt wurde. Mit "Public Viewing" hat spätestens seit der FIFA WM 2006(TM) ein anderer Anglizismus Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gefunden, nachdem hunderttausende Menschen das öffentliche gemeinsame Fußballschauen außerhalb der Stadien, aber meist unter freiem Himmel als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls entdeckten. Der "Cup of Cultures" griff die neue Erlebnisfreude anlässlich der WM in Südafrika unter kulturellem Blickwinkel auf: Ziel des Festivals war die Verbindung der globalen Dimension des Fußballs mit aktuellen Fragen der (süd-) afrikanischen Kulturen, Politik und Gesellschaft. Für vier Wochen wurde die als "schwangere Auster" bekannte Veranstaltungsschüssel zu einer Art "Kulturstadion", in der die fußball- und kunstinteressierten Berliner schnell den Platz ihrer Wahl entdeckten. Mehr als 17.000 Besucher strömten zu den LiveÜbertragungen der WM-Spiele auf der Großbildleinwand und natürlich zu den attraktiven Rahmenveranstaltungen. Musik und Wort - so die Schwerpunkte des Programms. Konzerthighlight auf der Dachterrasse war der Auftritt der südafrikanischen Kultband Freshlyground, die zusammen mit dem kolumbianischen Superstar Shakira den offiziellen WM-Song "Waka Waka" veröffentlicht hatte. Aber auch das legendäre Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou aus Benin sowie zahlreiche weitere Auftritte von Künstlern aus Angola, Südafrika und Mali gaben mit Funk, House, Rap und Pop einen Eindruck von der überaus vitalen Musikszene des afrikanischen Kontinents. Einen Einblick in verschiedene junge Literaturszenen Afrikas bot das Wortprogramm mit Storytelling bis hin zu Spoken Word Performances. Und wer sich lieber ganz auf den Fußball konzentrieren wollte, kam in den Genuss von nicht alltäglichen Expertengesprächen: Statt Netzer und Delling analysierten Wissenschaftler und Psychologen, Filmemacher und Autoren die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent. Und waren einig, dass die Kombination von Live-Fußball und hochkarätiger Kultur auch bei kommenden Turnieren eine Chance verdient. FuSSbAllkultur im zeichen des KaP

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FuSSbAllkultur fussball auf der leinwand Fußball auf der Leinwand Jedes Frühjahr, gegen Ende März, ist es soweit. Dann rollt das internationale Filmfestival "11mm" wieder den grünen Kunstrasen vor dem traditionsreichen Kino Babylon in Berlin-Mitte aus und stellt den neuen Fußballfilm-Jahrgang vor. Ein Jahr lang haben sich die Festivalmacher weltweit auf die Suche gemacht nach den besten Neuerscheinungen des Genres. 2011 fand das Festival schon zum achten Mal statt, mit stetig wachsender Publikumsresonanz. Dass sie immer wieder auf so viele hochkarätige Neuerscheinungen stoßen, ist angesichts der Menge der Produktionen kaum verwunderlich. Schon 2006 verzeichnete Jan Tilman Schwabs internationales Lexikon des Fußballfilms "Fußball im Film" rund 1.500 Titel. Jedes Jahr kommen viele dutzend Neuerscheinungen dazu. Und auch die früher eher im Verborgenen blühende Fußballbegeisterung ganzer Regisseurgenerationen von Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog bis Sönke Wortmann ist heute kein Geheimnis mehr. Dass der Fußballfilm als Genre trotzdem bei den Filmkritikern viele Jahrzehnte lang in einem schlechten Ruf stand und auch heute teilweise steht, stört Birger Schmidt, Gründer und einer der Leiter des "11mm"-Fußballfilmfestivals, nicht: "Der Fußballfilm ist zu einer eigenen sehr, sehr vielfältigen Gattung von zum Teil hoher künstlerischer Qualität geworden und ,11mm' hat sich zu einem festen Bestandteil der Festival-Landschaft entwickelt. Das spricht eindeutig für den Fußballfilm." FAST SO AlT wie dAS SPiel SelbST iST deR geFilMTe FuSSbAll. 1898 STANd die eRSTe KAMeRA AM SPielFeldRANd deR eNgliSCHeN eRSTligAbegegNuNg blACKbuRN ROVeRS gegeN weST bROMwiCH AlbiON. zwei MiNuTeN deR AuFNAHMe SiNd übeRlieFeRT. HeuTe iST die VielFAlT deS FuSSbAllFilMS FAST uNübeRSCHAubAR. MiT deM iNTeRNATiONAleN FuSSbAllFilMFeSTiVAl "11MM" uNd AuSgewäHlTeN FilMPROduKTiONeN FöRdeRT die dFb-KulTuRSTiFTuNg eiN SPANNeNdeS uNd iNNOVATiVeS MediuM deR FuSSbAllKulTuR.

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dem Ziel, der Fußballkultur durch Ausstellungen, Lesungen oder Theaterabende neue Impulse zu verleihen, wurde der Verein "Brot und Spiele" gegründet und präsentierte zum Debüt des Festivals elf englische Fußballfilme. Ein Jahr später wurden bereits Filme aus mehreren europäischen Ländern ins Programm aufgenommen und Diskussionsrunden organisiert. Nach acht Jahren hat das mit viel Herzblut gestaltete Festival ein Stammpublikum von mehreren tausend Besuchern und ist für die einschlägige Szene von Kino- und Fußballfans zu einem beliebten Come-Together geworden. Deutschland- und Weltpremieren werden gezeigt, prominente Regisseure, Schauspieler, Trainer und Spieler geben sich die Ehre. Trotz der stetig wachsenden Dimensionen hat das fünftägige Festival seinen Charme behalten: Vor jedem Film wird das Publikum von einem der Festivalmitarbeiter persönlich begrüßt und eingestimmt. Eine schöne Tradition. Höhepunkt und Abschluss ist traditionell die Verleihung des Publikumspreises, der "Goldenen 11". Dass das Publikum ein feines Gespür für fußballkulturelle Entwicklungen hat, wurde 2008 deutlich, als überraschend die Regisseurin Britta Becker mit ihrem Dokumentarfilm "Die besten Frauen der Welt" über die deutsche Nationalmannschaft bei der Frauen-WM 2007 in China die Auszeichnung gewann. Er lag knapp vor der Frauenfußball-Doku "Football under Cover" über das Spiel eines Kreuzberger Teams gegen die iranische Frauen-Nationalmannschaft in Teheran. Nach dem Schwerpunktthema "Fußball in der DDR" 2009 ging "11 mm" 2010 mit ausgewählten Fußballfilmen aus Afrika und mit Hilfe der DFB-Kulturstiftung erstmals auf Deutschlandtournee mit zwei- bis dreitägigen Regionalfestivals, u. a. im Dortmunder SignalIduna-Park. 2011 machte "11mm on tour" im Rahmen des stiftungseigenen Programms SPIELRAUM 2011 in den neun Austragungsstädten der FIFA Frauen-WM 2011(TM) Station. filmen sieht Birger Schmidt in einer veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Wahrnehmung des Fußballs auf Seiten der Filmemacher, aber auch des Publikums: "Die erstaunliche Vielfalt der Filmthemen macht deutlich, dass das gesellschaftliche Phänomen ,Fußball' inzwischen weit über seine historische Dimension hinausgewachsen ist. Die Filme zeigen die reichen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe des Sports, der an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit Norm und Rebellion, Reichtum und Armut, Gemeinschaftsgefühl und Fanatismus bedeuten kann. Auch die Zuschauer sind inzwischen bereit, sich auf Fußballfilme, auf Fußball- Fußball ist eines der wenigen verbliebenen übergreifenden Themenfelder der Gesellschaft und damit auch eine Basis für interkulturelles Lernen. (Festivalleiter Birger Schmidt) filmstoffe einzulassen. Und es werden inzwischen auch gute Geschichten erzählt. Es gibt wunderschöne Bilder, Akteure für die man große Sympathien oder Antipathien hegt, es gibt Siege, Triumphe, bittere Niederlagen, tragische Helden - es ist in beidem alles gegeben. Fußball ist eines der wenigen verbliebenen übergreifenden Themenfelder der Gesellschaft. Überall auf der Welt spricht Fußball die gleiche Sprache - und ermöglicht deshalb den filmischen Zugang zu Problemen und Lebensweisen, ist somit auch eine Basis für interkulturelles Lernen." Tatsächlich haben nicht zuletzt seit dem enormen Erfolg von Sönke Wortmanns Fußballfilmen über die Weltmeisterschaften 1954 ("Das Wunder von Bern", 2004) und 2006 ("Deutschland, ein Sommermärchen") Regisseure und Schauspieler ihre Berührungsängste mit dem Thema Fußball als Folge der schlechten Reputation des Genres abgelegt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Kinofilm "Der ganz große Traum" (2011), in dem Regisseur Sebastian Grobler ein historisches Kapitel der Fußballgeschichte bearbeitet: Daniel Brühl spielt die Rolle des Braunschweiger Gymnasiallehrers Konrad Koch, der 1874 mit seinen Schülern das erste Fußballspiel in Deutschland spielte. Der Kampf des neuen Sports gegen das traditionelle Turnen wird hier zum Sinnbild für die ins Wanken geratende gesellschaftliche Schichtung des Kaiserreichs. FuSSbAllkultur fussball auf der leinwand Idee und Name des Festivals entstanden 2004. Mit Die Gründe für den wachsenden Erfolg von Fußball-

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FuSSbAllkultur fussball auf der leinwand Premierengäste bei "transnationalmannschaft": cacau, regisseur PhiliPP Kohl, dfb-vize-Präsident rolf hocKe und serdar tasci (v. l.) "transnationalmannschaft" Den Fußball als Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen hat in den letzten Jahren vor allem ein anderes Genre für sich entdeckt: den Dokumentarfilm. "Transnationalmannschaft", das Debüt der jungen Mannheimer Absolventen Philipp Kohl und Ali Badakhshan Rad, ist so ein Film. Ortstermin Stuttgart, 2. Dezember 2010. Wohl selten hat das Metropol-Kino einen derartigen Andrang erlebt wie an diesem Abend. Um den roten Teppich scharen sich die Kameraleute und Fotografen. Neben der Mannschaft der Stuttgarter Kickers sind mit Serdar Tasci und Cacau auch die beiden Nationalspieler des VfB Stuttgart und DFB-Integrationsbotschafter zur Filmpremiere von "Transnationalmannschaft" gekommen. Schließlich sind sie in gewisser Weise die Protagonisten des Films, obwohl sie persönlich gar nicht vor der Kamera standen. Aber sie waren Teil jener deutschen Nationalmannschaft, die bei der FIFA WM 2010(TM) in Südafrika zum internationalen Symbol für einen neuen multikulturell geprägten und attraktiven deutschen Fußballstil geworden sind: Elf Spieler des deutschen WM-Kaders in Südafrika hätten auch für andere Nationen spielen können. Aber sie sind Deutsche und spielten für ihr Heimatland. Und wie das ganz konkret in Deutschland wahrgenommen wird, haben die beiden Filmemacher in den multiethnisch geprägten Mannheimer Stadtvierteln Jungbusch und Filsbach filmisch dokumentiert, Viertel mit einem Migrantenanteil von über 60 Prozent. Der Film beobachtet das Verhältnis der Bewohner zur deutschen Nationalmannschaft während der WM und fragt nach, was sie unter Heimat und Nation verstehen. Er lässt den Zuschauer Deutschland durch ihre Brille sehen. Entstanden ist ein "Heimatfilm", der den heutigen Realitäten in deutschen Großstädten gerecht wird und den Fußball feiert. "Als mir Freunde erzählten, dass wirklich alle Menschen in Deutschland, egal ob deutscher, griechischer, italienischer, türkischer oder anderer Herkunft, hinter unserer Mannschaft stehen, hat uns das unglaublich motiviert", schilderte Serdar Tasci, im schwäbischen Esslingen als Sohn türkischer Eltern geborener Nationalspieler, nach dem Film seine Eindrücke und hofft, dass das Vorbild des Fußballs auch in der Gesellschaft Schule macht: "Für Deutschland stehen Spieler unterschiedlicher Herkunft in einer Mannschaft. Man ist füreinander da. So sollte es überall sein, auch auf der Straße und in der Gesellschaft." "Man ist füreinander da. So sollte es überall sein, auch auf der Straße und in der Gesellschaft." Nationalspieler Serdar Tasci

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Einen völlig anderen dokumentarischen Ansatz verfolgt der ebenfalls von der DFB-Kulturstiftung geförderte abendfüllende Film "Tom meets Zizou - kein Sommermärchen". Mehr als acht Jahre lang zwischen 2003 und 2011 verfolgte Grimme-Preisträger Aljoscha Pause den fußballerischen und persönlichen Lebensweg von Fußballprofi Thomas Broich und nahm dabei über 100 Stunden exklusives Film-Material auf. Entstanden ist eine Fußballdokumentation, wie es sie so noch nicht gegeben hat. Schon als 22-jähriges Talent, das beim Zweitligisten Wacker Burghausen für Furore sorgt, gilt Thomas Broich als der "etwas andere Fußballprofi". Nicht nur sein ausgeprägtes Ballgefühl, sein intuitives Erfassen von Spielsituationen und seine öffnenden Pässe zeichnen den offensiven Mittelfeldspieler aus, sondern auch der offensive Umgang mit seinen vielfältigen Interessen außerhalb des Rasenvierecks. Klassische Musik, Theater, Philosophie, anspruchsvolle Literatur: all das fasziniert den talentierten Klavierspieler und Gitarristen. Schnell macht der Boulevard ihn zum "Mozart des Fußballs" und Broich, inzwischen in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach gewechselt und gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger, Philip Lahm und Lukas Podolski ein Hoffnungsträger des deutschen Fußballs, spielt das Spiel mit. Halb naiv, halb bewusst gefällt er sich in der Rolle des Fußballintellektuellen. Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Verletzungen, Formkrisen und Konflikte mit seinen Trainern. Broich muss schmerzlich feststellen, wie die Branche auf Schwächen reagiert. Er gerät an den Rand einer "Fußballdepression" (O-Ton Broich) und findet erst am anderen Ende der Welt, als Meister der australischen Premier League, mit 30 Jahren den distanzierten Blick auf eine im sportlichen Sinne unvollendete Karriere. Ein Blick zurück, der nicht immer leicht fällt. Auch Regisseur Aljoscha Pause und vielen Wegbegleitern wie Trainer Michael Oenning nicht, die nach der Weltpremiere des Films am 28. März 2011 im Applaus der Zuschauer des Filmfestivals "11mm" stehen. Das Publikum wählt den Film am Ende zum drittbesten Festivalbeitrag und dokumentiert eindrucksvoll, wie stark auch dieser Jahrgang wieder gewesen ist. Und dann beginnt sie schon wieder, die weltweite Suche nach Das Publikum von "11mm" freut sich schon heute darauf. In acht Jahren dreht GrimmePreisträger Aljoscha Pause mehr als 100 Stunden Material. Entstanden ist eine Fußballdokumentation, wie es sie so noch nicht gegeben hat. thomas broich und aljoscha Pause in australien FuSSbAllkultur fussball auf der leinwand "tom meets ZiZou" den besten Fußballfilmen des Jahrgangs 2011/12.

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FuSSbAll uNd gesellschaft "Verlasst euch darauf: Diese jungen Menschen sind anders" JedeS JAHR iM dezeMbeR FliegeN deuTSCHe NATiONAlSPieleRiNNeN uNd NATiONAlSPieleR NACH iSRAel. iN deR HOlOCAuST-gedeNKSTäTTe yAd VASHeM STelleN Sie SiCH deR geSCHiCHTe iHReS HeiMATlANdeS. uNd AuF eiNMAl RüCKT deR FuSSbAll gANz weiT iN deN HiNTeRgRuNd.

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FuSSbAll uNd gesellschaft dfb-Kulturstiftung

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FuSSbAll uNd gesellschaft diese jungen menschen sind anders SPüRbARe bedRüCKuNg: die u 18-NATiONAlSPieleR iN yAd VASHeM STeFFi JONeS uNd dR. THeO zwANzigeR STudieReN eRSCHüTTeRNde dOKuMeNTe Der 15. Dezember 2010 ist ein schöner milder Winter- JedeS JAHR iM dezeMbeR FliegeN deuTSCHe NATiONAlSPieleRiNNeN uNd NATiONAlSPieleR NACH iSRAel zu eiNeM iNTeRNATiONAleN JuNiOReNTuRNieR. Sie TRAiNieReN uNd SPieleN FuSSbAll. MiNdeSTeNS ebeNSO wiCHTig AbeR iST dAS, wAS NebeN deM FuSSbAllPlATz geSCHieHT. die JuNgeN FRAueN uNd MäNNeR leRNeN die geSCHiCHTe uNd gegeNwART eiNeS FASziNieReNdeN lANdeS KeNNeN. iN deR HOlOCAuST-gedeNKSTäTTe yAd VASHeM STelleN Sie SiCH AuCH deR geSCHiCHTe iHReS HeiMATlANdeS. uNd AuF eiNMAl RüCKT deR FuSSbAll gANz weiT iN deN HiNTeRgRuNd. tag. Als sich die Mannschaften am frühen Vormittag treffen, liegt der Vorplatz von Yad Vashem schon in der Sonne. Kaum zu glauben, dass hier am Wochenende noch ein Sandsturm tobte, der den Flieger der deutschen Teams zum Umkehren zwang. Heute ist der Himmel über den Hügeln von Jerusalem so blau wie die Trainingsanzüge der Israelis. Am Vortag haben sie noch gemeinsam auf dem Fußballplatz gestanden, 4:1 haben die Spielerinnen aus Deutschland gewonnen, die jungen Männer sogar 7:0. Hätten sie nicht diese Trainingsanzüge an - rote und schwarze die Deutschen, ihre israelischen Altersgenossen in diesem schönen Blau - dann könnte man sie für ganz normale Schulklassen halten, wie sie jeden Tag zu Dutzenden vor der Holocaust-Gedenkstätte warten, die wie die ganze Stadt aus diesem wunderschönen gelblich-weißen JerusalemStein gebaut ist. Aber es sind Fußballmannschaften, die besten Nachwuchsspieler und -spielerinnen ihres Landes. Die U 17- und U 18-Nationalmannschaften des DFB und des Israelischen Fußball-Verbandes. Vor wenigen Tagen sind die DFB-Teams zu einem knapp einwöchigen Turnier eingetroffen, bereits zum dritten Mal

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will es eine Vereinbarung. Das milde Klima bietet auch im Winter beste Spiel- und Trainingsbedingungen. Aber allein die prominente Delegation um DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger und OK-Chefin Steffi Jones, die nun die Ausstellung der Gedenkstätte betreten, lässt erahnen, dass es sich um mehr als eine sportliche Mission handelt. Die jungen Frauen und Männer wissen, dass sie auf dieser Reise auch als Repräsentanten ihres Landes wahrgenommen werden. Bereits vor dem Abflug hat die DFB-Kulturstiftung in Frankfurt zu einem Vorbereitungsabend eingeladen. Thema: Israel gestern und heute, mit Schwerpunkt auf der deutsch-israelischen Fußballgeschichte. Auch über Julius Hirsch wurde gesprochen, den deutschen Nationalspieler jüdischen Glaubens, der fast im gleichen Alter wie die Spieler heute, mit 19 Jahren, das Trikot mit dem Adler überstreifte. 1943 wurde er im KZ Auschwitz ermordet. In kleinen Gruppen werden Spieler durch die Ausstellung geführt. Es gibt nur einen Weg, den alle Besucher bis zum Ende gehen müssen. Immer wieder kreuzt er die zentrale Betonschlucht, die gegen Ende hin enger wird und nur einen schmalen Streifen Licht lässt. Zu Beginn steht eine Filminstallation, die das jüdische Leben Ende der 20er Jahre in Europa zeigt. Man sieht junge und alte Menschen auf den Plätzen der Städte tanzen und musizieren. Die jungen Frauen und Männer sind still geworden, alle, ob in Rot, Schwarz oder Blau. Konzentriert hören sie den Worten der Museumspädagogen zu, schauen in Vitrinen, sehen Hakenkreuzfahnen, erschütternde Fotos. Die Bedrückung ist bei jedem Einzelnen spürbar. Die Ausstellung endet mit der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten. Der Lichtspalt am Ende der Betonschlucht hat sich in eine Balustrade geweitet, von der aus die Jugendlichen über die waldigen Hügel von Jerusalem blicken. Er ist wie eine Befreiung. Noch immer fällt kaum ein Wort. "Verlasst euch darauf: Diese jungen Menschen sind anders", sagt DFB-Präsident Dr. Zwanziger später an die Israelis gerichtet. Diese DFB-Nationalspieler. Eine neue Generation. Sie haben sich - Deutsche wie Israelis - am Janusz Korczak-Denkmal für die Kinder versammelt und dort gemeinsam Blumengebinde niedergelegt. "Sie werden dazu beitragen, dass sich so etwas nie denfeindlichkeit und Antisemitismus." Im Anschluss steht die Besichtigung der Altstadt von Jerusalem auf dem Programm. Die Klagemauer, die Grabeskirche. Heute findet kein Training mehr statt. Später, in Tel Aviv, wohnen alle Mannschaften gemeinsam in einem Kibbuz. Sie trainieren und essen miteinander. Zwei Tage später findet eine große gemeinsame Party statt. Es wird gefeiert und getanzt. Nachher zeigen sie sich die Videos auf ihren Handys. Erinnerungen an Israel im Dezember. Für Dr. Zwanziger ist die jährliche Begegnung ein Fixpunkt im Jahreskalender. So eng es auch zugeht, der gemeinsame Besuch mit den Mannschaften in Israel hat höchste Priorität. Ende 2007 - das Los hatte die deutsche und israelische U 21 in der Qualifikation zur Europameisterschaft zusammengeführt - wurde die Idee geboren. Seitdem fährt jeder DFB-Nachwuchsjahrgang der U 18 im Dezember nach Israel. Manuel Neuer war dort, ebenso wie Sami Khedira und Mesut Özil. Rund 100 junge Männer und Frauen. Deutschlands Fußballnachwuchs. Die DFB-Kulturstiftung, die im gleichen Jahr gegründet wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Maßnahme zu gestalten und zu begleiten. "dieSe JuNgeN MeNSCHeN SiNd ANdeRS": dR. THeO zwANzigeR iM KReiS deR JuNiOReN-NATiONAlSPieleRiNNeN STARKeS SyMbOl: geMeiNSAMe KRANzNiedeRleguNg deR MANNSCHAFTeN AM JANuSz KORCzAK-deNKMAl FuSSbAll uNd gesellschaft diese jungen menschen sind anders seit 2008. Immer in der Woche vor Weihnachten, so wiederholen kann. Keine Toleranz für Rassismus, Frem-

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FuSSbAll uNd gesellschaft interview dr. zwanziger "Fußball ist ein Teil unserer kulturellen Identität" deR dFb-PRäSideNT dR. THeO zwANzigeR iM geSPRäCH übeR NATiONAlSPieleR iN iSRAel, KiCKeNde AuTOReN uNd die ROlle deR dFb-KulTuRSTiFTuNg.

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Dezember fliegen junge Nationalspielerinnen und -spieler nach Israel und besuchen die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Eine im Leistungssport einmalige Initiative. Wie kam es dazu? Warum wir das machen, ist ganz einfach: Weil es wichtig ist. Auf diesen Reisen lernen die jungen Menschen etwas über den Fußball, aber vor allem etwas über das Leben. Und sie lernen etwas über die gesellschaftliche Verantwortung, die sich aus dieser Vergangenheit für jeden Einzelnen ableitet. Deutscher Nationalspieler zu sein bedeutet auch, sich der deutschen Geschichte bewusst zu sein. Die Reisen nach Israel machen vielleicht nicht aus jedem Talent einen besseren Fußballer, aber vielleicht aus einigen Teenagern bessere Menschen. In wenigen Jahren wird die Erinnerung an den Besuch in Yad Vashem etwas Verbindendes für die meisten unserer Nationalspieler - Frauen und Männer - sein. Das wird in Israel mit hohem Respekt aufgenommen. Der eine oder andere meint, dass Sie den Fußball damit politisieren... Wenn damit gemeint ist, dass wir ihn nutzen, um demokratische und gesellschaftliche Werte zu vermitteln, dann tun wir das, ja. In der neuen Satzung des DFB ist klar definiert, wofür wir stehen: Dazu gehören Fair Play, Toleranz und Respekt, Integration und Völkerverständigung, aber auch Suchtprävention und Umweltschutz. Und die Förderung von Kunst und Kultur im Zusammenhang mit dem Fußball. Neben unseren Kernaufgaben - dem Breiten-, Nachwuchs- und Spitzenfußball - spielen die Werte- "Wo auch immer man auf der Welt hinkommt: Beckenbauer und Ballack kennt jeder. Da hat der Fußball den Dichtern und Denkern den Rang abgelaufen." vermittlung und die Unterstützung gesellschaftspolitischer Entwicklungen für den Verband eine wesentliche Rolle. Schließlich sind wir mit 6,7 Millionen Mitgliedern fest in der Gesellschaft verwurzelt. Was heißt das konkret? Wir wollen klare Botschaften vermitteln, insbesondere an die jungen Menschen. Wir machen deutlich, dass für Leute, die ausländerfeindliche oder antisemitische Parolen grölen, bei uns kein Platz sein darf. Fußball bringt die Menschen zusammen. Er grenzt nicht aus. Das ist im Grunde gar nicht so neu: Wer in die Geschichte schaut wird feststellen, dass der Fußball in seinen Ursprüngen ein zutiefst völkerverbindendes und friedenstiftendes Spiel ist. Dafür stehen viele der Fußballpioniere von Konrad Koch bis Walther Bensemann. ...der dem DFB 1900 seinen Namen gab, den Kicker und zahlreiche Traditionsvereine gründete. 1933 floh er vor den Nazis in die Schweiz. Traurigerweise das Schicksal einer ganzen Generation von jüSeit 2007 arbeitet die DFB-Kulturstiftung an diesen Themen. Wie beschreiben Sie die Rolle der Stiftung? Das Profil der Stiftung ist anspruchsvoll. Fußballgeschichte, Fußballkultur - das sind ganz neue, offene Gebiete. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass es erfolgreiche Kinofilme über das "Wunder dischen Fußballern und Funktionären wie auch Kurt Landauer, Gottfried Fuchs oder Julius Hirsch! Damals fehlte auch im DFB ein Wertekanon, der dazu hätte beitragen können, sich zu wehren, als die Nazis die jüdischen Spieler und Funktionäre aus den Vereinen warfen. Für uns Heutige kann es nur darum gehen, immer wieder daran zu erinnern, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir müssen diesen Gedanken der gesellschaftlichen Wertorientierung wieder aufnehmen, den die Gründer des Fußballs vertreten haben. Insofern ist diese Israelreise auch eng verzahnt mit dem Julius Hirsch Preis, den wir in Erinnerung an unseren jüdischen Nationalspieler ins Leben gerufen haben. Julius Hirsch wurde mit 19 Jahren Nationalspieler. Fast im gleichen Alter wie diese jungen Frauen und Männer heute. Ein Idol seiner Zeit. Die Nazis raubten ihm von einem auf den anderen Tag seine Würde als Mensch. Diese Geschichte wird von den jungen Menschen verstanden. FuSSbAll uNd gesellschaft interview dr. zwanziger Herr Dr. Zwanziger, jedes Jahr im

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von Bern" oder den nur wenigen Insidern bekannten Konrad Koch geben würde! Dass namhafte Philosophen, Historiker, Schriftsteller und Regisseure sich ernsthaft mit den Wechselwirkungen von Fußball und Gesellschaft befassen. Dass wir ein eigenes Fußballmuseum bekommen würden. Während der Weltmeisterschaft 2006 und dem Kulturprogramm von André Heller haben wir dann gemerkt, dass wir hier viele Menschen erreichen können, auch über den Fußball hinaus. Das hätte so mancher einem deutlich über 100 Jahre alten Verband nicht zugetraut... Ich wiederhole mich: Für mich ist das vielmehr eine historische Tradition, wenn auch mit erheblichen zeitgeschichtlichen Brüchen. Nehmen wir das Beispiel Integration. Alle reden über Özil, Khedira, Bajramaj. Zurecht. Aber die Fußballvereine waren schon in den 20er Jahren Schmelztiegel für viele Einwanderer. Ich denke an die Schalker Mannschaft um Szepan, Kuzorra, Tibulski, von denen man heute sagen würde, sie hätten einen Migrationshintergrund. Die Kulturstiftung hat eine kleine Jubiläumsausstellung zum ersten Länderspiel von 1908 gemacht. Ich war völlig überrascht über das eine oder andere Zitat aus der DFB-Spitze seinerzeit. Damals wurden Länderspiele nicht nur als sportliche Ereignisse, sondern als Feste internationaler Gesinnung begriffen. Das war kurz vor dem Ersten Weltkrieg! Diese Geschichte arbeitet die Stiftung also auf? Sie hilft dabei, wo es möglich ist. Dass ist ja das Bemerkenswerte, dass wir eine Strömung aufnehmen, Sind das nicht Spezialthemen für nur wenige Forscher und Spezialisten? Ich bin der Überzeugung, dass wir auch im Fußball aus der Geschichte lernen können. Wir müssen sie aber auch richtig vermitteln. Das Kino eignet sich dafür hervorragend, weil gut erzählte Filme die Menschen berühren. Das von der die von der Basis selbst kommt. Seit einigen Jahren hat sich da eine Szene von engagierten Fans und Autoren formiert. Überall in Deutschland. Die sind in die Zeitungsarchive gestiegen und haben die Geschichte ihrer Vereine oder bestimmter Persönlichkeiten wieder entdeckt, die schon so gut wie vergessen waren. Dazu gehört auch die Rolle des Fußballs im Dritten Reich. dr. theo ZwanZiger ist Präsident des Deutschen FußballBundes und Vorstandsvorsitzender der DFB-Kulturstiftung, deren Gründung 2007 maßgeblich auf seine Initiative zurück geht. Für sein Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurde der Jurist mehrfach ausgezeichnet. 2009 erhielt er als erster Sportfunktionär den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland. FuSSbAll uNd gesellschaft interview dr. zwanziger Stiftung unterstützte "11mm"-Filmfestival macht das jetzt schon im achten Jahr mit steigender Resonanz. Aber auch kleinere Projekte in der lokalen Bildungsarbeit werden unterstützt: Ausstellungen, Bücher, Lesungen, Projekte mit Schülern. Fußball ist nun einmal im kulturellen Raum angekommen - im Feuilleton, im Theater, in den Museen, an den Schulen. Die Diskussion über gesellschaftliche und kulturelle Werte des Fußballs wird ja nicht nur im Sportteil geführt. Im Gegenteil. Der österreichische Schriftsteller Franzobel hat ja schon scherzhaft spekuliert, dass so viele Intellektuelle über Fußball schreiben, damit sie in Zeiten schrumpfender Feuilletons überhaupt noch gedruckt werden... Und mittlerweile spielt dann auch noch eine Schriftsteller-Nationalmannschaft im DFB-Trikot... Das ist ein ungewöhnlicher Ansatz, sicher. Aber warum sollten wir in einer Kulturstiftung nicht auch mal experimentieren. Das sind junge, erfolgreiche Autoren und alle total fußballverrückt. Und sie bringen einen klugen und erfrischend distanzierten Blick auf den Fußball und zum Teil auch den Verband mit. Sie stehen mit ihren Spielen für die Ideale des Fußballs: Respekt, Integration, Völkerverständigung. Und sie sind großartige Botschafter für Deutschland, als Kultur- und Fußballnation. Fußball spielt ja heute eine ganz wichtige Rolle in der Außenwahrnehmung eines Landes. Ich gehe noch weiter: Fußball ist ein Teil unserer kulturellen Identität. Wo auch immer man auf der Welt hinkommt: Beckenbauer und Ballack kennt jeder. Da hat der Fußball den Dichtern und Denkern den Rang abgelaufen.

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als ihm noch alles glückt auf links den ball über die linie gedrückt das volk verzückt die kirsche gepflückt und gleich den holländern vier stück kein kick ohne zauber kein trick ohne fairplay nur toreheimweh gentlemen in kurzen hosen ganz ohne turnvaterjahnposen noch gibts keine hatz auf dem engländerplatz den rasen kurz geschoren haben sie sich dem sieg verschworen der nation juller läuft im laufschritt juller er hat die kugel er schiesst das eiserne kreuz auf der brust bricht ihm als stern das herz darunter er wird zu stein den aktenkoffer umklammert steht er den rücken nach vorn gebeugt am spielfeldrand den linken fuss schwingend verliert er sein gleichgewicht stürzt er aus dem zug in frankreich verrückt ohne fussball rast er ins leere trennt er sich mit einer täuschung von frau und kind wie von einem gegner läuft davon sie zu schützen ins messer verbannt auf den schrottplatz wartet er in seinem strafraum zu lange auf ein wunder die wende in letzter minute vor dem abpfiff schickt er eine karte abgestempelt als der zug schon abgefahren ist meine lieben bin gut gelandet es geht gut komme nach oberschlesien noch in deutschland herzliche grüsse und küsse euer juller steht vor einem tor nach dem es keine hoffnung gibt und keinen weg zurück ins spiel den rücken gebeugt über links wo sein herz noch immer pässe schlägt VON AlbeRT OSTeRMAieR Julius hirsch, geboren 1892 in Karlsruhe, gehörte Anfang des Jahrhunderts zu den populärsten Spielern im deutschen Fußball. Bereits mit 19 Jahren debütierte er in der deutschen Nationalmannschaft und nahm an den Olympischen Spielen 1912 teil. 1910 und 1914 gewann der schnelle und schussgewaltige Angreifer die Deutsche Meisterschaft. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann für Julius Hirsch ein schrecklicher Leidensweg, auf dem er gedemütigt, entrechtet, verfolgt und ermordet wurde. 1943 wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und kehrte nicht mehr zurück. Seit 2005 verleiht der DFB in seinem Gedenken jährlich den Julius Hirsch Preis. FuSSbAll uNd gesellschaft laufwege oder ode an julius hirsch laufwege oder ode an julius hirsch im sturm den rücken gebückt

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FuSSbAll uNd gesellschaft Aus der Geschichte lernen Aus der Geschichte lernen - Werte vermitteln dAS KulTuR- uNd bilduNgSPROgRAMM deR dFb-KulTuRSTiFTuNg

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tig ist", sagt Dr. Theo Zwanziger über die regelmäßigen Besuche der Junioren-Nationalspieler in Israel. "Sie lernen etwas über die gesellschaftliche Verantwortung, die sich aus dieser Vergangenheit für jeden Einzelnen ableitet." Wer den Nukleus dieses Geschichtsbewusstseins sucht, muss einige Jahre zurückblicken. Bis ins Jahr 2000. Da fasste das DFB-Präsidium den Beschluss zur unabhängigen Aufarbeitung der Verbandsgeschichte im Dritten Reich. Fünf Jahre später legte der Mainzer Historiker Dr. Nils Havemann die Studie "Fußball unterm Hakenkreuz" vor. Ein Standardwerk, das schnell zum Vorbild weiterer Vereinschroniken und Einzelstudien wurde. Das Ergebnis: Auch die Führungsspitzen des DFB und seiner Vereine ließen sich ab 1933 größtenteils bereitwillig für die menschenverachtenden Ziele der Nazis instrumentalisieren, aus Gleichgültigkeit, Opportunismus oder echter Überzeugung. Für den DFB markierte die Studie den Ausgangspunkt eines zukunftsorientierten, also im besten Sinne nachhaltigen Umgangs mit der (Fußball-)geschichte. Ein Ziel, in dessen Sinne 2007 auch die DFB-Kulturstiftung gegründet wurde. Aus der Erinnerung lernen, Werte für die Zukunft vermitteln - so ließe sich in programmatischen Worten ihre Arbeit auf diesem Gebiet zusammenfassen. Die Auseinandersetzung mit der Fußballgeschichte als Basis von kulturellen Bildungsprojekten, die sich nicht nur, aber auch an eine junge Generation von Fußballern und Fußballinteressierten richtet. Im Ergebnis steht die nachhaltige Vermittlung jener Werte, die damals fehlten: Demokratie und Völkerverständigung, der Respekt vor der Menschwürde jedes Einzelnen. Der Einsatz gegen Diskriminierung jeglicher Couleur, sei es Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie. Wer die Fußballgeschichte auch als Gesellschaftsgeschichte zu lesen versteht, findet eine Chronik von Ausschluss, Diskriminierung und Instrumentalisierung ebenso wie von Emanzipation, Integration und Teilhabe. Kontinuierlich haben sich Persönlichkeiten und Gruppen in der Vergangenheit und Gegenwart Verdienste um den Fußball erworben und ihn zu einem Spiel für alle gemacht. Menschen von unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe, verschiedenen Glaubens und sexueller Orientierung. Pioniere, Förderer und Bereicherer, deren jene jüdischen Spieler, Trainer und Funktionäre, deren Exodus im Dritten Reich für den deutschen Fußball mit dem kulturellen Verlust von Schriftstellern, Musikern, Malern, Regisseuren und Wissenschaftlern vergleichbar ist. Nach mehr als einem halben Jahrhundert werden ihre Spuren heute von lokalen und regionalen Forschern wieder entdeckt. Sie stehen beispielhaft für jene Menschen, die - zunächst an den Rand gedrängt und ausgegrenzt - sich ihre Teilhabe in diesem Sport erkämpft haben und ihn heute mitprägen: Migranten, Mädchen und Frauen, Schwule und Lesben, Behinderte. Die DFB-Kulturstiftung hat sich zum Ziel gesetzt, auch dieses Stück Fußball- und Gesellschaftsgeschichte zu dokumentieren und durch zeitgemäße Bildungsprojekte zu vermitteln. Sie unterstützt Menschen, deren Arbeit sich dieser Herausforderung widmet, ideell und finanziell. FuSSbAll - eiN SPORT FüR Alle FuSSbAll uNd gesellschaft Aus der Geschichte lernen "Warum wir das machen, ist ganz einfach: Weil es wich- Namen heute zum Teil vergessen sind. Beispielsweise

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FuSSbAll uNd gesellschaft dAs FörderproGrAmm der stiFtunG Das Förderprogramm der Stiftung MiT deR uNTeRSTüTzuNg VON PROJeKTeN AuF lOKAleR uNd übeRRegiONAleR ebeNe öFFNeT dAS FöRdeRPROgRAMM deR STiFTuNg RäuMe FüR die diSKuSSiON dARübeR, wAS deR FuSSbAll FüR eiNe NACHHAlTige geSellSCHAFTliCHe eNTwiCKluNg leiSTeN KANN. MeHR AlS 60 SOlCHeR iNiTiATiVeN wuRdeN geFöRdeRT. beiSPielHAFT FüR die VielFAlT deR KulTuRelleN AKTiViTäTeN iM FuSSbAll STeHeN AN dieSeR STelle SeCHS gANz uNTeRSCHiedliCHe MiT HilFe deR STiFTuNg ReAliSieRTe PROJeKTe. KiCKeR, KäMPFeR, legeNdeN - JudeN iM deuTSCHeN FuSSbAll Die 2006 vom Berliner Centrum Judaicum kuratierte Wanderausstellung portraitiert die herausragenden jüdischen Fußballpioniere: Walther Bensemann, Mitgründer und Namensgeber des DFB, Gründer des "Kicker". Kurt Landauer, langjähriger Präsident und Vater des modernen FC Bayern München. Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, Karlsruher Nationalspieler und Rekordtorjäger der 1910er Jahre. Die Wanderausstellung, die seit mehreren Jahren unter Federführung der Evangelischen Gedächtniskirche in der Gedenkstätte des KZ Dachau ununterbrochen durch Vereinsheime, Rat- und Gewerkschaftshäuser tourt, hält diese Erinnerung wach. deR bAll iST buNT. FuSSbAll, MigRATiON uNd VielFAlT deR ideNTiTäTeN iN deuTSCHlANd. Der Sammelband von Diethelm Blecking und Gerd Dembowski wirft einen Blick auf das kosmopolitisch geprägte Vereinsleben dieser Tage, in dem vielerorts ein Zusammenleben jenseits von Ausgrenzung, Rassismus und Geschlechterbarrieren stattfindet, verschweigt aber auch Probleme nicht. Neben Mirko Slomka und Mesut Özil kommt auch Patrick Owomoyela zu Wort: "Die Herkunft der Spieler spielt absolut keine Rolle. Fußball kann also weltweit jeder mit jedem spielen. Das ist das Phantastische am Fußball." HöRPOl - eRiNNeRuNgeN FüR die zuKuNFT Die Audioführung durch BerlinMitte für Jugendliche ab 14 Jahre erzählt an 27 Orten Geschichten über jüdische Vergangenheit, Mut und Respekt, von Freiheit und Liebe. Alle Texte sowie der zugehörige Stadtplan können kostenlos aus dem Internet herunter geladen werden. Die Texte werden von Schauspielern und Moderatoren gesprochen. Prominente Fußballer und Radioreporter erzählen von den jüdischen Wurzeln des Berliner Fußballs. 2010 wurde "Hörpol" mit dem Deutschen Bildungsmedienpreis ausgezeichnet.

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Im Mittelpunkt des Theaterstücks von Chris Chibnall steht George, Familienvater und Trainer des unterklassigen Teams Northbridge Town. Die Stadt steht Kopf, als das Los seiner Mannschaft ein Pokalspiel gegen den FC Liverpool beschert, doch alles läuft aus dem Ruder. Nach dem Spiel gesteht Darren Quinn, das 17-jährige Nachwuchstalent, George seine Liebe. Ein Kuss, ein Blitzlicht und ein Foto in der Zeitung, das einen Skandal auslöst. "Seitenwechsel" beschäftigt sich mit einem der letzten Tabuthemen im Fußball: Homosexualität. Nach erfolgreichem Start an den Hamburger Kammerspielen tourte das Ein-Personen-Stück mit Stefan Jürgens während der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011(TM) durch viele Austragungsstädte. SPuReNSuCHe AM bAll Unter diesem Motto macht sich eine 7. Klasse der Wolfram-EschenbachHauptschule Wiesbaden auf die Suche nach den jüdischen Wurzeln des Wiesbadener Fußballs. Gleichzeitig setzt das von der Jugendinitiative Spiegelbild des Aktiven Museums Spiegelgasse organisierte Projekt einen zweiten Schwerpunkt: Im Videoprojekt "Stolz" entwickeln Jugendliche des Jugendzentrums Wiesbaden-Biebrich einen Film zu den Themen Stolz, Ehre und Patriotismus. Er nimmt Bezug auf die Ausstellung "Kicker, Kämpfer und Legenden", in deren Rahmen die Bildungsprojekte stattfinden. SchuhgröSSe 37 - FrauenFuSSball in Ägypten, palÄStina, der türkei und deutSchland Für Frauen im Nahen Osten ist Fußball noch heute mehr als Sport, nämlich Ausdruck von Selbstbewusstsein und Emanzipation. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beschäftigt sich anlässlich der FIFA FrauenWM 2011(TM) in der Foto-Ausstellung "Schuhgröße 37" im KreuzbergMuseum mit diesem Thema. Im Mittelpunkt stehen die Portraits von Claudia Wiens, die Fußballerinnen in Ägypten, Palästina und der Türkei getroffen hat. Ergänzt wird die Ausstellung um "Berliner-Portraits" von jungen fußballbegeisterten Migrantinnen in der Hauptstadt. Sie ist zeitgleich auch in den Goethe-Instituten in Kairo, Oberägypten, Khartoum, Algier, Beirut, Damaskus, Ramallah und Amman zu sehen. FuSSbAll uNd gesellschaft dAs FörderproGrAmm der stiFtunG SeiTeNweCHSel

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FuSSbAllgeschichte Warum der Fußball auf seine Geschichte nicht verzichten kann FRANz-JOSeF bRüggeMeieR, PROFeSSOR FüR wiRTSCHAFTS-, SOziAl- uNd uMwelTgeSCHiCHTe AN deR uNiVeRSiTäT FReibuRg, STellT die FRAge, wAS eigeNTliCH die gRöSSe eiNeS FuSSbAllVeReiNS beSTiMMT. uNd eR SCHildeRT, wie die eTAblieRTeN geSCHiCHTSwiSSeNSCHAFTeN deN FuSSbAll eRST lANgSAM iN SeiNeR geSellSCHAFTliCHeN uNd KulTuRelleN bedeuTuNg eNTdeCKeN.

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FuSSbAllgeschichte dfb-Kulturstiftung

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FuSSbAllgeschichte essay Prof. franz-josef brüggemeier der irrtum des fernando torres Als der spanische Nationalstürmer Fernando Torres am 31. Januar 2011 zum FC Chelsea wechselte, war die Aufregung groß, nicht nur wegen der Rekordsumme von fast 60 Millionen Euro, die der Transfer kostete. Hinzu kam, dass er den FC Liverpool für Chelsea, einen erbitterten Rivalen, verließ und zudem noch der Presse mitteilte, er werde fortan für einen ,größeren' Verein spielen. Vor allem diese Aussage sorgte für so viel Empörung bei den Fans, dass Torres sie wenige Tage später zurücknahm und zugestand, dass Liverpool der größere Club sei. Doch was bestimmt die Größe eines Clubs? Nicht der Umsatz, bei dem Chelsea vorne liegt, oder die Zahl der Zuschauerplätze, wo beide Vereine Kopf an Kopf liegen. Entscheidend sind vielmehr die Erfolge, aber auch die Niederlagen, die mit den Vereinen verbunden sind; die Namen berühmter Spieler und Ereignisse, die Momente der Freude wie auch der Trauer, die Emotionen und die Vielfalt der Erinnerungen, die sie hervorrufen. Kurzum: ent- scheidend ist ihre Geschichte, und hier besitzt Liverpool einen riesigen Vorsprung. Diese Feststellung gilt nicht nur für englische oder deutsche Vereine, sondern für den Fußball weltweit. Bekannt und ,groß' sind die Vereine mit einer Geschichte, die uns etwas bedeutet. Dazu gehören fraglos Erfolge, selbst wenn diese einige, manchmal auch viele Jahre zurück liegen. So verzeichnete Liverpool in den letzten Jahren deutlich weniger Erfolge als Chelsea, während in Deutschland Schalke seit 1958, also seit mehr als 50 Jahren, auf den Gewinn der Meisterschaft wartet. Dennoch ist Schalke ohne jeden Zweifel ein großer Verein und besitzt eine Geschichte, die aufstrebende, jüngere Vereine wie Leverkusen oder Hoffenheim erst noch gewinnen müssen. fussBall - mehr als ein sPiel Zu dieser Geschichte gehören die zahllosen Anekdoten und Informationen, die Fans schon immer zusammengetragen und veröffentlicht haben. Wer will, kann sich darüber informieren, wie genau frühere Mannschaften aussahen, wie lange diese zusammen blieben, wann bestimmte Tore fielen oder Auswechslungen stattfanden usw. Dazu liegen zahllose Schriften, Broschüren und Bücher vor, die ihre Abnehmer finden und ihre Bedeutung haben, zugleich aber auch eine begrenzte Reichweite besitzen. Denn Fußball findet nicht nur auf dem Platz statt. Er ist auch Ausdruck der jeweiligen Gesellschaft, in der er stattfindet, der Städte oder Regionen, in denen die Vereine spielen, oder seiner Anhänger - wie auch Gegner. Wer diesen weiteren Blick hat, kann über den Fußball ungeahnte Einblicke finden in die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis heute, über die europäische Geschichte und schließlich die Globalisierung. Er kann erfahren, dass dieser Sport von Beginn an international ausgerichtet war und zugleich den Nationalismus förderte; dass er Völker verbinden, aber auch trennen konnte; dass er alle einlud, mitzumachen, immer wieder aber auch Einzelne oder Gruppen ausschloss. Anders ausgedrückt: Fußball ist viel mehr als nur ein Spiel. Dies ist keine neue Erkenntnis, doch es dauerte einige Zeit, bis sie sich durchsetzte und genügend Personen fand, die sich dafür interessierten. In Deutschland geschah dies lange weitgehend außerhalb der Universitäten. Die etablierten Geschichtswissenschaften, die eigentlich dafür zuständig sind, haben sich bis weit in die 1990er Jahre kaum mit der Geschichte des Fußballs und seiner vielfältigen Aspekte befasst und tun sich bis AuSSTelluNg "deR bAll iST RuNd" iM gASOMeTeR ObeRHAuSeN heute schwer damit. Umso wich-

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sportwissenschaftlichen Instituten und Historiker, die außerhalb der Institutionen arbeiteten und eine Vielzahl von Veröffentlichungen vorlegten. Diese zeigten, wie spannend ein erweiterter Blick auf den Fußball sein kann und wie groß das Interesse daran ist. Darauf reagierten in den letzten Jahren mehrere Vereine, die (unterschiedlich große) Ausstellungen zur eigenen Geschichte einrichteten und dieser eine wachsende Bedeutung gaben. Und darauf reagierte nicht zuletzt der DFB durch die große Ausstellung zu seinem 100-jährigen Jubiläum, die im Jahr 2000 im Gasometer in Oberhausen stattfand. Sie behandelte sowohl die Geschichte des Fußballs im engeren Sinne wie auch dessen weitere politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung und war mit fast 250.000 Besuchern ein enormer Erfolg. in der mitte der gesellschaft Das lag auch daran, dass der Fußball in den letzten Jahren noch einmal an Beliebtheit gewonnen hat und in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Er gilt nicht länger - wie noch in den 1950er und 1960er Jahren - als Arbeitersport, sondern spricht alle Klassen und Schichten ebenso an wie die unterschiedlichen Altersgruppen, Männer und Frauen, Einheimische und Zugewanderte. Er ist gesellschaftsfähig geworden, was nicht nur das ausgeprägte Interesse von Politiker/innen zeigt, sondern auch eine große Zahl von ,seriöser' Literatur, Romanen und Sachbüchern, Filmen oder Zeitschriften wie ,11 Freunde' und nicht zuletzt die ,Deutsche Akademie für Fußballkultur' in Nürnberg. Der wohl deutlichste Aus- Begeisterung während der FußballWeltmeisterschaft 2006. Ohne die unerwarteten Erfolge der deutschen Mannschaft wäre diese fraglos geringer ausgefallen, doch zugleich reichte sie weit über den bloß sportlichen Aspekt hinaus und zeigte besonders nachdrücklich die umfassende Ausstrahlung des Fußballs. Das Bewusstsein davon hat sich fest etabliert und zu zahlreichen Aktivitäten auf den unterschiedlichsten Ebenen von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur geführt. Die Kulturstiftung des DFB ist ein Ausdruck davon, ein anderer die bevorstehende Eröffnung des DFB-Fußballmuseums, das - wie die Ausstellung im Jahre 2000 - berühmte Spieler, Tore und Ereignisse behandeln, aber auch politische, gesellschaftliche oder kulturelle Bezüge herstellen wird. Mit der Kulturstiftung und dem Fußballmuseum greift der DFB nicht nur aktuelle Entwicklungen auf und fördert sie, sondern treibt sie vielfach sogar voran. Davon profitiert auch die Geschichtswissenschaft, die ihre alte Zurückhaltung weitgehend abgelegt hat und dem Sport generell sowie dem Fußball im Besonderen mehr Aufmerksamkeit schenkt. Hier ist aber noch einiges zu tun, und das Museum wird weitere prägende Impulse setzen. Diese sind umso wichtiger, als es in der Sportgeschichte auch unerfreuliche Entwicklungen gibt. Diese ist traditionell als Fach in sportwissenschaftlichen Instituten verankert und hat dort wichtige Leistungen erbracht. Doch es gibt Bemühungen, sie zurückzufahren oder an einzelnen Orten ganz abzuTorres würde die drohenden Kürzungen wohl nicht verstehen, hat er doch gerade erfahren, dass zum Sport mehr gehört als aktuelle Leistungen und künftige Erfolge. Um Größe und Bedeutung zu haben, kann der Fußball auf die Geschichte nicht verzichten - und die Geschichtswissenschaft nicht auf den Fußball. schaffen. Das wäre fatal, vor allem wegen des inzwischen so verbreiteten Interesses an der Geschichte des Sports bzw. des Fußballs. Prof. dr. dr. franZ-Josef Brüggemeier ist Historiker für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg und Mitglied im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung. Der leidenschaftliche Fan des deutschen und englischen Fußballs kuratierte im Jahr 2000 die DFB-Jubiläumsausstellung "Der Ball ist rund" in Oberhausen und ist Mitglied im Fachbeirat der Stiftung DFB Fußballmuseum gGmbH. FuSSbAllgeschichte essay Prof. franz-josef brüggemeier tiger waren einzelne Personen an druck dieser Entwicklung war die

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FuSSbAllgeschichte dfb-fussballmuseum Auf dem Weg zum Fußballmuseum wOHl KeiN PROJeKT VeRKöRPeRT die wACHSeNde KulTuRelle wAHRNeHMuNg deS FuSSbAllS beSSeR AlS dieSeS: NACH iNTeNSiVeN VORARbeiTeN wiRd 2014 iN dORTMuNd dAS dFb-FuSSbAllMuSeuM eRöFFNeT. die dFb-KulTuRSTiFTuNg wAR AuF deM lANgeN weg MASSgebliCH beTeiligT. Ideen und Visionen für das Megaprojekt haben die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes schon viele Jahre umgetrieben: Ein eigenes Museum, ein ganz spezieller Ort, einzig und allein ihm gewidmet, Deutschlands liebstem Kind, dem Fußball. Ein erster beachtlicher Schritt wurde anlässlich des 100-jährigen DFB-Jubiläums im Jahr 2000 getan. Mit "Der Ball ist rund" realisierte der Verband unter fachlicher Federführung von Prof. Franz-Josef Brüggemeier seine erste eigene Ausstellung, anspruchsvoll umgesetzt in der spannenden Architektur des Gasometers in Oberhausen. Mit Erfolg: Die Ausstellung lockte innerhalb von nur fünf Monaten mehr als 200.000 Besucher an. Auch inhaltlich setzte sie Maßstäbe. Neben der auratischen Inszenierung wertvollster Pokale und Originalstücke aus den legendären Spielen berührten auch viele fast unbekannte historische Themen die Besucher, wie die erstmals öffentlich gezeigten Lebensdokumente des Julius Hirsch, dem von den Nazis ermordeten Nationalspieler jüdischen Glaubens. das "sommermärchen" 2006 als startschuss Fortan stand das Thema Fußball der musealen Erschließung offen. 2004 widmete das Historische Museum der Pfalz in Speyer dem "Wunder von Bern" eine große Sonderausstellung. 2006, zur Fußball-WM in Deutschland, konkurrierten schon mehr als ein Dutzend Spezialausstellungen um die Gunst des Publikums; fast dortmund standort des fussBallmuseums Am 24. April 2009 war es so weit: Mit 137 gegen 102 Stimmen setzte sich die Bewerbung der Stadt Dortmund durch, die mit der exponierten Lage des Grundstücks am Hauptbahnhof überzeugen konnte. Die Stif2007 begann die DFB-Kulturstiftung unter Federführung von Horst R. Schmidt, DFB-Schatzmeister und stellvertretender Vorsitzender des Stiftungskuratoriums, mit den Vorarbeiten. Doch wo genau sollte die neue museale Mitte von Fußball-Deutschland entstehen? Keine leichte Frage, beteiligten sich doch gleich vierzehn deutsche Großstädte an einer beschränkten Ausschreibung. Nach zahlreichen Ortsbegehungen und Gutachten hatte sich ihre Zahl Anfang 2009 auf zwei reduziert: Ausgerechnet Dortmund und Gelsenkirchen, deren Traditionsvereine eine langjährige Rivalität verbindet, standen im Mittelpunkt einer Abstimmung, für die schließlich ein DFB-Bundestag, das höchste Entscheidungsgremium des Deutschen Fußball-Bundes, einberufen wurde. gleichzeitig öffneten die ersten Vereinsmuseen ihre Pforten. Ein passender Zeitpunkt für den DFB, die Idee einer Dauerausstellung zu verwirklichen. Das hervorragende wirtschaftliche Ergebnis der WM und nicht zuletzt der Wunsch, die Erinnerung an dieses einmalige Ereignis zu bewahren, gaben den letzten Ausschlag.

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multimedialen Museumskonzepts war ein europaweiter Kreativwettbewerb vorangegangen. Die thematische Vielfalt des Fußballsports und seine komplexen gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Effekte sollen in einer klaren, leicht verständlichen Anordnung vermittelt werden, die sich dramaturgisch an das Fußballspiel selbst anlehnt. tung hatte zu diesem Zeitpunkt auch die inhaltlichen Entwürfe mit Hilfe verschiedener Expertengruppen vorangetrieben. Ein Werkauftrag an knapp zwei Dutzend Wissenschaftler mündete schließlich in ein umfangreiches Abschlusspapier, in dem weit über 100 Einzelthemen dokumentiert und mit 1.440 Medienobjekten sowie etwa 10.220 musealen Objekten belegt wurden. Ein stattlicher Fundus für die im Herbst 2009 vom DFB und der Stadt Dortmund gegründete Stiftung DFB Fußballmuseum gGmbH, die seitdem das operative Geschäft mit Sitz in Dortmund leitet. Das Bauwerk soll nicht nur ein Ort des Bewahrens und Ausstellens sein, sondern gleichzeitig ein lebendiges Forum für alle Mitglieder der Fußballfamilie, für Fans und Vereine sowie Verbände, Partner und Sponsoren. Mit überregionalen Events wie Preisverleihungen, Pressekonferenzen, Lesungen oder TV-Produktionen in einem eigenen Veranstaltungsbereich. emotionale Begegnungsstätte für den deutschen fussBall "Das Fußballmuseum soll eine zentrale Begegnungsstätte für den deutschen Fußball werden", formuliert DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach den Anspruch und lobt die geplante Szenografie: "Das Konzept macht Geschichte emotional erlebbar und vermittelt die Freude am Fußball auf eine mitreißende Art und Weise." Der Entstehung des interaktiven und Mit Horst R. Schmidt, Prof. Franz-Josef Brüggemeier und Jochen Hieber, FAZ-Feuilleton-Redakteur und zwischen 2004 und 2006 Projektleiter und Moderator in André Hellers WM-Globus, sind gleich drei Gründungskuratoren der DFB-Kulturstiftung Mitglieder in der Gesellschafterversammlung und im Fachbeirat. Brüggemeier hat keinen Zweifel am Gelingen der Eroberung der musealen Welt: Das Fußballmuseum, so seine Einschätzung (vgl. Essay auf S. 38/39), wird am Ende sogar dazu beitragen, dass die etablierten Geschichtswissenschaften ihre traditionelle Zurückhaltung dem Fußball gegenüber ablegen. In den fünf Ausstellungsbereichen "Vor dem Spiel" (emotionale Einstimmung), "1. Halbzeit" (die Welt der Nationalmannschaften und des deutschen Fußballs), "Halbzeitpause" (Trainer und Taktik), "2. Halbzeit" (die Welt des Vereinsfußballs) und "Nach dem Spiel" (Spielzone) erlebt der Besucher durch technisch innovative, aber auch durch klassische Vermittlungsformen den gesamten Facettenreichtum des Fußballs. Eine Multivision zur Geschichte des deutschen Fußballs, die Schatzkammer mit den wertvollsten Pokalen der Nationalmannschaft und des Klubfußballs sowie eine "Hall of Fame" für die großen deutschen Spielerpersönlichkeiten bilden weitere szenografische und emotionale Höhepunkte der Ausstellung. FuSSbAllgeschichte dfb-fussballmuseum

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FuSSbAllgeschichte fussball-legenden FuSSbAllgeSCHiCHTe - dAS iST MeHR AlS dATeN uNd FAKTeN, TORSCHüSSe uNd SPielMiNuTeN. eS SiNd VOR AlleM die eMOTiONeN, die SiCH TieF eiNgegRAbeN HAbeN iN uNSeR gedäCHTNiS. eRiNNeRuNgeN AN gANz beSONdeRe MOMeNTe, die AuCH NACH VieleN JAHReN PlöTzliCH wiedeR AuFlebeN KöNNeN. MANCHMAl geNügT NuR eiN wORT, uNd AlleS iST wiedeR dA. weMbley - dAS iST SO eiN wORT. iM wM-FiNAle 1966 SCHRiebeN 22 SPieleR, eiN SCHiedS- uNd eiN liNieNRiCHTeR FuSSbAllgeSCHiCHTe. dAS büHNeNPROgRAMM "FuSSbAll-legeNdeN" lieSS die eRiNNeRuNgeN eiNeN AbeNd lANg wiedeR lebeNdig weRdeN. Ein Abend der Welche Anziehungskraft die Namen des Kaders der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England heute noch haben war überraschend. Kaum einen Tag nach Ankündigung des Bühnenprogramms "FußballLegenden" in der örtlichen Presse war der Saal im Freiburger Konzerthaus ausverkauft. Fußballgeschichte lebendig und anspruchsvoll vermitteln - so lautete das Konzept eines sportlich-kulturellen Veranstaltungsformats, das es in dieser Form bislang noch nicht gegeben hat. Natürlich war es eine ganz besondere Mannschaft, die sich da auf der Bühne des Konzerthauses versammelt hatte: Kapitän Uwe Seeler, Hans Tilkowski, Willi Schulz, Helmut Haller, Siggi Held, Friedel Lutz, Bernd Patzke, Klaus-Dieter Sieloff, Wolfgang Paul und Werner Krämer. Außerdem mit von der Partie waren der damalige DFB-Co-Trainer Dettmar Cramer und die ReporterLegende Rudi Michel, der fünf WMEndspiele live für die ARD übertrug und auch 1966 beim WM-Finale in London für die deutschen Zuschauer am Mikrofon saß. Und klar, dass in der von ZDF-Moderator Rudi Cerne anhand von vielen historischen TVBildern geleiteten Abendveranstaltung das "Wembley-Tor" im Mittel"Die Engländer haben das Fair Play erfunden, wir haben es damals vorgelebt. Die Mannschaft hat das Finale verloren, aber wir sind trotzdem als Sieger vom Platz gegangen", bewertete Torwart Hans Tilkowski die unvergessene Szene im Wembley-Stadion, als der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst nach Rücksprache mit seinem russischen Linienrichter Tofik Bachramow auf Tor entschied und dieses vorentscheidende 3:2 in der Verlängerung als "Wembley-Tor" in tilKowsKi, gut gelaunte 66er: hans ler helmut haller und uwe see punkt der Diskussionen stand. Aber auch über die WM-Qualifikation gegen Schweden und alle Spiele auf dem Weg ins Endspiel wurde kräftig gefachsimpelt.

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Legenden del lutz, willi noch immer ein team: frie sieloff und bernd schulz, Klaus-dieter PatzKe gemeinsamer rücKblicK: rudi cerne im gesPräch mit wolfgang weber und hans tilKowsKi das 66er-Aufgebot lobte: "Nach der 54er-Mannschaft war das 66erTeam mit seiner Kameradschaft und Besessenheit das Beste, was der deutsche Fußball je hatte." Den Abend eröffnet hatte DFBPräsident Dr. Theo Zwanziger, der in seiner Ansprache auf die grundsätzliche Bedeutung der Fußballgeschichte als eines der Kernthemen der fussball-leg enden unte r sich: trai dettmar cr ner amer und re Porter rudi michel DFB-Kulturstiftung hinwies: "Vor 100 Jahren hat die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel ausgetragen. Damals wurde der Fußball oft belächelt und als Proletensport tituliert. Heute können wir uns über eine große soziale und gesellschaftliche Anerkennung freuen. Der Fußball begleitet das die Annalen des Fußballs einging. "Wenn es das damals schon gegeben hätte, hättet ihr den FIFA-FairPlay-Preis dafür verdient, wie ihr diese Entscheidung akzeptiert habt", rief Rudi Michel den in Freiburg anwesenden Nationalspielern zu. Gebannt schauten die WM-Helden von einst auf die Leinwand, als die Filmausschnitte von damals gezeigt wurden. Von Siggi Held bis Uwe Seeler hatten alle viel zu erzählen. Imponierend, wie locker und lustig sie mit der Distanz von mehr als 40 Jahren über das "Wembley-Tor" stritten. So flachste Uwe Seeler in Richtung Hans Tilkowski: "Hättest du damals den Ball gefangen, wären alle Diskussionen überflüssig gewesen." Willi Schulz resümierte: "Das war ein großartiges Turnier für uns alle. Vom Trainer bis zum letzten Reservespieler waren wir eine tolle Truppe." Und Helmut Haller, mit sechs Treffern der erfolgreichste deutsche Torschütze, erinnerte sich: "Unsere Kameradschaft war wirklich vorbildlich. Die WM ist für uns alle bis heute unvergesslich". Da passte es, dass auch Trainer Dettmar Cramer Und wie emotional das mitunter zugeht, davon konnte sich jeder überzeugen, der miterlebte, wie ausdauernd die mehr als 300 Besucher - viele selbst schon in höheren Semestern - bereits vor und noch lange nach Ende des Bühnenprogramms den Kontakt und das Gespräch mit ihren "Fußball-Legenden" suchten. Damit löste er ebenso Gelächter aus wie Wolfgang Weber, der sein 2:2 unmittelbar vor Ende der regulären Spielzeit kommentierte: "Als ich den Ball vor meinen Füßen sah, habe ich nur gedacht, du musst den Ball sofort reinschießen, sonst pfeift der Schiedsrichter vorher noch ab." Leben von Millionen Menschen und muss auch immer wissen, welche Wurzeln er hat. Natürlich ist der Fußball an der Basis unsere Kernaufgabe, aber die Kulturstiftung mit ihrem Anliegen der Geschichts- und Traditionspflege behandelt wichtige Aspekte. Sie soll alle Facetten des Fußballs beleuchten - auch künstlerisch und kulturell". FuSSbAllgeschichte fussball-legenden

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FuSSbAllgeschichte ausstellung die ersten elf Als der Fußball laufen lernte AM 5. APRil 1908 begiNNT iN bASel die SPäTeR SO eRFOlgReiCHe läNdeRSPielgeSCHiCHTe deR deuTSCHeN NATiONAlMANNSCHAFT. Sie VeRlieRT MiT 3:5 gegeN die SCHweiz. MiT deR wANdeRAuSSTelluNg "die eRSTeN elF", die ANläSSliCH deS 100-JäHRigeN läNdeRSPielJubiläuMS 2008 iN elF STädTeN gezeigT wuRde, HAT die dFb-KulTuRSTiFTuNg dieSeS HiSTORiSCHe eReigNiS eRSTMAlS wiSSeNSCHAFTliCH eRSCHlOSSeN. die AuSSTelluNg läSST eiN läNgST VeRSCHOlleN geglAubTeS STüCK FuSSbAllgeSCHiCHTe wiedeR lebeNdig weRdeN. sPeKtaKuläres doKument: die deutsche nationalmannschaft im ersten ländersPiel gegen die schweiz in basel Mitte der ersten Halbzeit setzt ein heftiger Hagelschauer ein, der in ausdauernden Regen übergeht. Schon bald ist das Spielfeld von riesigen Pfützen bedeckt, die es den Spielern schwer machen, die durchnässte Lederkugel voranzutreiben. Die Zuschauer bleiben dennoch guten Mutes. Hinter Holzzäunen aufgereiht stehen sie nur einen halben Meter von den Seitenlinien entfernt. Hinter ihnen sind meterhohe Werbetafeln zu sehen. Es sind überwiegend Männer zu erkennen, die sich trotz ihrer Hüte irgendwann mit Schirmen gegen den Regen zu schützen beginnen. Das nächste Foto zeigt die besseren Plätze auf der eigens für dieses Spiel errichteten Holztribüne im Baseler Stadion "Landhof". Nur wenige Frauen sind auf den Abbildungen zu sehen und das, obwohl jeder anwesenden Dame eine Tafel Schokolade der Fa. Lucerna zum Spielbesuch versprochen worden war. Gebannt verfolgen die Zuschauer der Ausstellung im Eintracht-Museum in der Frankfurter Commerz-

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Monitor. Szene um Szene des Debütländerspiels Deutschland gegen die Schweiz ist dort zu sehen, erstaunlich detailliert und akustisch begleitet vom Originalkommentar der "Neuen Sportwoche". Für Fußballkenner eine kleine Sensation, war doch von diesem Debütländerspiel bisher nur ein körniges und vergilbtes Mannschaftsfoto und Privatsammlungen sichteten die beiden Berliner in einjähriger Recherche und stießen dabei auf unerwartete, ja fast sensationelle Funde: Darunter auf jenes viele Jahrzehnte unbeachtete Album mit 21 Originalaufnahmen im Schweizer Sportmuseum Basel. "Ausgerechnet dieses erste Länderspiel ist von allen Begegnungen vor dem Ersten Weltkrieg einmalig gut dokumentiert", resümiert Kurator Daniel Küchenmeister nicht ohne Freude den glücklichen Fund, dem noch weitere Neuentdeckungen folgten. "Herausragend sind auch zwei in der Ausstellung abgebildete sogenannte Trikot-Brustadler aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die wir im Nachlass eines bekannten Nationalspielers gefunden haben," so Dr. Thomas Schneider. "Die Nationalmannschaft lief früher mit einem zentral aufgenähten Adler auf dem Trikot auf, der in den Farben des Deutschen Reichs und des DFB in Schwarz-Weiß-Rot gehalten war. der deutschen Elf bekannt. Und nun das: 21 Originalfotos aus verschiedenen Kameraperspektiven lassen das erste Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Basel gegen die Schweiz auf eine bislang kaum vorstellbare Weise wieder lebendig werden: Die Spieler, die Zuschauer, das Stadion, den unaufhörlichen Regen. Verstärkt wird der Live-Eindruck noch durch die computergenerierte Animation auf dem Bildschirm. Die Multimediastation steht im Zentrum einer Wanderausstellung, welche die Kuratoren Daniel Küchenmeister und Dr. Thomas Schneider im Auftrag der DFB-Kulturstiftung produ- die ersten elf (von linKs): max dettinger (dfb-vizePräsident), willi baumgärtner, fritz becKer, gustav hensel, fritz baumgarten, arthur hiller, walter hemPel, fritz förderer, ernst jordan, Karl ludwig, wilhelm behm (dfb-Kassierer), eugen KiPP, hans weymar, hugo KubasecK (dfb-sPielausschussvorsitzender) FuSSbAllgeschichte ausstellung die ersten elf bank-Arena die Fotos auf dem ziert haben. 70 Archive, Museen

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Die Existenz eines solchen originalen Stückes der Spielkleidung der Nationalmannschaft war bislang unbekannt. Auf dieses Fundstück sind wir natürlich als Ausstellungsmacher und Fußballfans schon ein wenig stolz." In seiner Heimatstadt Berlin war Thomas Schneider bereits vorher auf ein anderes bedeutendes Objekt gestoßen, das in der Ausstellung abgebildet ist: "Im Hinterzimmer der Gaststätte eines Berliner Vereins fand sich zu unserer Überraschung der älteste überlieferte Meisterschaftspokal des deutschen Fußballs. Er stammt aus dem Jahr 1892 und wurde seinerzeit vom Deutschen Fußball- und CricketBund, einem der Vorläuferverbände des DFB, ausgespielt. Die Vereinsmitglieder selbst waren völlig überrascht davon, was für ein bedeutendes sporthistorisches Stück sie da stehen hatten." Ergebnis der monatelangen Recherche sind zwölf Tafeln mit mehr als siebzig zum Teil nie gezeigten Fotos, die das Herz der Ausstellung bilden. Erzählt wird die Geschichte von den Anfängen des Fußballs in Deutschland von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg 1914. Im Mittelpunkt aber steht die Geschichte jenes ersten Länderspiels in Basel. Minutiös gelingt es den Ausstellungsmachern, dabei vor allem die Tage um den 5. April herum wieder lebendig zu machen. Anschaulich wird die strapaziöse Anreise mit der Bahn geschildert, bis sich die aus allen Landesteisensationelle funde: meisterPoKal von 1892 und originale triKotadler der ersten ländersPiele (oben) FuSSbAllgeschichte ausstellung die ersten elf len stammenden Spieler im Baseler Hotel "Metropol" treffen. Berichtet wird auch vom herzlichen Empfang durch die Schweizer Gastgeber, dem gemeinsamen Zoobesuch der deutschen und der schweizer Mannschaft vor dem Spiel oder dem Anlegen der Spielkleidung auf dem Hotelzimmer und der Autofahrt durch "endlose Reihen Menschen" ins Stadion. Von diesen historischen Details abgesehen hat die Historiker aber besonders eine Tatsache überrascht: "Durch die Recherche von authentischen Quellen können wir heute mit vielen Vorurteilen und Mythen aufräumen, die sich seit Jahrzehnten durch die Literatur ziehen. Das Zustandekommen der Mannschaftsaufstellung oder die taktische Spielweise beispielsweise erklärt sich aus ihrem historischen Zeitrahmen und war alles andere als durch Zufall oder Unwissen regiert, wie es oft geschrieben worden ist. Im Gegenteil: Sowohl im Vorfeld als auch nach dem Spiel arbeiteten die Verbandsfunktionäre mit erstaunlichem Weitblick am Aufbau der eigenen Strukturen, der Entwicklung eines nationalen Spielbetriebs, aber vor allem auch der Teilnahme an internationalen Begegnungen", erklärt Daniel Küchenmeister und ergänzt: "Der Verband - das belegen die Quellen - versteht den Fußball in dieser frühen Zeit sogar als friedenstiftendes Instrument, das zur Überbrückung politischer und nationaler Gegensätze verstanden wird." staunende besucher: dr. theo zwanziger und uwe seeler bei der ausstellungseröffnung "Durch die Recherche von authentischen Quellen können wir heute mit vielen Vorurteilen und Mythen aufräumen, die sich seit Jahrzehnten durch die Literatur ziehen."

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Zahllose Mythen, anekdoten und statistiken bevölkern das kollektive Gedächtnis des Fussballs. und doch Gibt es iMMer noch unerZählte Geschichten. iM rahMen ihres FörderproGraMMs unterstütZt die dFb-kulturstiFtunG auch lokale und reGionale projekte Zur Fussballhistorie. VeRlACHT, VeRbOTeN uNd geFeieRT Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza rekapitulieren in ihrem Buch die Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland von den Anfängen in den 1920er Jahren bis zu den großen Erfolgen der Gegenwart. Zahlreiche Originaldokumente machen das Werk zu einer anschaulichen Reise durch fast 100 Jahre Gesellschafts- und Fußballgeschichte. Die gleichnamige die ANdeRe FuSSbAll-NATiONAlMANNSCHAFT Nur die wenigsten Fußballinteressierten wissen, dass es in den 20er Jahren neben der Nationalmannschaft des DFB noch eine zweite Auswahl gab. Rolf Frommhagen hat sich auf eine jahrelange Spurensuche begeben und erzählt die Geschichte der Bundesauswahl der deutschen Arbeitersportler seit 1924, die mit der Zerschlagung der Arbeitersportbewegung durch die Nationalsozialisten 1933 endete. Im Kontext ihrer gesellschaftspolitischen Verhältnisse wird die Chronik von mehr als 70 Länderspielen einer Mannschaft erzählt, in der auch Erwin Seeler, Vater des späteren DFB-Ehrenspielführers Uwe Seeler, spielte. Ausstellung, aus der das Buch hervorgegangen ist, wurde seit Anfang 2005 bundesweit unter großem öffentlichen Interesse in mehr als 60 Städten gezeigt. FRANKFuRTeR FuSSbAllFRAueN Immer wieder macht das Eintracht Frankfurt Museum durch innovative Konzepte auf sich aufmerksam, die weit über die Geschichte des Traditionsvereins hinausgehen. Die Ausstellung "Frankfurter Fußballfrauen" beleuchtet die lange Geschichte dieses Sports in der selbsternannten "Hauptstadt des Frauenfußballs". Das Besondere: Konzeption, Recherche und Gestaltung wurden von 15 Schülerinnen der Anne-Frank-Schule im Rahmen einer Geschichtswerkstatt selbst durchgeführt. Das Projekt mündete während der FIFA FrauenWM 2011(TM) in die Ausstellung "20 Köpfe, 11 Geschichten" in der Frankfurter Paulskirche. FuSSbAllgeschichte Förderprogramm Fussballhistorie Von Proletariern und dem zarten Geschlecht

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FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 FrauenFussballkultur FRAueNFuSSbAllKulTuR

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Bunte Spielräume! die FiFA FRAueN-wM 2011(TM) iN deuTSCHlANd TRAF die HeRzeN deR FuSSbAllFANS. VOlle STAdieN, TOlle eiNSCHAlTQuOTeN uNd eiNe STiMMuNgSVOlle ATMOSPHäRe zeugTeN VON deR ATTRAKTiViTäT deR weibliCHeN VeRSiON deS SPielS. RuNdHeRuM lud dAS KulTuRPROgRAMM SPielRAuM 2011 eiN, die SCHilleRNdeN FARbeN deR FRAueNFuSSbAll-KulTuR zu eNTdeCKeN.

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FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 FuSSbAllKulTuR FäNgT MANCHMAl gANz KleiN AN uNd dAS iM wöRTliCHSTeN SiNNe. SCHON AlS MädCHeN wAR STeFFi JONeS FASziNieRT VON deR AugSbuRgeR PuPPeNKiSTe, VON JiM KNOPF, SeiNeM FReuNd luKAS, deM lOKOMOTiVFüHReR, uNd All deN ANdeReN MARiONeTTeN MiT iHReN AbeNTeueRN. KeiNe FRAge AlSO, dASS die PRäSideNTiN deS wM-ORgANiSATiONSKOMiTeeS bei eiNeR iHReR VieleN ViSiTeN deS wM-SPielORTS AugSbuRg deM beRüHMTeN THeATeR eiNeN beSuCH AbSTATTeTe, iN deM All die HölzeRNeN HeldeN iHReR KiNdHeiT die büHNeNPReMieRe eRlebT HATTeN. uNd HieR, iM AlT-eHRwüRdigeN Heilig-geiSTSPiTAl, wO die PuPPeNKiSTe zu HAuSe iST, eNTSTANd dANN die idee: eiNe VeRbiNduNg deS beKANNTeSTeN uNd beliebTeSTeN deuTSCHeN MARiONeTTeNTHeATeRS MiT deR FuSSbAll-wM deR FRAueN iN deuTSCHlANd. iN PeRSON deR OK-CHeFiN PeRSöNliCH. "beide, deR FuSSbAll uNd die PuPPeNKiSTe, begeiSTeRN MädCHeN, AuCH die gANz KleiNeN", SAgT STeFFi JONeS. stehende ovationen für die marionette steffi im beliebten Kinderquiz "1, 2 oder 3" am 25. juni 2011

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2011, feierte das Stück seine Premiere vor einem begeisterten Publikum. Natürlich in Augsburg, um dann anschließend in einer Blitztournee mit 16 Aufführungen in den anderen WM-Spielorten seine jungen und auch etwas älteren Zuschauer zu verzaubern, für die Welt des Puppenspiels und das Sommermärchen der Frauen-WM anno 2011. KreatiVität und Vielfalt Das Stück der Augsburger Puppenkiste war Teil eines bunten Kulturprogramms von mehr als 60 Projekten, das die DFB-Kulturstiftung unter dem Titel SPIELRAUM 2011 im Frühjahr und Sommer rund strahlende Präsidentin: steffi jones mit Programm sPielraum 2011 und in der zdf-show "1, 2 oder 3" mit elton um die neun WM-Städte von Augsburg bis Wolfsburg möglich gemacht hat, mit rund 200 Einzelveranstaltungen insgesamt. Jenseits der großen Inszenierung wurde ganz bewusst ein breites Publikum jeden Alters von der Vielfalt der kleinen bis mittelgroßen "steffi - ein sommermärchen" Fußball und Theater - das passt einfach. Dennoch war die Umsetzung des Fußballs in ein Kindertheaterstück auch für die 1948 gegründete Augsburger Puppenkiste, deren Stücke ganze Generationen von Kindern und Eltern begeistert haben, eine Premiere. Für die Drehbuchautoren ebenso wie für die Puppenbauer. Deren erklärtes Ziel war es nämlich, dass die Hauptfigur des 40-minütigen Stücks "Steffi - ein Sommermärchen" zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit der sympathischen OK-Präsidentin entwickeln sollte. Und so findet sich auch in der Geschichte selbst zumindest ein bisschen vom Lebensweg der "echten" Steffi wieder: Denn anfangs wollen die Jungs das aufgeweckte und wahnsinnig fußballbegeisterte Mädchen gar nicht mitspielen lassen. Aber sie findet märchenhafte Rettung. Auf wundersame Weise trifft sie viele wohlbekannte Gestalten: Das Rumpelstilzchen will das Kind der Königin, ein junges Mädchen ist auf der Suche nach seiner Spindel und ein liebestrunkener Prinz will Steffi wachküssen. Gut, dass sie alle diese Märchenfiguren kennt und ihnen helfen kann und so am Ende aller Turbulenzen viele neue Mitspielerinnen für eine eigene Fußballmannschaft gefunden hat... Projekte angesprochen. Ein buntes und nahbares Kulturprogramm sollte es werden - so vielfältig wie der Frauenfußball selbst. Und Dank der Unterstützung vieler großer und kleiner Partner - angefangen beim Kulturstaatsminister bis hin zum örtlichen Kindergarten vor Ort - gelang es, mit überschaubaren finanziellen Mitteln einen Veranstaltungskalender zu gestalten, der neben den jeweiligen städtischen Aktivitäten rund um die neun Spielorte seine Wirkung entfaltete, auch außerhalb der klassischen Fußballfamilie. "Der Frauenfußball mit seinen mehr als eine Million Mitgliedern und seiner wechselhaften Geschichte ist ein lebendiger Teil unseres sportlichen FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 Bereits einige Wochen vor der WM, am 1. Mai

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FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 musiK und film bei sPielraum 2011: der "1. fc voKalensemble" sinsheim und das fussballfilmfestival "11mm" in berlin und sozialen Lebens. Durch die Unterstützung kultureller Projekte wollten wir auch außerhalb der Vereine und Stadien Räume für die kreative Beschäftigung mit seinen ganz unterschiedlichen Aspekten öffnen.", erläutert Dr. Theo Zwanziger das Ziel des Programms. Kreativität und Vielfalt - das waren die Leitbegriffe, die über der Auswahl der vielen Projektideen standen, die im Rahmen eines Ideenwettbewerbs unter den neun WM-Städten schon lange vor der WM bei der Stiftung eingetroffen waren. Vor allem der Aufruf zur Kreativität wurde vielfältig genutzt. "Wir wollten möglichst viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten einbeziehen und zum Mitmachen anregen, sei es als Aktive oder Zuschauer. Vor allem Kinder und Jugendliche. Viele Projekte setzen deswegen ganz bewusst niedrigschwellige Ansatzpunkte zum Mitdenken, Gestalten und Erleben", so Dr. Theo Zwanziger, dem die Ausrichtung eines Kulturprogramms anlässlich der Frauen-WM eine Herzensangelegenheit war. Entsprechend vielfältig waren die Herangehensweisen: Kinderkunstwerke, Mädchenradio, Modenschauen, Karnevalswagen, Chöre, Schülerzirkus, Fanzine Workshops - so nur eine kleine Auswahl aus der bunten Palette der geförderten tourneen durch alle wm-städte Neben den lokalen Projekten, die schon vorab Interesse und Vorfreude auf die Weltmeisterschaft zu entwickeln halfen, fanden in einem zweiten Programmblock zusätzlich neun überregional sichtbare oder als Tourneen durchgeführte Projekte statt, die ebenfalls in allen WMStädten, aber auch darüber hinaus aufgeführt wurden. Die Auswahlkriterien waren dabei die gleichen, wie bei den lokalen Initiativen: vor allem abwechslungsreich und mit einem offenen und in die Breite wirkenden Kulturansatz sollten sie sein. Und so war auch der überregionale Teil von SPIELRAUM 2011 geprägt von der Vielfalt künstlerischer Perspektiven auf den Frauenfußball, von Musik und Foto, Film und Theater, Literatur und Ausstellung, Gespräch, Dokumentation und Festival. Initiativen. Neun Städte - neun Mal Fußballkultur in Deutschland. So unterschiedlich sie sind, die WM-Städte zwischen Wolfsburg und Augsburg, so fand jede ihren eigenen kulturellen Zugang zum Frauenfußball. Ob Rave oder Dixieland, Krimi, Skulptur, Installation oder Bastelkurs: Vielfalt war garantiert. Auch die Freunde der klassischen Kultur kamen auf ihre Kosten: Der bochumerkünstlerbund, der Kunstverein Wolfsburg und das Schwule Museum Berlin luden jeweils nationale und internationale bildende Künstler ein, sich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Frauenfußballs auseinanderzusetzen. Foto-Ausstellungen wurden in Dresden und Berlin gezeigt, Fußballskulpturen und Flaggen-Installationen setzten in Leverkusen, Frankfurt und Sinsheim Akzente im öffentlichen Raum.

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Am Ende hat dann alles zusammen gepasst: Drei Wochen lang volle Stadien, tolle Spiele, die Welle auf den Rängen, eine fröhliche und familiäre Atmosphäre auf den Straßen und Plätzen, auf den Fan-Meilen und beim Public Viewing. Überragende Einschaltquoten und volle Sportseiten. Strahlende Sieger, traurige Verlierer. Der Frauenfußball ist spätestens mit dieser Weltmeisterschaft angekommen in den Herzen der Zuschauer. Ein perfektes Bild, zu dem das Kulturprogramm SPIELRAUM 2011 vielleicht ein wenig Grundierung beitragen durfte oder auch den einen oder anderen Farbtupfer. Für alle die, die dabei gewesen sind und mitgemacht haben. Zum Beispiel die mehr als 2.000 Kinder, die sich am Malwettbewerb in Sinsheim beteiligten. Oder mehrere Tausend Jugendliche, die im Rahmen des renommierten Deutschen Jugendfotopreises Bilder zum Mädchen- und Frauenfußball schossen. Oder die Zuschauer in den fast überall ausverkauften Poetry Slam-Theatern und -Clubs beim "Slam the WM!". Und natürlich auch die Kinder, denen das Mädchen Steffi im Stück der Augsburger Puppenkiste Freude gemacht hat. Und und und. Am Ende, als sie vorbei war, diese Frauen-WM, schloss sich dann der Kreis. Auch für die OK-Präsidentin, die es sich im Vorfeld nicht hatte nehmen lassen, so viele Kulturprojekte wie möglich persönlich zu besuchen. Wenige Tage nach dem WM-Finale kamen alle Mitarbeiterinnen einmal zusammen in der Otto-Fleck-Schneise, draußen im Frankfurter Stadtwald, wo auch der DFB und seine Kulturstiftung ihren Sitz haben. Im Gepäck hatten sie ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk an "ihre" Präsidentin: Eine Puppenkiste mit - natürlich - der originalen Marionettenfigur "Steffi". Die war gerührt. Ein Geschenk, das bleibt. Wie so viele Erinnerungen. Und wie auch vieles von diesem Kulturprogramm, das neben den Veranstaltungen auch ein "Mehr" hinterlassen hat: die Kunst nämlich, die Bücher und Fotografien, Filme, Texte und Skulpturen, die den Frauenfußball für einen Sommer in einen weiteren kulturellen Kontext stellten. Denn spätestens seit diesem Sommer 2011 wissen wir, dass die Kultur des Frauenfußballs alles ist: bunt und fotogen, musikalisch und museal, akrobatisch, laut und provokant, jung und spektakulär. Und ganz, ganz künstlerisch. was bleibt? bücher und ausstellungsKataloge aus sPielraum 2011 FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 was BleiBt? und Mitarbeiter des WM-Organisationskomitees noch

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FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 ...fotogen deuTSCHeR JugeNdFOTOPReiS Den Deutschen Jugendfotopreis gibt es schon seit 1961. Im Jahr seines 50-jährigen Jubiläums nahm er unter dem Wettbewerbsmotto "Wir! Sind! Fußball!" den Mädchenund Frauenfußball in den Fokus. Ob Spiegelreflex, Fotohandy oder digitale Montage - eingeschickt wurden mehr als 4.000 Fotos von Training und Torjubel, Fans und Fußballfreunden. Ein toller Erfolg und viele fantastische, stimmungsvolle Bilder. Für die Sieger aller Altersgruppen von 6 bis 25 Jahren gab es neben der Preisübergabe im Bundespresseamt noch ein ganz besonderes Highlight: Den Besuch des WM-Eröffnungsspiels im Berliner Olympiastadion. Eine Ausstellung der Siegerbilder kann ab sofort gebucht werden. PiONieRiNNeN deS FRAueNFuSSbAllS Es sind die kleinen Bilder und Erinnerungen, die das Besondere der multimedialen Ausstellung "Pionierinnen des Frauenfußballs" ausmachen. Mehr als ein Jahr hat sich der Fotograf Günther Bauer mit Kamera und Mikrofon auf die Spuren von Pionierinnen und Pionieren des Frauenfußballs begeben. Er besuchte und portraitierte Frauen und Männer, die den deutschen Frauenfußball geprägt haben. Die ungewöhnlichen Foto-Triptychen interessierten zwischen März und Juli zahlreiche Besucher in den WM-Städten bis zur großen Abschluss-Ausstellung im Frankfurter Ikonen-Museum. Das Highlight: Im Rahmen einer Sonderedition war die Ausstellung auch beim FIFAKongress in Frankfurt ausgestellt. FOTOKuNST iN KReuzbeRg Beeindruckende Fotos in einem bunten Stadtteil: Im Herzen von Berlin-Kreuzberg zeigte das gleichnamige Stadtteil-Museum unter großer öffentlicher Anteilnahme die Fotos von Claudia Wiens von fußballbegeisterten Frauen im Nahen Osten. Die Ausstellung "Schuhgröße 37" portraitierte mit beeindruckender Nähe Fußballerinnen in Ägypten, Palästina und der Türkei sowie in Kreuzberg selbst. Die gemeinsam mit der Friedrich-EbertStiftung ausgerichtete Ausstellung war zeitgleich in den Goethe-Instituten in Kairo, Oberägypten, Khartoum, Algier, Beirut, Damaskus, Ramallah und Amman zu sehen.

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HeiMSPiel 2011 Rund 4.000 Kilometer legte der Truck des Musikzentrums Hannover, ein mobiles Aufnahmestudio, im Frühjahr 2011 von Ostfriesland bis nach Sachsen zurück - eine Reise ins Herz des Mädchenfußballs. 13 ausgewählte Mädchen-Mannschaften erlebten im Rahmen des Vereinswettbewerbs "Heimspiel 2011" das, wovon sie - neben dem Fußball natürlich - wohl schon immer geträumt haben: Die Produktion und Aufnahme eines eigenen Songs und Videos. Und live auftreten durften sie dann auch noch: rund um Stadien und Fanmeilen. Die 13 tollen Songs und Videos sind auf DVD erschienen. Ein buntes Tour-Tagebuch dokumentiert unter www.heimspiel2011.info die musikalische Deutschlandreise. X-ViSiON RuHR Mehr als 60 Jugendliche aus neun Nationen: Das ist das Musikprojekt "X-Vision Ruhr". Im Frühjahr 2011 standen die jungen Künstler als lokale WM-Botschafter rund 30 Mal bei Workshops und Auftritten in Bochumer Schulen, Vereinen und bei öffentlichen Veranstaltungen auf der Bühne. Die eigens entwickelte FußballHymne "Girls" sorgte auf Schul- und Stadtteilfesten dafür, die Vorfreude auf die WM zu steigern und wurde auch auf "Youtube" mehr als 4.000 Mal abgerufen. RAVe uNd ReVue Musik pur in Augsburg: Während Disc- und Videojockeys den "90-Minuten-Rave" mit allen Tanzwilligen zelebrierten, gingen die Freunde der Klassik beim PhilharmonikerKonzert "Länderspiel" auf eine musikalische Weltreise. Für alle Übrigen inszenierte das Theater Augsburg eine große Freilichtrevue unter dem Titel "Abseitsfalle". Sänger, Schauspieler und Tänzer brachten komische und berührende Geschehnisse rund um den Ball gesungen und getanzt auf die Bühne. Gastgeber war die bayerische Fußballreporterlegende Günther Koch. FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 ...musikalisch

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FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 ...bunt ziRKuSTHeATeR RATzFATz Bunt geht es zu, wenn RatzFatz, das 1994 gegründete Zirkustheater des Goethe-Gymnasiums Bochum, zusammen mit dem Varieté et cetera auf Tournee geht. Rund 70 Schülerinnen und Schüler machen mit. Im Frühjahr 2011 stand natürlich der Frauenfußball im Mittelpunkt von Theaterspiel, Bewegungskünsten, Tanz und Zauberei. Das Stück, bei dem die Ruhrgebietsdialekt sprechende Budenbesitzerin Gisela von dem alternden Fußballer Ährwin, dem VfL-Fan Heinz und den jungen Nachwuchszauberern Bruno und Alex mit Hund Dexter besucht wird, wurde über 20 Mal in der ganzen Region aufgeführt und machte fast 5.000 Besucherinnen und Besuchern Appetit auf die Frauen-WM. RePORTiNg THe wORld CuP International besetzt war das Projekt "Reporting the World Cup" der Deutschen Welle-Akademie. aus Acht TV-Journalistinnen Ägypten, Bhutan, Brasilien, Ghana, Kolumbien, KiNdeReXPO SiNSHeiM Mehrere hundert Schülerinnen und Schüler ermunterte das Spielmobil Kraichgau im Rahmen der Kinderexpo in Sinsheim, ihre Neugierde auf die WM-Gastländer durch kreative Beschäftigung zu wecken: Sprache, Kultur und Tradition, Menschen und deren Alltag, Spiele, Bräuche, Tänze, kulinarische Beso n d e r heiten, Geschichten und Sporta r t e n . Aus jedem Land stellte ein Mitarbeiter der entsprechenden Nationalität die Kultur seines Heimatlandes authentisch vor. Die Begeisterung der Kinder für diese spielerische Kulturanthropologie war riesig: Fußball bildet eben! diSCOVeR FOOTbAll In eine Bühne der Weltkulturen des Frauenfußballs verwandelte sich für eine Woche das Kreuzberger Willi-Kressmann-Stadion. Das internationale Frauenfußball-Kulturfest "DISCOVER FOOTBALL" war nicht weniger als eine kleine WM: Teams aus Indien, Afghanistan, Ruanda, Israel/Palästina, Togo, Kamerun und Brasilien waren Gäste eines Fußballturniers mit umfangreichem Kulturprogramm, Filmvorführungen und Konzerten. Tausende Besucher staunten, denn jedes Team hatte eine ganz besondere Geschichte aus seiner Heimat mitgebracht. Mexiko, Nigeria und Palästina waren während der WM zu einem praxisorientierten Workshop eingeladen, um in kleinen Teams Reportagen und Berichte über Frauensport und Fußballfieber, über große und kleine Stars, über Begegnungen und Geschichten am Rande des Rasens zu produzieren. Ein Höhepunkt: das Exklusiv-Interview mit Brasiliens WM-Star Marta. Eine Fortbildung für Journalistinnen aus Ländern, in denen Frauen und Fußball nur wenig Anerkennung genießen. Mehr als 20 TV-Berichte wurden gleichzeitig auf der Deutschen Welle, auf dfb.tv und in den Heimatsendern der Journalistinnen gezeigt und erreichten so ein weltweites Publikum - für Deutschland und für den Frauenfußball.

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PROVOKANTe ANSiCHTeN Provokant ist schon allein der bearbeitete Fußball, der das offizielle Plakat der Kunstausstellung "andererseits" im Schwulen Museum Berlin ziert. Nicht weniger zimperlich kamen auch andere ausgestellte Werke daher. Im Rahmen einer offenen Ausschreibung hatten zuvor mehr als 60 Künstlerinnen und Künstler Vorschläge zu "Frauenfußball - Homosexualität - Homophobie" eingereicht. Die kontroverse Ausstellung verstand den Fußball als einen sozialen und kulturellen Spielraum, in dem es auch um eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Geschlechterordnung geht. Und eines wurde künstlerisch klar gestellt: Fußball ist alles - auch schwul. SKulPTuReNMeile Schon vor der WM war sie fertig. Und noch lange nach der WM wird sie Einheimische wie Gäste an das Weltturnier der Frauen in Leverkusen erinnern: Die Reihe von 22 überlebensgroßen Fußballskulpturen der Bildhauerin Lilli Schulz, die seit Frühjahr 2011 vom Stadtpark aus entlang des Flussufers der Dhünn, vorbei am Forum Leverkusen bis zum WM-Stadion reicht. Die Künstlerin entwirft Ölgemälde, Gipsreliefs und Objektinstallationen, vor allem aus rostigem Metall, bei denen sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt. HAlbzeiT Die integrative und emanzipatorische Kraft des Frauenfußballs und seine Bedeutung für die Rolle der Frau in der Gesellschaft - das waren zwei der Themen, mit denen sich neun Künstlerinnen und drei Künstler des bochumerkünstlerbunds in der Ausstellung "Halbzeit" im Kunstmuseum Bochum beschäftigten. Durch "Auswärtsspiele" im RuhrStadion wurde gleichzeitig eine Vernetzung zwischen Kunst- und Sportwelt sinnlich erfahrbar gemacht. Frauenfußball im Museum - für viele der interessierten Besucher waren die Bilder, Fotoserien, waren von den Kindern während der Osterferien in einem Workshop im Alvar Aalto Kulturhaus entworfen worden. Ganz groß, die Kleinen! Objekte, Installationen und interaktiven Aktionen eine spannende und neue Erfahrung. bAllCOuTuRe iM PHAeNO Bunt wie selten ging es im Juni und Juli 2011 in der weltbekannten Betonskulptur "phæno" von Star-Architektin Zaha Hadid zu. Unter dem Motto "Fußball trifft Kultur" wurden die von acht- bis zwölfjährigen Kindern gestalteten Kunstwerke in einem temporären "Kindermuseum" gezeigt. Mit dabei: Ein Trick- und ein Dokumentarfilm zum Frauenfußball und eine farbenfrohe Ballcoutureschau mit Ballkleidern passend zu den Gastnationen. Die Fantasiekreationen FRAueNFuSSbAllkultur sPielraum 2011 ...künstlerisch

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STiFTuNg intern namen und nachrichten Stiftung intern: Namen und Nachrichten SelTeNe AuSzeiCHNuNgeN Seltene Auszeichnungen wurden den beiden Spielern der deutschen Autoren-Nationalmannschaft im Kuratorium der Stiftung, moritZ rinKe und alBert ostermaier, zuteil. Rekordtorjäger Rinke durfte sich über einen vorderen Platz im Focus-Ranking 2011 der deutschen Gegenwartsliteratur freuen. Die anhand von Verkaufszahlen, Medienpräsenz und Literaturpreisen erstellte Rangliste führt Rinke als bekanntesten Theaterautor Deutschlands. Torhüter Albert Ostermaier nahm für sein Gesamtwerk mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2010 eine der renommiertesten deutschen Literaturauszeichnungen entgegen. In seiner Dankesrede hob er ausdrücklich das besondere gesellschaftliche und kulturelle Engagement von dr. theo ZwanZiger hervor. KOMMiSSiON NACHHAlTigKeiT beRuFeN Drei Mitglieder der DFB-Kulturstiftung berief das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes in die neu gegründete Kommission Nachhaltigkeit. In dem von Stiftungsvorstand Karl rothmund geleiteten Gremium zeichnen Geschäftsführer olliVer tietZ für den Bereich Kultur und Kuratorin claudia roth für Klima/Umwelt zuständig. Hintergrund ist eine umfangreiche Änderung der DFB-Satzung im Herbst 2010, die seitdem in § 4.2 "Zweck und Aufgaben" u. a. die "Förderung von Kunst und Kultur im Zusammenhang mit dem Fußballsport" vorsieht. Foto: © Karl Friedrich Hohl FuSSbAllbuCH deS JAHReS Kuratoriumsmitglied Biermann zählt zu christoPh den anerjahren hatte er mit anderen Titeln wiederholt vordere Plätze bei der Wahl belegt. 2010 sah die Jury, gecoacht von Stiftungsmitglied hans meyer, sein Werk über moderne Trainings-, Taktik- und Technikmethoden ganz vorn. Seit 2010 ist Christoph Biermann Chefredakteur von "11 Freunde - Magazin für Fußballkultur". kanntesten deutschen Sportjournalisten und -autoren. Im Oktober 2010 wurde sein Buch "Die Fußball-Matrix - Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" von der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum "Fußballbuch des Jahres" gewählt. Bereits in den Vor-

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Im Rahmen einer Strukturreform der vom DFB ins Leben gerufenen Stiftungen, neben der DFB-Kulturstiftung die Sepp Herberger-Stiftung und die DFB-Stiftung Egidius Braun, wurden auch die Gremien personell verschlankt. Damit einher ging der Abschied von vielen Persönlichkeiten, die als Mitglieder im Vorstand und Kuratorium die Arbeit und Entwicklung der Stiftung seit 2007 maßgeblich geprägt haben. Die DFB-Kulturstiftung bedankt sich bei Jürgen Bornmann, Josef BowinKelmann, eugènerichard gasana, horst hilPert, dr. rüdiger Koch, horst Kriete, rudi Krämer, Kunstmann, hans meyer, Prof. fritZ scherer, Karl schmidt, gerhard seiderer, harald strutZ, dieter stumPe, tina theune, hannes wittfoth, sönKe wortmann und dr. wolfgang Zieher. Als Repräsentanten ihrer DFB-Mitgliedsverbände wurden 2011 gleichzeitig folgende ehemaligen Gremienmitglieder in neuer Funktion in die Stiftung berufen: Jürgen l. Born, dieter JerZewsKi, walter desch, Klaus reichenBach und hans wichmann. Neu berufen wurden Prof. dr. manfred heim und alfred Vianden. die STiFTuNg TRAueRT Von zwei Trauerfällen war der Vorstand 2010 betroffen. Mit georgadolf schnarr und Karl-Josef tanas verstarben innerhalb weniger Monate zwei Gründungsmitglieder der DFB-Kulturstiftung. Der Vorstand bewahrt das Andenken an zwei Persönlichkeiten, die mit Fachkenntnis und Leidenschaft Inhalte und Profil der Stiftung geprägt haben. iM zeiCHeN deR VeRSöHNuNg Im Vorfeld des Länderspiels der Nationalmannschaft am 29.05.2010 in Budapest überreichte Stiftungskurator romani rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, in Anwesenheit von DFB-Vize-Präsident hermann Korfmacher, Bundestags-Vize-Präsidentin Petra Pau und Geschäftsführer olliVer tietZ Trikots und Bälle an Schüler in der Ortschaft Tatarszentgyörgy. Die Delegation informierte sich gleichzeitig über den Fortgang der Renovierungsarbeiten am Haus einer Roma-Familie, deren Angehörige im Februar 2009 einem mörderischen Brandanschlag zum Opfer gefallen Die im Zeichen der Verständigung zwischen der ungarischen Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit der Sinti und Roma stehende Reise wurde von der DFB-Kulturstiftung vorbereitet und durchgeführt. Bis Sommer 2011 wurden weitere Fußballutensilien im Gesamtwert von rund 25.000 Euro in verschiedenen ungarischen Gemeinden durch den DFB an Mannschaften der Minderheit übergeben. waren. Auf Initiative des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma wurde das Haus durch Freiwillige des Internationalen Bauordens renoviert. MuSeuMSeXPeRTeN Prof. dr. dr. franZ-Josef Brüggemeier und Jochen hieBer sind Mitglieder im Fachbeirat der Stiftung DFB Fußballmuseum gGmbH in Dortmund. Beide Stiftungskuratoren waren bereits bis zur Gründung der neuen Trägergesellschaft Mitte 2009 aktiv in die Museumsvorbereitungen eingebunden. Das DFB Fußballmuseum wird 2014 in Front des Dortmunder Hauptbahnhofs eröffnet. STiFTuNg intern namen und nachrichten dANK uNd AbSCHied

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STiFTuNg intern satzung und gremien Stiftung intern: Satzung und Gremien AuSzug AuS deR SATzuNg deR dFbKulTuRSTiFTuNg VOM 19.04.2011: § 2 STiFTuNgSzweCK 1. zweCK deR STiFTuNg iST die FöRdeRuNg VON KuNST uNd KulTuR, wiSSeNSCHAFT uNd FORSCHuNg, bilduNg uNd eRzieHuNg SOwie deR VölKeRVeRSTäNdiguNg iM zuSAMMeNHANg MiT deM FuSSbAllSPORT 2. deR STiFTuNgSzweCK SOll iNSbeSONdeRe weRdeN duRCH: Errichtung oder Unterstützung eines Museums zur Geschichte des Fußballsports, Schaffung einer Sammlung bedeutender fußball- oder kulturhistorischer Exponate (beispielsweise historische Ausrüstungs- und Spielgegenstände wie etwa Ball, Schuhe und Trikots aus dem WM-Finale von 1954 in Bern oder ähnliches) Pflege und Bewahrung der Fußballhistorie (insbesondere der Geschichte der Nationalmannschaften sowie der internationalen sportlichen, sportpolitischen und sozialen Erfolge und Verdienste von Spielern, Trainern und Funktionären) und Durchführung von sportlichen, kulturellen, erzieherischen oder wissenschaftlichen Veranstaltungen mit ihren herausragenden Repräsentanten zur Bewahrung von Erinnerung und Überlieferung Trägerschaft, Durchführung Förderung von Studien, Projekten und Maßnahmen, die sich mit der Geschichte des Fußballs in Deutschland beschäftigen, wobei übergeordnete thematische Gesichtspunkte (wie "Frauenfußball in Deutschland" oder "Profifußball in Deutschland") im Mittelpunkt stehen sollten Förderung und Durchführung von wissenschaftlichen - insbesondere sportwissenschaftlichen - Veranstaltungen und Vorhaben, wie etwa Tagungen, Symposien, Diskussionen, Vorträgen, Seminaren etc. oder die Vergabe von Förderpreisen Förderung von Projekten und Initiativen, die sich für die Völkerverständigung, die Integration von ausländischen Mitbürgern sowie gegen fremdenfeindliche, rassistische und insbesondere antisemitische Tendenzen einsetzen Unterstützung und Erhaltung der Errichtung Einrich- oder Unterstützung von fußballbezogenen Kunst- und Kulturprojekten, insbesondere durch Ausstellungen zur Geschichte des Fußballsports oder Ausstellungen bildender Kunst, durch Theaterstücke oder musikalische, tänzerische und andere öffentliche Aufführungen und Darbietungen Förderung von zeitgenössischen Konzepten und Initiativen, die eine Verbindung von Fußballsport und Kunst, Kultur oder Wissenschaft zum Gegenstand haben, beispielsweise durch literarische Werke (etwa Romane, Erzählungen oder Gedichte), durch Filme oder interaktive Kunst- und Kulturprojekte (wie beispielsweise der WM Globus zur Weltmeisterschaft 2006) VeRwiRKliCHT tungen, die den vorgenannten Aufgaben dienen

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dr. theo ZwanZiger (Vorsitzender) DFB-Präsident horst r. schmidt (Schatzmeister) DFB-Schatzmeister Karl rothmund (Stellvertretender Vorsitzender) DFB-Vizepräsident für Sozial- und Gesellschaftspolitik olliVer tietZ (Geschäftsführer) KuRATORiuM dr. göttriK wewer (Vorsitzender) Vize-Präsident E-Government Deutsche Post Consult GmbH, ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender der Nationalen DFB Kulturstiftung WM 2006 gGmbH dirK mansen Leiter des HSV-Museums rita PawelsKi (Stellvertretende Vorsitzende) Mitglied des Deutschen Bundestages, u. a. Vorsitzende der Gruppe der Frauen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Bernd neumann Kulturstaatsminister christoPh Biermann Sport-Journalist und -autor, Chefredakteur "11 Freunde - Magazin für Fußballkultur" alBert ostermaier Schriftsteller, Mitglied der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft Prof. dr. dr. franZ-Josef Brüggemeier Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg, Mitglied im Fachbeirat der Stiftung DFB Fußballmuseum gGmbH fritZ Pleitgen ehem. Vorsitzender der ARD und Vorsitzender der Geschäftsführung der RUHR 2010 GmbH Dr. HeinricH GansefortH Geschäftsführer Strategy & Marketing Institute Managements Consultants GmbH moritZ rinKe Schriftsteller, Mitglied der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft Jochen hieBer Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mitglied im Fachbeirat der Stiftung DFB Fußballmuseum gGmbH romani rose Vorstandsvorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma rainer holZschuh Herausgeber des Kicker-Sportmagazins claudia roth Bundesvorsitzende BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN STiFTuNg intern satzung und gremien VORSTANd

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VeRMiSCHTeS glosse moritz rinKe Die Kultur und der Fußball... ... SiNd dAS eigeNTliCH SO gROSSe gegeNSäTze? FRAgT SiCH deR dRAMATiKeR, ROMANCieR uNd ReKORdTORJägeR deR deuTSCHeN AuTOReN-NATiONAlMANNSCHAFT MORiTz RiNKe iN dieSeR glOSSe. Hier die intellektuellen, feinsinnigen Denker und Künstler mit Seidenschal und Latte Macchiato, dort der Profi, der aus dem Mannschaftsbus steigt mit Kopfhörer und Kaugummi? Wenn man einem ahnungslosen Menschen Bilder von Jogi Löw oder zum Beispiel Per Mertesacker vorführen würde und danach Aufnahmen von Clemens Meyer, Michael Lentz oder meinetwegen auch von mir - wen würde dieser ahnungslose Mensch für einen Künstler halten und wen für einen Fußballtrainer oder Fußballspieler? Kultur und Fußball sind längst keine antipodischen Hoheitsgebiete mehr. Löw sieht in seinen stilsicheren Pullis und den elegant gebundenen Schals aus wie ein italienischer Lyriker (dabei ist Lentz Lyriker, sieht aber aus wie Tottenhams härteste Abwehrwaffe). Und ich und Clemens Meyer, wir sehen eher aus wie Torsten Frings oder weiland Carsten Ramelow. Früher, ja, da war man noch erstaunt, wenn angeblich Joseph Beuys so angetan von Günter Netzer gewesen sein soll, dass er ihm einen Lehrstuhl für Ästhetik angeboten habe. Oder wenn man herausfand, dass der Philosoph Martin Heidegger ("Sein und Zeit") beim FC Meßkirch tatsächlich linker Läufer spielte oder sogar Lothar Matthäus Kamingespräche mit Bernhard Minetti führte (glaube ich aber bis heute nicht!). Früher auch ging das Werben um Liebe eindeutig von den Kulturleuten aus, weniger von den Fußballmenschen, das war in der Tat eine einseitige Leidenschaft. Unvergessen für mich, wie einmal ein Freiburger Kunstprofessor vor eben jenem Günter Netzer stand und ihm mit Händen und Füßen und tausend Worten die Dimensionen der "Sozialen Plastik" von Joseph Beuys erläuterte, dem deutschen Picasso, lehrend an der Kunstakademie Düsseldorf, und irgendwann Netzer nur sagte, zwischen ihm und diesem Beuys von Düsseldorf hätte es nie Verhandlungen gegeben... Die Kulturellen erbauten sich spielende Ikonen, aber die Ikonen liebten noch nicht so richtig zurück. Heute ist das anders: Vereine holen sich Kulturbeauftragte; Manager rufen an, um zu fragen, ob man ihnen Kontakte zu Galerien machen könne; berühmte Trainer ohne Club lassen sich von der Autoren-Nati- onalmannschaft verpflichten, um sie bei WM-Word-Cups zu betreuen oder bei Länderspielen gegen Israel oder Argentinien - und manch einer findet sogar in diesem Zusammenhang eine neue Liebe unter den Kulturmenschen. Ja, ja, lieber Herr Meyer, Hans! Und auch der DFB hat schon seit längerem eine Kulturstiftung ins Leben gerufen, die auf verschiedensten Gebieten die schönen Disziplinen miteinander verbindet. Und das ist auch richtig. Längst hat der Fußball sich auch über das Spielfeld hinausbewegt und ist in der Zivilgesellschaft angekommen; er verhandelt den Umgang mit Vorbildern, Nationalstolz und Identität, mit Überforderung, Leistungsdruck, Trauer und wohl bald auch mit Lebensformen wie gleichgeschlechtlichen Beziehungen etc. Der Fußball hat heute eine viel zu große Strahlkraft, als dass er sich erlauben könnte, nur noch mit Sponsoren zusammenzuarbeiten. Wir müssen ja nicht gleich Jogi Löw Gedichte schreiben lassen, aber umgekehrt sind die Literaten der Autoren-Nationalmannschaft zu erzielen. sogar in der Lage, Tore mit dem Kopf

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imPressum HeRAuSgebeR: dfb-Kulturstiftung otto-flecK-schneise 6, 60528 franKfurt / main tel. +49 (0) 69 6788-452 fax +49 (0) 69 6788-64 52 www. dfb-Kulturstiftung.de Tore mit dem Kopf: Im Länderspiel am 16.09.2009 gegen die Türkei trifft Moritz Rinke drei Mal. Auf dem Foto sein mustergültiger Kopfball zum 5:0. Mit 32 Treffern ist er Rekordtorjäger der Autoren-Nationalmannschaft. Der prämierte Theaterautor veröffentlichte 2010 seinen Debüt-Roman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel", der auf Anhieb zum Beststeller wurde. Moritz Rinke lebt in Berlin. gASTbeiTRäge: bernd neumann, albert ostermaier, norbert Kron, Prof. dr. dr. franz-josef brüggemeier, moritz rinKe geSTAlTuNg: connect gmbh agentur für soziale KommuniKation Kronberg bildNACHweiS: getty images, haus der Kulturen der welt, me collectors room berlin, deutsches literaturarchiv marbach, brot & sPiele e. v., aljoscha Pause, claudia wiens, stiftung dfb fussballmuseum gmbh, sPortmuseum basel, zentralrat deutscher sinti und roma, eintracht franKfurt museum, Karl friedrich hohl, zdf-bilderdienst, stadt leverKusen, stadt sinsheim, stadt wolfsburg, heinrich-böll-stiftung, musiKzentrum hannover, deutsches jugendfilmzentrum remscheid, günther bauer, soPhie wagner, max eicKe, Kreuzbergmuseum, dw-aKademie, schwules museum berlin, bochumerKünstlerbund, jens gyarmaty dRuCK: osterchrist, nürnberg RedAKTiON, KOORdiNATiON uNd TeXT: olliver tietz, maren feldKamP

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KULTURSTIFTUNG DES DEUTSCHEN FUSSBALL-BUNDES | OTTO-FLECK-SCHNEISE 6 | 60528 FRANKFURT / MAIN