Sepp Herberger

  • Nationaltrainer von 1936 bis 1964
  • 167 Länderspiele - 94 Siege, 27 Unentschieden, 46 Niederlagen
  • Weltmeister 1954
  • Der "Weise von der Bergstraße" verstarb 1977 im Alter von 80 Jahren

Der Macher, der Magier, der Mythos

Das Notizbuch der Schwächen und Stärken der gegnerischen Spieler - es ist nur die Fußnote in einer Vita, die so spannend, so aufregend, so einmalig gewesen ist, dass sich selbst die Schöpfer großer Worte in späteren Würdigungen auf simple Superlative verständigten: Josef Seppl Sepp Herberger, "der Weise von der Bergstraße", wurde zur "Legende", zu einer der "schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs", zum Hexenmeister und Trainer-Guru und Volkshelden.

Der Tag, an dem aus einem Fußball-Lehrer ein Mythos wurde, auf seine Art auch ein Architekt und Baumeister deutscher Aufbaujahre, ein gerühmter Nachkriegs-Pionier wie der Kanzler Konrad Adenauer und der Wirtschaftswunder-Minister Ludwig Erhard, ereignete sich 1954 im Wankdorf-Stadion zu Bern. Weltmeisterschafts-Finale zwischen Ungarn und Deutschland, Riese gegen Zwerg, der Über-Favorit gegen den geradezu hoffnungslosen Außenseiter. Doch genau der gewann nach einem fast schon deprimierenden Rückstand von 0:2 schließlich mit 3:2 – dank Sepp Herberger, dem listigen Tüftler und Taktiker auf der Trainerbank, dank Fritz Walter, seinem kongenialen Spielführer, dank Max Morlock, Helmut Rahn und Torwart Toni Turek, den Herbert Zimmermann in seiner denkwürdigen Hörfunk-Reportage zu einem "Fußball-Gott" machte. Und weil es arg untertrieben gewesen wäre, lediglich von einer Sensation zu sprechen oder gar nur von einer alltäglichen Überraschung, ging dieser Triumph, der auch für das Selbstwertgefühl der jungen Republik eine enorme Schubkraft wurde, als "Wunder von Bern" in die Sportgeschichte ein.

Herberger war der Macher, der Magier, der an jenem denkwürdigen 4. Juli 1954 zu einer Unvergänglichkeit geworden ist, zu einem Denkmal seiner selbst. Eine facettenreiche, eine charismatische Persönlichkeit, die wegen ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit von keinem Klischee eingegrenzt werden konnte: Herberger war eckig und sperrig, Pedant und Perfektionist, Diktator und Despot, väterlicher Freund und gestrenger Patron, nachsichtig und unerbittlich, schroff und charmant, treu, verlässlich und in höchstem Maße besorgt um jeden der Seinen, die ihm ans Herz wuchsen, als wären sie die eigenen Kinder.

"Der Ball ist rund" und andere geflügelte Worte

Und er war ein begnadeter Psychologe, ein intellektuelles Natur-Talent, ein effizienter Autodidakt, dessen Weisheiten nicht in schlauen Büchern wurzelten. Er setzte Leerformeln in genialer Schlichtheit in Lehrformeln um und erhob simple Selbstverständlichkeiten in den Rang des Dogmatischen.

"Der Ball ist rund", hat er gesagt. "Der nächste Gegner ist immer der schwerste", hat er gesagt. "Ein Spiel dauert 90 Minuten", hat er gesagt. "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", hat er gesagt. Doch weil das nicht irgendeiner gesagt hat, sondern er, der kluge Sepp Herberger, wurden solche Binsenweisheiten zum Inbegriff der ultimativen Erkenntnisse, zum Stehsatz geflügelter Worte.

Als Arme-Leute-Kind am 28. März 1897 in Mannheim geboren, Sohn einer achtköpfigen Familie, die den Vater verlor, als der Junge gerade zwölf Jahre alt war. Aufgewachsen im Arbeiterviertel Waldhof, verdiente er das erste Geld, eher karg und bescheiden, in einer Mechaniker-Werkstatt und dann bei einer Bank. Doch sein Lebensziel definierte sich schon ganz früh über den Fußball. Obwohl die Eltern nicht gerade hellauf begeistert waren, allein wegen der vielen teuren Schuhe, die beim Bolzen draufgingen, drehte sich sein Sinnen und Trachten bereits in den Kindertagen um die lederne Kugel. Schon mit 17 spielte er in der ersten Mannschaft des SV Waldhof Mannheim, wo er als Halb- oder Mittelstürmer, als sensibler Techniker, knochenharter Kämpfer und konditionsstarker Renner auffiel und sich wegen seiner unglaublichen Vielseitigkeit für die Nationalmannschaft empfahl.

Da debütierte Sepp Herberger im September 1921 beim 3:3 gegen Finnland. Doch ehe so etwas wie die ganz große Karriere beginnen konnte, stand nur ein Jahr danach eine Barriere in der Quere: Herberger wurde wegen des Verstoßes gegen die gestrengen Amateurregeln lebenslang gesperrt, weil er beim Vereinswechsel ein paar Mark genommen haben soll. Aber dieses Thema klammerte er lieber aus, wenn er später, längst begnadigt, als hoch geachteter und idealistischer Prediger und Hüter der reinen Lehre zu den Anfängen seiner Laufbahn befragt wurde.

Enges Verhältnis zwischen Denker Herberger und Lenker Fritz Walter

Und auch ein anderer wunder Punkt in seiner pauschal als vorbildlich und lupenrein gerühmten Vergangenheit wurde lange Zeit diskret umdribbelt – sein Verhältnis und seine Einstellung gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern. Denn schon am 1. Mai 1933, gut drei Jahre vor seiner "Berufung" zum Reichstrainer, wurde er als Mitglied Nummer 2208548 in die NSDAP eingeschrieben – damals weder gedrängt noch genötigt. Sicher war er alles andere als ein glühender Verehrer des Unheil-Regimes – doch ein oppositioneller Verweigerer ist er wohl auch nicht gewesen, weshalb Herberger 1946 beim Entnazifizierungsverfahren von der Spruchkammer Weinheim als "Mitläufer" bezeichnet und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Der DFB allerdings sah keinen Anlass, seinen Cheftrainer deshalb in Frage zu stellen. Herberger war und blieb an der Spitze des Lehrstabs und baute Zug um Zug eine Nationalmannschaft auf, die sich im November 1950 beim 1:0 gegen die Schweiz im überfüllten Stuttgarter Neckarstadion zum ersten Mal wieder präsentierte und vier Jahre danach in Bern die Fußball-Welt auf den Kopf stellte. Mit Herberger, dem Denker, mit Fritz Walter, dem Lenker – dem einzigen Menschen vielleicht, den Sepp Herberger außer seiner Frau Ev als Vertrauensperson akzeptierte.

Das enge Verhältnis zwischen dem Trainer und dem Star, der seinen Mentor in respektvoller Distanz zeitlebens als "Chef" bezeichnete, bewährte sich vor allem in jenen dürren, weniger glanzvollen Jahren, die der Einmaligkeit von Bern folgten: 1958 führte Herberger die DFB-Elite bei der Weltmeisterschaft in Schweden lediglich auf den vierten Platz, 1962 wurde das Viertelfinale von Chile bereits zur Endstation Sehnsucht, und zwei Jahre danach verabschiedete sich Sepp Herberger beim 4:1 gegen Finnland in Helsinki von einem Amt, das er seinem Musterschüler Fritz Walter wohl weit lieber übereignet hätte als Helmut Schön, seinem Nachfolger.

Doch auch der schrieb große Sportgeschichte und erreichte, gemessen an Wert und Vielzahl der Pokale, weit mehr als sein Vorgänger, der am 28. April 1977 im Alter von 80 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls starb. Nur wenige Stunden nach dem letzten Spiel, das er gesehen hatte. Es war das 5:0 zwischen Deutschland und Nordirland in Köln.